Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 2 (11.6.1897)
- Article
- Lord Beaconsfield
- Date
- 1897-06-11
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14. jtoiQMK Nr. 2 und er wird vom Sultan besiegt. Das jüdische Reich auf fremdem Boden zerfällt, kaum daß es aufgebaut worden ist. Brandes hat die feine Bemerkung gemacht, daß man bei Disraeli das Persönliche nicht in dem zu suchen hat, was er mit Absicht und bewußtem Wollen sagt, sondern in dem, was ihm gegen seinen Willen, ohne sein Wissen entschlüpft. Leider hat Brandes selbst diese Bemerkung nicht zur Richtschnur für die Beurtheilung Disraews genommen. Der zionistische Roman „David Alroy" ist in Wahrheit sehr arm an zionistischen Gedanken: aber selbst das Wenige, das uns einen Blick in die Seele des Dichters gestattet, ist von Brandes falsch gedeutet worden. Als Alroy auf seinem Lotterbette in Bagdad immer tiefer in Verweichlichung versinkt, sucht ihn Jabaster, der Kabbalist, dem er sein Leben und seine Würde verdankt, aufzurütteln, indem er ihn an das noch lange nicht erreichte Ziel erinnert. „Was willst Du mehr?" fragt Alroy, „das jüdische Reich ist wieder erstanden, die Altäre des einig-einzigen Gottes rauchen von Brandopfern — was willst Du noch?" „Alles!" antwortet Jabaster. „Du fragst mich, was ich wünsche? Wohlan denn: ein nationales Leben, das uns noch fehlt; das Land der Verheißung, Jerusalem, den Tempel — Alles, was wir verloren haben und nach dem wir uns sehnen, Alles, um das wir gekämpft haben: unser schönes Land, unseren heiligen Glauben, unsere einfachen Sitten, unsere alten Gebräuche." „Die Sitten ändern sich mit der Zeit und den Umständen; die Gebräuche kann man überall beobachten. Was aber das Land betrifft, ist der Tigris weniger als der Silva, steht der Euphrat dem Jordan nach?.... Ich verehre den Herrn der Heerschaaren; vielleicht wird er die Tage bei Nishabur und am Tigris als Ersatz gelten lassen für eine leichte Verletzung des Speise- und Baderituals." „Merke auf mein Wort!" sagt Jabaster. „Durch das Speise- und Baderitual ist Alroy groß geworden, ohne es wird er fallen. Der Genius des Volkes, den er theilte, erhob ihn. und dieser Genius ist durch das Gesetz Mosis geworden. Der Herr hat Juda gesegnet: es ist sein Land. Er wollte, daß sein Volk es bewohne. Deswegen hat er uns durch viele eigenartige Ceremonien und Gebräuche von allen Nationen abgesondert: wir können nicht gleichzeitig ihnen und ihm angehören ... Du kannst König von Bagdad sein, aber Du kannst nicht gleichzeitig der König der Juden sein." Nicht allein der Ausgang der Ereignisse gibt dem Priester Recht, sondern der ganze Zusammenhang der Geschichte zeigt deutlich, daß Disraeli seine oft wiederholte Ansicht Jabaster in den Mund legte: Ein jüdischer Staat hat seine Berechtigung ausschließlich auf dem jüdischen Boden. Merkwürdigerweise deutet Brandes das Zwiegespräch zwischen Alroy und Jabaster so, „als ob Disraeli auf dem Boden Jerusalems nicht der Versuchung widerstehen konnte, sich einen Augenblick Kräfte, wie die seinigen, zu dem Zwecke angespannt zu denken, das heilige Land dem auserwählten Volke zurückzugeben: als sei er aber beim Durchphantasiren und Durchdenken dieser Aufgabe schnell zu dem Resultat gekommen, daß ein Ehrgeiz im großen staatsmännischen Styl niemals Nahrung bekommen könne, wenn er sich in den Kampf für eine Herrschaft von so geringem Umfang und Gewicht verrenne". Die Haltlosigkeit dieser willkürlichen Auslegung tritt am klarsten zu Tage, wenn wir die Frage stellen, was der Dichter wohl Alroy in den Mund gelegt hätte, falls er, Disraeli. nicht zu diesem „Resultat" gekommen wäre, sondern die Aufgabe für ein wohl erstrebenswerthes Ziel festgehalten hätte? Hätte Disraeli die geschichtlichen Thatsachen, den Charakter Alroy's, den unglücklichen Ausgang ändern können? Alroy ging ja an Bagdad und seinem Verrathe an der jüdischen Sache zu Grunde, Disraeli mußte ihn also sprechen lassen, wie wir ihn im Dialoge mit Jabaster vernehmen. Daß das aber nicht Disraeli's Ansicht war, das geht, ganz abgesehen von der Dichtung „David Alroy", klar und deutlich aus seinen späteren Werken hervor. Hätte Brandes seinen Grundsatz ohne Voreingenommenheit vor Allem auf das reifste und bedeutendste Werk Disraeli's, „Coningby", angewendet, so hätte er mit seinem scharfen kritischen Ohre weit mehr herausgehört, als er, nach seiner Analyse dieses Romanes zu schließen, herausgehört hat. „Coningsby" ist ein englischer Edelmann, der die von Disraeli geschaffene Partei „Jung-England" vertritt, die Partei, welche das monarchische Princip hochhält, dem wahren Adel die Rolle der „geborenen Führer" zutheilt — man sieht, wie viel Judenthum in den Schlagworten der antijüdischen Bewegung unserer Zeit steckt! — und dem Landmanne zu seiner oft verkannten Stellung im Staatsleben verhelfen will. Dieses Programm hat scheinbar nichts mit dem Judenthum, nichts mit dem zionistischen Gedanken zu thun. Aber es bedurfte nicht der Gestalt Sidonia's, der gewissermaßen den über den Parteien stehenden Chorus in dem Romane bildet, um uns zu zeigen, daß Disraeli im Jahre 1844 gerade so voll war von dem Gedanken an sein Volk, wie zwölf Jahre vorher, als er die Messiasdichtung verfaßte. Sidonia ist ein Jude wie er in der Phantasie Beaconsfield's, aber in Wahrheit nicht existirt, jetzt nicht existirt. Ein Rothschild an Reichthum und Macht, sprachenkundig wie Mezzofanti, ein Wesen von lauter Intelligenz, frei von allen Leidenschaften wie Spinoza, dabei ein Weltmann, der in den Cabinetten der Könige und Kaiser ebenso zu Hause ist wie in den Salons der geistreichsten Damen von London und Paris — dieser von der Natur und dem Schicksale so verschwenderisch ausgestattete Mann ist Jude mit jeder Faser seines Herzens und beobachtet die altjüdischen Gebräuche, ganz wie es Jabaster in „David Alroy" von einem Juden verlangt, und wie Jabaster ist auch er von der Überlegenheit der jüdischen Rasse überzeugt. Nach Sidonia ist alles Große und Bedeutende in unserem Jahrhundert von Juden geschaffen, ist aller Einfluß, alle Macht in den Händen von Juden. „Sie werden nie eine große geistige Bewegung in Europa sehen, an der nicht Juden einen wesentlichen Antheil haben. Die ersten Jesuiten waren Juden: die geheimnißvolle russische Diplomatie, welche Westeuropa so sehr erschreckt, wird von Juden ins Leben gerufen und genährt; jene mächtige Revolution, welche im Augenblicke sich in Deutschland vorbereitet und die in Wahrheit eine zweite und größere Reformation werden wird, entwickelt sich unter der Aegide der Juden, welche fast alle Lehrstühle an deutschen Universitäten inne haben.Nach Sidonia war der russische Finanzminister Cancrin ein Jude, der spanische Minister Senor Mendizabel ein Jude, der Marschall Soult ein Jude. Massena ein Jude, Graf Arnim ein Jude... Und was folgt daraus? Einfach das Eine, daß die überlegene Rasse die mindere immer beherrschen wird, mag die brutale Gewalt der inferioren Mehrheit tausendmal Verfolgungen und Folterqualen ersinnen." Nun, die Vordersätze sind leider grundfalsch, daher haben wir uns mit den Schlußfolgerungen nicht weiter zu befassen. Die Juden haben niemals, am allerwenigsten im neunzehnten Jahrhundert die Machtstellung inne gehabt, die ihnen Beaeonsfield einräumt; die von ihm citirten Namen haben Christen arischer Abstammung gehört — mit einem Worte: der jüdische Einfluß erscheint in den Aussprüchen Sidonia's, die Beaconsfield später im eigenen Namen wiederholte (Leben Bentinck's, wo übrigens Mozart die Schaar der angeblichen Juden verstärkt), schrecklich übertrieben und geradezu carikirt. Aber im Wesen ist zum erstenmale der richtige Gedanke angedeutet, wie die Judenfrage zu lösen ist. Die Sache liegt so einfach wie ein logisches Schulexempel. Die Juden sind nicht auszurotten, nicht zu erniedrigen, nicht zu Heloten zu machen. Die Völker haben die Wahl zwischen zwei Methoden: entweder sie nehmen die Juden rückhaltlos als Brüder auf, gewähren ihnen uneingeschränkt alle Rechte, die Bürgern zukommen, und leiten so ihre großen Fähigkeiten in das Reservoir des gemeinen Wohls — diese Methode wird von Disraeli in „Coningsby" wie in dem Werke über Lord George Bentinck (24. Capitel) den Völkern aufs eindringlichste empfohlen; oder die Juden werden nach wie vor chicanirt, ins Ghetto gedrängt, dann haben sich die Völker selbst eine Geißel in ihnen erzogen, indem sie die Juden, die geborenen Conservativen, zu Malcontenten und Revolutionären machen. Einen Mittelweg gibt es nicht. Daher ergibt sich für jene Völker, welche die erste Methode nicht befolgen wollen und die zweite nicht befolgen sollen — was? ..,