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Die Welt · 1897-06-04 · 1 (4.6.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
1 (4.6.1897)
Article
Aus Amerika
Date
1897-06-04
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1. MAVell.' Seite S. Herr Singer ernannte hierauf Herrn Ferdinand Levy zum provisorischen Vorsitzenden und übergab ihm den Hammer. Ferdinand Levy's Ansprache. Wieder sauste der Hammer nieder und als der Beifall sich gelegt hatte, von welchem die Worte des ersten Redners begleitet waren, ergriff F. Levy das Wort, um ungefähr Folgendes zu sagen: Wir haben uns versammelt, um über die Beschickung des in München stattfindenden Weltkongresses der Juden zu berathen, denn auf jenem Congresse soll bekanntlich die Möglichkeit erwogeu werden, ob und wie unseren heimatlosen Mitbrüdern eine Heimat gegeben, ob und wie das jüdische Reich wieder errichtet werden könne. New-Dvrk, diese Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung, soll und muß natürlicherweise sich in erster Linie den Berathungen anschließen und Amerika's Judenheit, welche die Segnungen eines freien Landes genießt, muß und wird Mittel und Wege finden, damit das jüdische Volk sich zusammenfinde, sich selbst regiere und das Glück einer friedlichen Zukunft vorbereite. Lebhafter Beifall begleitete die Worte des Redners, welcher nun Herrn Rabbiner Kopfstein als den Hauptredner des Abends vorstellte. Rabbiner Köpfst ei n's Rede. Bon der Versammlung auf das Sympathischeste begrüßt, begann nun Herr Kopfstein seine häufig von Beifall unterbrochenen, geistvollen Ausführungen, welche auf die Versammelten mit elementarer Gewalt wirkten. In seinen einleitenden Worten beleuchtete Herr Kopfstein die Judenfrage vom religiösen, vom gesellschaftlichen und vom politischen Standpunkte und erbrachte den Beweis, daß, nachdem die Frage weder auf religiösem, noch auf socialem Wege gelöst werden könne, dies auf politischem Wege und zwar um so mehr auf diesem Wege erfolgen müsse, da sie nur durch Politik in's Leben gerufen worden war. Herr Kopfstein entrollte hierauf mit von Begeisterung getragenen Worten den Herzl'schen Plan, indem er auf das Eindringlichste die politische Nothwendigkeit der Errichtung eines Judenstaates hervorhob. Wir wollen kein Land erobern, sagte er, sondern uns eine Scholle erwerben, auf welcher wir unsere geistigen und sittlichen Fähigkeiten unbehindert bethätigen können; wir wollen nicht Krieg, sondern Frieden, nicht Zwiespalt, sondern Einigkeit, nicht Haß, sondern Liebe. Wenn das Judenthum eine Mission hat, und daß es eine hat, beweist jedes Blatt der Weltgeschichte, dann muß es diese Mission ganz erfüllen und in erster Linie an das Werk der Selbsterlösung schreiten. De,r messianische Gedanke ist uns heilig und wir ehren nur die göttliche Idee, indem wir die Vorsehung mit unseren menschlichen Kräften unterstützen. Der Jude hat aufgehört ein Volk zu bilden, wenn er kein Land besitzt, und zerstreut, verfolgt, und im besten Falle geduldet, kann er immerhin ein Scheinleben fristen, aber nie und nimmer der Vollstrecker jener erhabenen Mission werden, zu welcher er ausersehen worden ist. Herr Kopfstein endete unter lebhaftem Beisalle und unter dem Eindrücke seiner zündenden Worte konnte man die Organisation füglich als eine vollzogene That betrachten. Dr. Klein's Rede. Der nächste Redner war der in großem Ansehen stehende Rabbiner der Gemeinde Ohab Zedeck, Herr Dr. Philipp Klein. Dr. Klein begann seine tiefdurchdachte Rede damit, daß er darauf hinwies, daß die Bewegung, welche nun solch große Dimensionen anzunehmen verspricht, keine neue ist, sondern in den seit Jahrzehnten angebahnten Colonisations- Bestrebnngen, an welchen auch er theilgenommen hat, immer und immer angeregt worden ist. Der Redner entrollte ein äußerst fesselndes Bild der palästinischen Colonien und erzählte, wie rastlos in den Colonien gearbeitet wird, und daß besonders der von den Juden dortselbst betriebene Weinbau eine hohe Entwickelung erlangt hat. Er ist überzeugt, daß der Wiederaufbau des Judenstaates blos eine Frage der Zeit ist, aber eben, weil er diese Ueberzeugung hegt, möchte er, um etwaigen Conflicten und Mißverständnissen vorzubeugen, die Lösung der Frage der Zeit überlassen. Die Juden — so schloß Dr. Klein seine interessante Rede — hatten früher die Mission, die Gottesidee vom Oriente nach dem Occident zu verpflanzen. Sie haben diese Mission getreulich erfüllt und sind trotz unsäglicher Leiden und aualvoller Befolgungen ihrem Gotkesglauben treu geblieben. Nun harrt ihrer eine andere Aufgabe, die Mission: occidentale Cultur nach dem Oriente zu tragen. Sie werden auch diese Mission erfüllen, jedoch nur auf dem Wege allmäliger Colonisation. Dieser Weg wird endlich auch die Großmächte dazu bestimmen, zum Aufbau des Judenreiches hilfreich die Hand herzugeben. Rabbiner Drachmann. Der letzte der officiellen Redner war der junge, begabte Rabbiner der Gemeinde Zichron Ephraim, Herr Bernhard Drachmann. Er schloß sich im Laufe seiner beifällig aufgenommenen Rede im großen Ganzen den Ausführungen seines Vorredners Dde Klein an, meinte jedoch, daß es denn doch an der Zeit sei, die zionistische Bewegung zur praktischen That werden zu lassen. Er durchging die Geschichte der Judenheit und schöpfte ans den Erfahrungen der Vergangenheit die Hoffnung, daß die zerstreuten, ihres angestammten Landes beraubten Juden früher oder später ein einiges großes Volk bilden werden, ein Volk, seiner Aufgabe bewußt und seines Erfolges sicher. Redner befürwortete die Schaffung einer großen Organisation und die Beschickung des Münchener Weltkongresses und schloß mit einem warmen Appell an die Anwesenden, für die Interessen des Judenthums mit aller Kraft einzutreten. Der Volksmann. Dr. S. Apfel, ein an der Ostseite wohlbekannter Arzt und Deputy-Großmeister des Unabh. Ordens Brith Abraham ersuchte hieraus als „Volksmann" um das Wort und als ihm der Vorsitzende dasselbe ertheilt hatte, sprach er in beredter Weise für den Wiederaufbau des jüdischen Reiches. Er bestritt im Laufe seiner Ausführungen, daß die Juden, wo immer sie seien, volles Recht genießen würden. Nur in ihrem eigenen Lande könnten sie sich frei entwickeln, denn nur das Gefühl der Sicherheit verleiht die Kraft zur zielbcwußten Arbeit. Dr. Apfel würzte seine Rede mit humoristischen Bemerkungen und hatte demzufolge die Lacher auf seiner Seite. Die vorgerückte Zeit veranlaßte jedoch den Vorsitzenden, Herrn Apfel daran zu erinnern, daß er sich kurz zu fassen habe, und so schloß dann der „Volksmann" seine Rede unter tosendem Beifall. Eine Debatte entspann sich hierauf über den zu wählenden Namen der Organisation, und es wurde beschlossen, vorläufig den Namen „Amerikanischer Zweigverein der zivnistischen Bewegung" anzunehmen. Re solution. Nach Erledigung dieser Angelegenheit ergriff Herr Michael Singer das Wort, um die gehörten Reden kurz zu resumiren, Aus den Reden — sagte er — geht hervor, daß manche Redner allerdings in der Form von einander abwcichen, aber im , Wesen die Nothwendigkeit der Errichtung des Judenstaates anerkennen. Er unterbreitete demzufolge der Versammlung folgende Resolution: Der am 4. Mai 1897, in Liberty Hall, in Ncw-Aork, organifirte „Amerikanische Zweigverein der zionistischen Bewegung" beschließt: 1. Daß er sich voll und ganz der europäischen Bewegung anschließt und sich mit derselben vollkommen identificirt; 2. daß er zu dem am 85. Augustin München stattfindenden Weltkongreß der Juden Delegirte in später zu bestimmender Anzahl entsendet; 3. daß er mit voller Kraft auf die Verwirklichung der Ziele der Bewegung hinarbeitet und keinerlei anderes Programm aufnehmen darf: 4. daß er dem Lande, in welchem er sich organisirt hat und in welchem seine Mitglieder das Heimatsrecht erworben haben, volle Loyalität bewahrt; 5. daß die Mitglieder des Vereins einen Jahresbeitrag per 3 Dollar zu bezahlen haben, welcher monatlich zu Raten von 25 Cents zu entrichten ist, und schließlich 6. daß das Betreiben jeglicher Local-Politik gänzlich ausgeschlossen ist. Die Resolution wurde ohne jegliche Debatte einstimmig angenommen.

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