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Die Welt · 1897-06-11 · 2 (11.6.1897) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
2 (11.6.1897)
Article
Berliner Brief
Date
1897-06-11
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6. Nr. 2. Denn wir befinden uns in einer wesentlich anderen Lage, als die Juden des Ostens. Diese stehen außerhalb der modernen europäischen Cultur und sind schon durch den vollen Gegensatz zu ihr berechtigt, von ihrer eigenen Culturwelt als einer jüdischen zu sprechen. Wir aber nehmen Theil an der modernen europäischen Cultur, die sich mit einem eigenthümlichen nationalen Leben nur für jene Völker erfüllt, welche willens und kräftig genug sind, sie damit zu durchdringen. Soll also bei uns jüdisches Leben Pulsiren, dann müssen wir uns entweder freiwillig auf den Culturstandpunkt unserer östlichen Brüder stellen, oder wir müssen den Willen und die Kraft haben, trotz und in der europäischen Cultur ein nationales, ein jüdisches Leben zu begründen. Das erste Ziel, das ja manche romantisch angelegte Naturen besonders locken mag, ist glücklicherweise eine Platte Unmöglichkeit, das zweite ist der Zionismus. Was vorzionistisch an jüdischem „Leben" in Deutschland vorhanden war, berechtigt aber keineswegs, die deutschländischen über die österreichischen Juden zu stellen. Es ist wohl Thatsache, daß in Deutschland mehr Geld für jüdische Wissenschaft gegeben wird, als in Oesterreich, aber Thatsache ist auch, daß diese Wissenschaft keine solche des lebendigen, sondern des verstorbenen Judenthums ist und übrigens zum großen Theile von verdeutschten ungarischen oder polnischen Juden getrieben wird. Richtig ist, daß in Deutschland mehr jüdische Blätter als in Oesterreich erscheinen, aber richtig ist auch, daß ihr inländischer Leserkreis kein besonders großer und ihr publicistischer Lebenswerth zumeist ein sehr niedriger ist. Wahr ist, daß es in Deutschland eine viel gebildetere Orthodoxie gibt, als in Oesterreich, aber wahr ist auch, daß sie nicht den Erdgeruch, die Ursprünglichkeit hat, wie hier, wo die Orthodoxie noch einigermaßen mit dem Osten zusammenhängt. Es muß zugegeben werden, daß es an nichtorthodoxen und hochgebildeten Personen, die sich für jüdische Dinge interessiren, vielleicht einige wenige mehr gibt, als in Oesterreich, aber ebenso muß zugegeben werden, daß die Entjudung der für ein Volk so wichtigen führenden Geister in Deutschland viel, viel weiter gediehen ist, als in Oesterreich. Ein Vorzug Deutschlands ist es, daß es hier allenthalben jüdische Geschichts- und Literaturvereine gibt, aber wie gering ihre Bedeutung ist, soll noch ausgeführt werden, und sie würden nicht sein, wenn es nicht einig". Zionisten gäbe, die sie ins Leben riefen. Die Zionisten Deutschlands unterscheiden sich wesentlich von denjenigen Oesterreichs. Ihre Methode ist eine andere. Das liegt zum Theile darin, daß sie sich unter einem geringeren Drucke des Antisemitismus entwickelt. Doch kann das nicht der einzige Grund sein, denn die englischen Zionisten z. B. haben dem Antisemitismus überhaupt gar nichts zu verdanken und nähern sich in ihrem Typus doch mehr den österreichischen als den deutschen Gesinnungsgenossen. Die verschiedene Methode dürfte also auch noch ans andere Gründe zurückzuführen sein, so auf den Temperamentgegensatz zwischen dem norddeutsch und dem österreichisch beeinflußten Juden, zum allergrößten Theile vielleicht aber auf den zufälligen Umstand, daß gerade bestimmte Persönlichkeiten von einer die deutsche Methode bedingenden Eigenart zuerst in Deutschland als Zionisten austraten. Es gibt nicht viele Zionisten in Deutschland. Von einer Volksbewegung, wie sie jetzt in Oesterreich beginnt, keine Spur! Nicht einmal eine Studentenbewegung. Wenn man die Kugeln einer Rechenmaschine mit allen Namen deutschländischer bewußter Zionisten beschreiben wollte, es würden wahrscheinlich noch etwelche Kugeln unbeschrieben Zurückbleiben. Doch man müßte lügen, wollte man nicht zugestchcn, daß diese Gruppe in der von ihr gewählten Methode Großes leistet. Sw verzichtet von vorneherein auf „Bewegung", sie übersieht und unterschätzt vollends die Gefahren einer Colonisation ins Blaue hinein, sie hat keine Ahnung von der Macht und Wucht öffentlicher Meinung — aber an ihrem Werke, der allmäligen Infiltration Palästinas mit Juden, arbeitet sie mit rastlosem Eifer. Gerade jetzt kann sie auf eine Reihe großer Erfolge zurückblicken. Da ist zunächst der Sammelverein „Esra", der im letzten Jahre weit über 2000 Mitglieder in über 200 Städten zählte, bei 7000 Mark einnahm und circa 19.000 Mark für Palästina-Zwecke verausgabte. Einen weiteren Fortschritte bedeutet die Palästina- Ausstellung jn der vorjährigen Berliner Gewerbe-Ausstellung, die dann auch in Köln und Breslau ihre Zelte aufschlug und demnächst auch in Frankfnrt a. M. aufzuschlagen gedenkt. Die hier zur Ansicht gebrachten Produkte, namentlich aber die ausgestellten Weine wußten unstreitig viel dazu beizutragen, der palästinensischen Erde und ihren Bauern einen guten Ruf zu bereiten. Eine ähnliche Veranstaltung wird die Theilnahme der Colonien an der diesjährigen Hamburger Gartenausstellung sein. Neben diesen vorübergehenden Veranstaltungen — die uns übrigens auch den wesentlichsten Nutzen der praktischen Colonisation, ihren propagandistischen Werth enthüllen — sorgen die deutschländischen Zionisten für dauernde Unternehmungen zur Unterstützung der Colonisation. So hat sich vor einigen Monaten eine „Palästina-Jmport-Gesellschaft" gebildet, die in der City Berlins ein sashionables Vrrkaufslocal unterhält, und ebenso geht von Berlin der seiner Realisirung nahe Gedanke aus, mit den Geldern jüdischer Capitalisten aller Länder in Paris eine Agrarbank für Palästina zu gründen. Bezeichnenderweise wird sich diese Bank nicht als jüdische bezeichnen und sie wird statutarisch Syrien als ihr Arbeitsgebiet anführen. Geheimthuerei mit offenen Geheimnissen — das ist eben ein aus der Nur-Jnfiltration sich logisch ergebender Charakterzug der deutschen Zionistenbewegung. Dieser Geheimthuerei zu Liebe werden die unbedingt erforderlichen großen politischen Maßnahmen nicht ergriffen. Nun haben die deutschen Zionisten allerdings auch noch andere als bloß auf die Infiltration gerichtete Bestrebungen. Zunächst wohl von ihrem starken jüdischen Gefühle getrieben, dann auch erwägend, daß man ja für immer neue Spender sorgen müsse, bemühen sie sich auch, in der jüdischen Bevölkerung des Deutschen Reiches den Sinn für jüdische Dinge zu wecken und jüdische Sammelpunkte zu schaffen. Zunächst brauchen sie natürlich solche für sich selbst, d. h. für die engsten zionistischen Kreise. Diesem Zwecke dienen zwei Vereine: „Jung- Jsrael" in Berlin und die „Nationaljüdrsche Bereinigung" in Köln. Elfterer ist schon mehrere Jahre alt und hat ausschließlich nur eine Bedeutung als Stätte der Belehrung und Ermuthigung für die zielbewußtesten Berliner Gesinnungsgenoffen. Der letztere hat weitergehende Intentionen — er will eine Organisation der deutschen Zionisten erreichen — da er aber eben erst geboren wurde, kann man natürlich nicht sagen, wie weit er kommen wird. Ein drittes, streng zionistisches Forum, die Monatsschrift „Zion" — die dreisprachig (deutsch, französisch, hebräisch) erscheint — hat, eben als Blatt, soweit sie sich nicht durch ihre auf exquisitere Kreise berechnete Schreibweise freiwillig einschränkt, vielleicht noch die breiteste Wirkung. Jn ihr kommen übrigens alle zionistischen Gesinnungsschattirungen zu Worte. Von den Bemühungen, allgemein jüdische Sammelstätten zu schaffen, ist die vor mehreren Jahren durch Zionisten herbeigeführte Gründung des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur besonders hervorzuheben. Nun, es ist ja ganz löblich, was da geschieht. Es kann den Leuten, die kommen, um Vorträge über jüdische Themata zu hören, nicht schaden; daß sie aber hiedurch für den Zionismus tauglicher würden, ist zumindest fraglich. Denn diese Vorträge sind populär, ohne volksthümlich zu sein. Das sagt Alles. Die Leute gehen nicht jüdischer von dannen, als sie gekommen find. Höchstens daß sie etwas Pietät — dieses garstige einschläfernde Surrogat für wirklich große, thatenzeugende Gefühle — mit auf den Weg nehmen. Und das ist ein Schaden für den Zionismus. Lassen sich ja die Zionisten selbst durch derlei Gerümpel — das einem alten echten Stockjuden des Ostens ebenso widerwärtig ist wie einem vollen Neuzeitmenschen — zu rückwärts schauenden romantischen Neigungen verführen. Dann gehen sie hin und versuchen, der Orthodoxie Concurrenz zu machen — ohne jeden stichhältigen Grund. Denn die Orthodoxie kann in Deutschland ohne fremde Hilfe bestehen und weder Rechtgläubigkeit noch freie Anschauungen in Religionssachen haben bisher Jemanden gehindert, Zionist" zu werden und zu bleiben, wenn er nur Sinn dafür hatte. Jede Parteinahme in diesen Dingen ist die höchste Ungeschicklichkeit. Der Zionismus ist lediglich eine nationale und sociale Bewegung.

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