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Die Welt · 1897-06-11 · 2 (11.6.1897) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
2 (11.6.1897)
Article
Berliner Brief
Date
1897-06-11
Page
7 (sequence 3)
Language
German
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Nr. S. Seite 7. Man muß ihn nur zn predigen verstehen. Aber das haben die deutschen Zionisten — von ihrem Infiltrations-Dogma ausgehend — gründlich verlernt. Und das ist tief zn bedauern. Vielleicht schafft da der Münchener Congreß, der ja auf deutschem, allerdings auf süddeutschem Boden stattfindet, direct oder indirect Wandel. Dann wird Aussicht auf jüdisches Leben in Deutschland vorhanden sein. Bis dahin bleibt es eine gutmüthige Phrase. Der Ziomsten-Congreß. Wien, 10. Juni. Freunde und Gegner des Congresses melden sich täglich. Eine dumpfe Gegenagitation, deren Ausgangspunkt wir zn kennen glauben, macht sich an verschiedenen Orten bemerkbar. Darin ist nichts, was uns mißfallen könnte. Die zionistische Bewegung, von der wir das einzige Heil unseres Volkes erwarten, muß naturgemäß die Unterschiede in den Auffassungen deutlicher hervortreten lassen. Wir werden gelegentlich erzählen, auf welche Weise man der Volkssache entgegenzuwirken versucht. Die Gründe dieses Verhaltens vermögen wir freilich vorläufig nicht einzusehen. * * * In München wird von einzelnen Personen gegen die Abhaltung des Congresses in dieser Stadt Verwahrung eingelegt. Warum? Die Herren scheinen gar nicht zu wissen, um was es sich handelt, wenn sie uns als Phantasten hinstellen. Es gibt Leute, die sich gegen den Zionismus erklären, ohne zu ergründen, was er ist, und gegen den Congreß, ohne auch nur entfernt zu ahnen, was dieser will. Wir könnten das noch verstehen, wenn wir ihre politische oder sociale Lage irgendwie gefährdeten. Thun wir das? Sie sagen, daß sie mit uns nichts gemein haben. Gut. Aber wenn dem so ist, warum mischen sie sich in unsere nationalen Angelegenheiten? Sie gehören einem anderen Volk an, und wir wollen diese Zugehörigkeit bereitwillig achten. Aber warum wollen sie uns nicht dem Volk angehören lassen, dem wir angehören? Qui trop prouve, ne prouve rien. Wir glauben, die Assimilirten würden am klügsten handeln, wenn sie sich um unsere „Phantastereien" gar nicht kümmerten. Denn gerade aus ihrer Feindseligkeit gegen uns könnte man Schlüsse gegen sie ziehen. Eia rechter Deutscher, Franzose, Engländer, Russe, Pole, u. s. w. läßt auch einen rechten Juden als solchen gelten. * * * Mehrere „philanthropische" Zionisten in Berlin und Londou erklären, am Münchener Congreß nicht theilnehmen zu wollen. Auch recht. * * Die „Jüdische Presse" läßt sich „aus New-Iork" schreiben: „Die Betheiligung an dem Münchener Congreß dürfte aus Amerika wenigstens auf wenige einflußlose Kreise sich beschränken." — Das wollen wir doch noch abwarten. Und wer ist denn überhaupt unter den „wenigen einflußlosen Kreisen" zu verstehen? Das erfahren wir aus der „New-Aorker" Correspondenz nicht. Und wer find, im verschwiegenen Gegensätze, die Einflußreichen? Wenn es solche gibt, wo waren sie bisher? Was haben sie für unser Volk gethan? Sind diejenigen die Einflußreichen, welche gedankenlos die Schnorrerei züchten und sich von den verschiedenartigsten Bettelbrüdern Herumkriegen laffen? Kommen diese „Einflußreichen" nicht nach München? Umso besser. 4- * In dem New-Iorker Blatte „Toleranz" schreibt Rabbi Mayer Kopfstein über den Zionisten-Congreß: Vielleicht kann dieser in der Geschichte unseres Volkes einzig dastehende Kongreß vorderhand ein Forum schaffen, das, zusammengesetzt aus den besten und unabhängigsten Staatsmännern, Juristen, Gelehrten und Denkern, einen offenen Gerichtshof bildet, der die Judenfrage aus der Welt schafft. Die Resultate dieser Zusammenkunft in München werden alle Juden aller Länder interessiren. Es darf daher kein Jude sich ablehnend oder spottend dieser ernsten Sache gegenüberstellen. Der Religionsjude muß die Religion vor dem Volke schützen. Der Nationaljude wird lernen, nicht nur das Volk vor der Religion zu schützen, sondern sich selbst und seine Leidens¬ und Stammesbrüder vor weiteren und größeren Bedrückungen. Christen über die Judenfrage. Antwort des Reverend William Henry Hechler. Königlich großbritannischer Botschastscaplan in Wien. Mit Freuden begrüße ich das Erscheinen der ersten Nummer des zionistlschen Weltblattes „Die Welt" genannt. Die ganze Welt ist ihr Gebiet, denn die Juden sind in der ganzen Welt zerstreut, und Ihr Thema, die bevorstehende Rückkehr der Juden nach Palästina, wird bald auch die ganze Welt interessiren. Ich erflehe auf Sie und Ihre Mitarbeiter in dieser wunderbaren Bewegung den reichsten himmlischen Segen des allmächtigen Gottes, der Alles nach seinem Willen regiert; denn „an Gottes Segen ist Alles gelegen!" Als Christ glaube ich auch an die jüdische nationale Bewegung, „Zionismus" genannt, denn nach der Bibel, ja nach den alten hebräischen Propheten selbst, muß ein „Jude nst a a t" noch einmal in Palästina erstehen, und wie es mir scheint, nach den Zeichen der Zeit zu urtheilen, werden die Juden sehr bald wieder ihr eigenes liebes Heim im alten, von Gott gegebenen Vaterlande besitzen. Möge sich bald der Ruf erheben : Palästina für die Juden! Vergessen Sie nie, Gott der Allmächtige hat das gelobte Land dem Abraham und seinen Kindern auf ewig gegeben. „All' das Land, welches du siehst, will ich dir zu eigen geben und deinen Nachkommen für immer." Genesis (1. Buch Mose) 13:15. Dann, als Abraham 99 Jahre alt war und Gott ihm statt seines alten Namens „Abram", den neuen Namen „Abraham" gab, und einen „ewigen Bund" mit ihm schloß und Abraham als 99jähriger Mann der erste Jude und Stammvater der Juden wurde, fügte Gott hinzu: „Ich will dir und deinen Nachkommen nach dir das Land ver° leihen, in welchem du jetzt als Fremdling weilst, das ganze Land Kanaan zum Eigenthum für immer, und will ihr Gott sein." Genesis (1. Mose) 17 :8. Und im nächsten Jahre, als Abraham 100 Jahre alt war, gab ihm Gott Isaak, den Sohn der Verheißung, der der erste ist, der als Jude geboren wurde, denn Abraham war ja erst seit einem Jahre als Jude in den Bund mit Gott ausgenommen worden. Nach der biblischen Chronologie wurde aber Isaak im Jahre 1894 auf 1893 vor Christi Geburt geboren, und jetzt schreiben wir 1897 nach Christi Geburt, das aber auch 1893 oder 1894 sein kann, da in unseren Tagen kein Mensch mehr das genaue Geburtsjahr Christi bestimmen kann. Merkwürdigerweise stehen wir also heute in der Weltgeschichte nach Christi Geburt gerade da, wo vor Christi Geburt Gott dem Abraham und seinen Nachkommen „das ganze Land Kanaan" als Heimat auf ewig gab, und das jüdische Volk zu bestehen anfing, und jetzt, 1897, wünschen Tausende, viele Taufende von Juden in ihr Gott gegebenes Vaterland zurückzukehren, um als neugeborene Nation wieder neben den anderen viel jüngeren Völkern gezählt zu werden. Wunderbar sind die Wege Gottes mit seinem alten Bundesvolke Israel! Zum dritten Male wiederholte Gott sein Versprechen, dieses Mal aber dem Enkel Abraham's, dem Jakob, damit das jüdische Volk ja nicht das ihm von Gott gegebene Vaterland vergesse: „Dieses Land werde ich deinen Nachkommen für immer zum Besitz verleihen." Genesis (1. Mose) 48:4. Auch die Größe und Grenzen des Landes im Norden, Süden, Osten und Westen hat Gott selbst bestimmt, als er seinen Bund mit Abraham schloß:

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