Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 1 (4.6.1897)
- Article
- Aus Amerika
- Date
- 1897-06-04
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315711-3376886--00018-3376962- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8. Nr. 1. Aufnahme von Mitgliedern. Mit Annahme der Resolution hätte die Versammlung geschäftsmäßig beendet sein sollen. Die Begeisterung war aber eine solche, daß ein Theil der Anwesenden sofort als Mitglieder beizutreten wünschten. Das Counts ließ daher Bogen circuliren, auf welchen die Mitglieder ihre Namen und Adressen verzeichneten. Nachdem die Mitgliederliste dem provisorischen Secretär übergeben worden war, richtete Rabbiner Kopfstein noch einige Worte an die Versammelten, in welchen ec sie ersuchte, für den schönen Zweck im Kreise der Freunde und Bekannten zu agitiren und der nunmehr geschaffenen Vereinigung neue Mitglieder und Anhänger zuzusühren. Register Ferdinand Levy schloß hierauf die Sitzung und die Anwesenden entfernten sich in gehobener Stimmung und in dem Bewußtsein einer heiligen Sache einen Abend geweiht zu haben. —Dn-t'-i-ütz—- Christen über die Judenfrage. Die Redaction der „Welt" hat an mehrere Schriftsteller und Politiker die nachstehende Rundfrage gerichtet? 1. Wie denken Sie über den Zionismus? 2. Glauben Sie nicht, daß dieser das Los der jüdischen Massen bessern und die Judenfrage ein für allemal beseitigen kann? 3. Glauben Sie nicht, daß es im Interesse der Türkei ist, nach Palästina eine zahlreiche ackerbautreibende, steuerkräftige jüdische Bevölkerung zu bekommen und dieser eine gewisse Autonomie zu erth eilen? 4. Glauben Sie nicht, daß die europäischen Staaten eine derartige Lösung der Judenfrage durch völkerrechtliche Anerkennung eines mit Zustimmung der Türkei in Palästina errichteten jüdischen Gemeinwesens gutheißen sollten? Antwort des Fürsten Friedrich Wrede. Wie ich über den Zionismus denke? Sind Sie niemals bei einer herbstlichen Wanderung durch den hochstämmigen Forst Plötzlich auf eine mit farbenprächtigen Blumen übersäte Waldwiese gestoßen? Hüten Sie sich — denn Sie sind in die Nähe eines Sumpfes gerathen! Sind Sie niemals am Ufer eines schilfdestandenen Teiches gestanden, auf dessen blauem Wasserspiegel einzelne Weiße Wasserrosen träumerisch nickten? Lassen Sie sich ja nicht dazu verlocken, in die krystallene Fluth unterzutauchen — denn der seichte Boden ist mit grauem Schlamme und tückischen Algen' bedeckt, die sich um Ihren Fuß schlingen und Sie für immer in die Tiefe fesseln könnten. Was die blassen Herbstzeitlosen auf der Waldlichtung, was die weißen Rosen auf dem Wasserspiegel — das ist der Zionismus im Bilde der modernen Gesellschaft. Eine poetische, schöne Blume, die auf nahen Schlamm und düsteres Elend schließen läßt. Was bildet in diesem Falle den häßlichen Sumpf? Was liefert die trübe Vorbedingung einer so weltfremden Erscheinung, wie sie der Zionismus unleugbar ist? Ist es die einfache Racenantipathie des Ariers gegen den Semiten? Ich glaube kaum. Ich gefalle mir darin, vom Menschengeschlechte eine viel zu hohe Meinung zu haben, als daß dem Racenunterschiede ein so weitgehender Einfluß zuzuschreiben wäre. Denn jeder instinctive Haß ist etwas unbedingt Häßliches. Er ist sogar verwerflicher als etwas Häßliches — er ist kleinlich. Ein kleinlicher Gedanke jedoch wird nie die Massen in Bewegung setzen. Das vermögen nur zwei Dinge: starke Ideale und Existenzfragen. Ein Ideal wird Niemand den Antisemitismus nennen. Ich meine jetzt das, was man gewöhnlich als Antisemitismus bezeichnet. Ist er also eine Existenzfrage? Ich will gerne zugeben, daß unter den Semiten das Niveau der Durchschnitts-Intelligenz höher ist als unter meinen Stammesgenossen. Aber Keiner ist berechtigt, so gering von uus Ariern zu denken, daß für uns darin eine unmittelbare Gefahr läge. Umsomehr als sich die semitische Ueberlegenheit auf ganz bestimmte Gebiete beschränkt. Da der Antisemitismus nun einerseits unleugbar die Massen beherrscht, andererseits aber weder als sittliches Ideal, noch als drohende Existenzfrage gelten kann, muß in der Rechnung ein Jrrthum unterlaufen sein. Diesem Jrrthum nachzugehen, ist nicht die Aufgabe dieser Zeilen. Nur soviel möchte ich andeuten, daß noch heute viele Millionen braver Menschen den Sitz der Liebe und des Hasses im Herzen wähnen, obgleich die Wissenschaft beweist, daß dieses Organ mit seelischen Vorgängen in keinem unmittelbaren Zusammenhang steht. Wir haben es hier gleichfalls mit einem Sprachgebrauch zu thun, der viel zu tief wurzelt, als daß er ausgerottet werden könnte. Auch ändert das nichts an der Thatsache, daß der Antisemitismus besteht und sich gegen alle Juden in Bausch und Bogen richtet. Ein Theil der Israeliten ist dieser Rolle, die man sie zu spielen zwingt, überdrüssig — wer vermöchte es ihnen verargen — und kündet den Wirthsvölkern die Miethe. Jerusalem — das alte, herrliche Jerusalem soll wieder erstehen. Ein durch und durch moderner Staat soll gegründet werden. Ein jungfräuliches Gemeinwesen, dessen Mitglieder sich zum Theil aus Verzweifelten, zum Theil aus opferfreudiger, begeisterter Intelligenz recrutiren werden. Denn darüber müssen wir uns klar sein: die leitende Classe in Neu-Jerusalem werden die geistig Freien Israels bilden. Zum Ueberflusse wird oder würde dieser Staat durch seine geographische Lage die Thüre nach jenem dunklen Osten bedeuten, den unsere Cultur entweder bald erobern muß oder von dem sie zertrümmert werden wird. Welche Fülle von Hoffnungen! Welch reiche Möglichkeiten! Darf und kann Europa das dulden? Hiermit wären wir auf dem vierten Punkt Ihrer Rundfrage angelangt. Sind die Juden in der That ein Volk, wie die Zionisten es behaupten, so werden sie ihren Staat sicherlich erhalten. Das Nationalitätenprincip hat sich in der Politik glänzend bewährt. Große, in sich abgeschlossene Völkergruppen sichern den Frieden. Der Jude, der nach Jerusalem strebt und aus eigennützigen Motiven von den europäischen Staatsmännern festgehalten würde, wäre der Sympathie aller Sittlichen gewiß. Er muß nur ernstlich wollen! Wird er dieses? Es hat im Laufe der Jahrhunderte Israel nicht an Gelegenheit gefehlt, die ehernen Bande der Diaspora wenigstens zum Theile zu brechen. Ich möchte z. B. nur an jenen jüdischen Herzog von Naxos erinnern, der auf den Trümmern von Liberias Heimstätten für seine Glaubensgenossen errichtete. Allerdings kann ein Unternehmen, das 89mal scheiterte, beim hundertsten Versuche glücken. Ob Israel noch ein Volk oder nur eine Religionsgenossenschaftist — das vermag es nur selbst zu beantworten. Seine Stellungnahme zu Zion wird es in der nächsten Zukunft lehren. Ich wiederhole es: Sind die Juden ein Volk, so werden sie ihren Staat erhalten. Die Landkarte würde dann um ein begrenztes Gebiet, die Hauptstädte Europas um einen Diplomatenpalast reicher, die Volkspoesie aber um eine große gestillte Sehnsucht ärmer sein. Vielleicht ist die Entwicklung des Geistes von größerer Wichtigkeit als die des Staates. Und sagt nicht ein Dichter: O Gott! Erhalte mir die Sehnsucht! Friedrich Fürst Wrede.