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Die Welt · 1897-06-11 · 2 (11.6.1897) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
2 (11.6.1897)
Article
Lord Beaconsfield
Date
1897-06-11
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2. JPles^WC Seite 15. Das, was England und Frankreich im vierzehnten, Spanien im fünfzehnten, Rußland im neunzehnten Jahrhundert gethan hat? Es ist die Sache der Völker, welche der zweiten Methode huldigen, zu erwägen, ob das Beispiel Spaniens vom reinen Nützlichkeitsstandpunkte aus Nachahmung verdient; aber gesetzt den Fall, daß sie allen geschichtlichen Erfahrungen zum Trotz den unklugen Versuch wiederholen — was dann? Hier hört Disraeli's Mahnung an die Völker auf, und sein — Zionismus beginnt. Die Dichtung „Tancred" mit dem Nebentitel „Der neue Kreuzzug" (1847) ist so wenig einheitlich und abgerundet wie das ganze Wesen Disraeli's, und wer die innerste Tendenz des Werkes hcrausschälen will, muß wieder auf Nebendinge und Seitenbemerkungen Acht geben, die sich leicht der Aufmerksamkeit entziehen. Die Mahnung an die Christen hat Georg Brandes kurz und zutreffend in die Worte zusammengefaßt: „Wenn Ihr consequent wäret, im Ernste das glaubtet, woran Ihr immer zu glauben versichert, dann handeltet Ihr in Masse so begeistert, so naiv, so gläubig, so verrückt wie mein Held. Und wäret Ihr wahrhaft, dann räumtet Ihr wie er ein, daß Ihr den Juden und dem Judenthum all' Eure kostbarsten Kleinodien verdankt, und würdet wie er, statt sie gering zu schätzen und zu verfolgen, sie hochachten. Ihr seid aber weder consequent noch wahrhaft, weder gläubig noch begeistert; Ihr seid Alle sammt und sonders philiströse Rationalisten, und da Ihr es nicht zu gestehen wagt, so prüft Eure Zähne an meinem Buch." Aber das Werk ist nicht allein für die Christen geschrieben; wieder hat Brandes das Verhältniß Disraeli's zur Judenfrage verkannt. Tancred, der Sproß einer herzoglichen Familie, also ein „geborener Führer", verzweifelt an seinem Vaterlande, das ihm Alles verloren zu haben scheint, den Glauben, die Wahrheit, die Liebe... Er sucht nach Licht in dieser Finsterniß, er lechzt nach einer neuen Offenbarung. Und es gibt nur einen Ort in der Welt, wo sich Gott den Menschen offenbart hat, den Ort, auf welchem die Patriarchen, die Propheten und Jesus gewandelt. Tancred geht, ein moderner Kreuzfahrer, nach Palästina, um dort die Wahrheit über göttliche und menschliche Dinge zu erfahren. Sein Wunsch geht in Erfüllung. Erst offenbart ihm ein Engel in Gestalt eines jüdischen Mädchens den Ursprung der christlichen Religion und der modernen Cultur; dann erscheint ihm in einer Vision der Genius der semitischen Welt und verkündet das Evangelium der Rückkehr zur Einfachheit des altjüdischen Volkslebens — darin liege Europas Zukunft und die Heilung für die moderne Gesellschaft. Gleichheit aller Menschen vor Gott — das ist vielleicht die bündigste Formel, in die man Disraeli's theologisch-politischen Tractat — denn das ist „Tancred" — verdichten könnte. Wenn aber dieses Heilmittel ganz Europa verschrieben wird, so hat es selbstverständlich in erster Reihe seine Geltung in Bezug auf die Juden, welche am ehesten disponirt sind, die Medicin mit Erfolg zu gebrauchen. Die Juden in ihrer weitaus überwiegenden Mehrzahl haben weder ihren alten Gott, noch ihre alte Gleichheit vergessen, sie brauchen also nichts Neues zu lernen. Die Formel von der Gleichheit vor Gott, welche für das christliche Europa eine wahre Roßcur bedeutet, denn noch nie war die europäische Gesellschaft dermaßen in Kasten geschieden wie in unserer Zeit, das ist für die Juden das natürlichste und leichteste Mittel von der Welt. Unter einer Voraussetzung — wenn es ihnen gegönnt ist, auf eigenem Boden ihre eigenen Wege zu gehen. Und wie denkt Disracli über diese Frage, die den Kern aller das Judenthum betreffenden Probleme enthält? Klar und deutlich, nicht durch den Mund einer dichterischen Gestalt, sondern im eigenen Namen sagt er es in knapper epigrammatischer Form, daß es beinahe wie ein Motto klingt zur zionistischen Bewegung unserer Zeit. Die Weinberge Israels sind nicht mehr vorhanden, aber das ewige Gesetz gebietet den Kindern Israels, immer noch das Fest der Weinlese (Laubhütten) zu feiern. Ein Stamm, der fortsährt, seine Weinlese zu feiern, obgleich er keine Trauben zu lesen hat, wird seine Weinberge wiedergcwinnen.*) War es Disraeli ernst mit seinen zionistischen Ideen? Man hat ihm so oft den Vorwurf der Frivolität gemacht, und nicht immer mit Unrecht; er hat die parlamentarische Regierung Englands so oft als Komödie behandelt und selbst darin die Rolle des ersten Komödianten gespielt. Aber noch nie hat Jemand die Aufrichtigkeit seiner Ansichten in Bezug auf die Juden und ihre Zukunft in Zweifel gezogen, und wenn es noch eines Zeugnisses bedürfte, so hat der große Gegner Beaconsfield's, Gladstone. also gewiß ein einwandfreier Zeuge, ein solches in dem herben Tadel geliefert: „Disraeli hat nur zwei Dinge ernst genommen: seine Frau und seinen Stamm." Und haben Disraeli's zionistische Gedanken eine autoritative Bedeutung? Es sind bald zwei Jahrzehnte verflossen, seitdem die conservative Partei in England ihren Schöpfer und Führer verlor, und doch ist sein Andenken in beiden Lagern des parlamentarischen Heeres so lebendig wie nur je. Aus guten Gründen. Wenn Marquis of Salisbury heute über eine Mehrheit verfügt, wie sie vielleicht niemals vorher ein englischer Premierminister besessen hat, so hat er dies den Grundsätzen seines Meisters zu verdanken, welche er zögernd und widerwillig zu den seinen machte, dann aber um so eifriger befolgte; wenn ganz England, England im weitesten erdumfassenden Sinne, der Königin Victoria eine Huldigung darzubringen sich anschickt, die einzig ist in der Geschichte jenes glücklichen Jnselreiches, so wissen die Kundigen, die Königin obenan, wer diese monarchische Gesinnung in dem Volle großgezogen hat, das in den Dreißiger- und Vierziger-Jahren, als Victoria ihre Regierung begann, von radicalen republikanischen Ideen erfüllt war; wenn England jetzt daran geht, dem Bauernstände eine neue, von den Ereignissen dringend geforderte Bedeutung zu verschaffen, so geschieht das in Ausführung eines Wunsches, den Disraeli seiner Partei als Vermächtniß hinterlaffen; wenn endlich am 22. Juni 1897 Menschen in allen Farben und Trachten vor dem britischen Throne erscheinen und der Königin augenfällig gezeigt wird, daß die Sonne in ihrem Reiche nicht untergcht, so weiß Jedermann, wem die Kaiserin von Indien die Einheit und Festigkeit des ungeheuren Staatsgebäudes verdankt. Benjamin Disraeli's politische Ideen sind wie die Weissagungen eines Propheten in verhältnißmäßig kurzer Zeit zur Wahrheit und Wirklichkeit geworden. Auch die Prophezeihung, daß die Juden ihre Weinberge wiedergewinnen werden, geht ihrer Erfüllung entgegen. *) The vinegards of Israel have ceased to exist, but the eternal law enjoins the children of Israel still to celebrate the vintage. A race that persists in celebrating their vintage, aUhongli tbev have no fruits to gather, will regain their vinegards. Tancred II, 152 (Tauchnitz Edition). Die Bücherwelt. Die nationale Wiedergeburt der Juden. Eine volkswirthschaftliche Studie von Max JaffA Berlin, Verlag Hugo Steinitz. Das Büchlein, das recht angenehm zu lesen ist, bringt dem zionistischen Leser nichts Neues. Nichtsdestoweniger gewinnt der Autor sofort unsere Sympathie durch die nüchterne Klarheit, mit der er den modernen Zionismus ersaßt, und durch die überzeugende Kraft des Ausdruckes, mit dem er alle Bedenken verwirft. Wenn wir auch nicht der Auffassung Jaffas zustimmen können, die Judensrage wäre eine wirtschaftliche Machtfrage, so müssen wir doch anerkennend hervorheben, daß Jaffe ein moderner Zionist ist, der für den Staatszionismus plaidirt. Lesenswerth ist auch die Abfuhr, die er den Missionsjuden ertheilt. Wir empfehlen gerne das Buch zur Agitation. Sch. An unsere Aler! In einer der nächsten Nummern der „Welt" beginnen wir die Veröffentlichung einer interessanten Artikelserie des Architekten chskar Warmorek unter dem Titel: „Sa«ged«nkeir für Palästina". Die Redactiou.

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