Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 LT 1501 DIE UNTERRICHTSPRACHE AM HAIFAER TECHNIKUM Der Beschluß des Kuratoriums Das Kuratorium des „Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina“ übermittelt uns folgenden Bericht: Am Sonntag, dem 26. Oktober, fand in Berlin unter dem Vorsitz des Herrn Dr. J ames Simon eine Sitzung des Kuratorium des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina statt. In der Sitzung wurde beschlossen, am 26. April 1914 das Institut zu eröffnen. Bis dahin werden die Bauten fertiggestellt sein, so daß der Unterricht in den folgenden Klassen beginnen 1. In den fünf untersten Klassen der Mittelschule; 2. in der untersten Klasse der Realschule; 3. in der untersten Klasse der Werkstätten; 4. in der untersten Bauklasse. Auch die erforderlichen Lehrkräfte sind bereits engagiert. Das Kuratorium genehmigte bei einer Vertretung von 16 Stimmen mit allen gegen 3 Stimmen das vorgelegte Programm, das in bezug auf den jüdischen Charakter der Anstalt das folgende besagt: Im Lehrplan nimmt der hebräische Unterricht gemäß der Entwicklung und der Bedeutung der hebräischen Sprache in Palästina einen breiten Raum ein. Das Hebräische wird so eingehend gelehrt, daß die Schüler imstande sein werden, die hebräische Literatur im Urtexte zu studieren und sich der Sprache als Umgangssprache zu bedienen. Auch für die religiöse Unterweisung wird in ausgiebiger Weise gesorgt werden. In bezug auf die Sprachenfrage wurde mit allen gegen drei Stimmen ein Antrag Dr. Levins abgelehnt, der lautete: 1. In der Mittelschule soll die hebräische Sprache als Unterrichtssprache auch für die allgemein wissenschaftlichen Fächer eingeführt werden. Die deutsche Sprache erhält damit den Platz der Hauptfremdsprache. 2. Im Technikum ist die deutsche Sprache einstweilen die Unterrichtssprache. Eine oder einige allgemein wissenschaftliche und obligatorische Disziplinen aber sollen in der hebräischen Sprache gelehrt werden. Dagegen wurde nach lebhafter Debattierung eines vermittelnden Vorschlages von Professor P h i 1 i p p s o n, der nicht zur Annahme gelangte, folgende von Herrn Dr. Nathan vorgeschlagene Resolution angenommen. Resolution Als Richtlinie in bezug auf die Lösung der überaus schwierigen Sprachenfrage wird beschlossen: 1. Eine offizielle Unterrichtssprache, die für alle Fächer der Institute bleibend obligatorisch ist, wird nicht eingeführt. 2. Dem Hebräischen wird die eingehendste Pflege zuteil, entsprechend dem jüdischen Charakter des Technikums. 3. Arabisch und Türkisch wird so intensiv getrieben, daß die Schüler mit der eingesessenen Bevölkerung des Orients und den ottomanischen Behörden in enge bürgerliche und geschäftliche Beziehungen zu treten vermögen. 4. Die naturwissenschaftlich-technischen Unterrichtsgegenstände werden in deutscher Sprache gelehrt, um den Schülern so den Anschluß durch eine der großen Kultursprachen an die wissenschaftliche Entwicklung der modernen Zeit zu vermitteln. 5. Englisch und Französisch werden in den höheren Klassen in einem Umfange betrieben, der den Schülern es ermöglicht, ihr späteres Fortkommen auch in Gebieten leicht zu finden, in denen Englisch und Französisch die herrschende europäische Sprache ist. Jedem aufmerksamen Leser dieses Communiques ist es klar, daß die hebräische Sprache hier nur deshalb einen so großen Raum einnimmt, weil verhüllt werden soll, daß sie an den neuen Schulen ganz und gar in den Hintergrund treten wird. Die überaus geschickt abgefaßte Resolution Dr. Nathans sagt das aber dem, der die Worte genauer auf ihren Inhalt prüft, ganz deutlich. Absatz 1 der Resolution erklärt, daß nicht für alle Fächer eine offizielle Unterrichtssprache „bleibend obligagatorisch“ eingeführt wird, gleichzeitig wird in Absatz 4 für die naturwissenschaftlich-technischen Fächer — an einem Technikum! — die deutsche Sprache bestimmt; ferner soll Arabisch, Türkisch, Französisch und Englisch intensiv getrieben werden; unter diesen Umständen wird man erst richtig den „breiten Raum“ einschätzen können, der im Lehrplan für das Hebräische reserviert wird. Deutlicher aber als alles andere spricht die Ablehnung des Antrages Levin und selbst des Vermittlungsantrages Philippsohn, der sich dafür aussprach, daß an der neuen Mittelschule außer den rein jüdischen Fächern wenigstens noch Geschichte und Geographie hebräisch unterrichtet werden sollte. Alle Bemühungen der Kuratoriums-Mitglieder Ginzberg (Achad Haam), Dr. L e v i n und Dr. T schlenow, die Mehrheit des Kuratoriums von der Unmöglichkeit zu überzeugen, in Palästina jetzt noch Kulturanstalten auf nichthebräischer Basis gründen zu wollen, sind also vergeblich gewesen. Deshalb wird man es in allen national fühlenden und national denkenden Kreisen ohne weiteres verstehen, daß die genannten Herren noch am Abend nach der Sitzung des Kuratoriums in folgendem Schreiben ihren Austritt aus dem Kuratorium erklärten: Kuratorium des Jüdischen Institutes für technische Erziehung Wir Endesunterzeichnete beehren uns, hiermit folgendes zu Ihrer Kenntnis zu bringen: Da wir in dem Aufleben des jüdischen Volkes, seiner Kultur und seiner nationalen Sprache in Palästina unser höchstes Ideal erblicken, müssen wir fordern, daß alle jüdischen Lehranstalten in Palästina diesem Ideal zustreben. Wir sind zugleich überzeugt, daß dies ohne Schaden auch für die praktischen Ziele der Schulen geschehen könnte. Die heute gefaßten Beschlüsse über die Unterrichtssprache in den vom Kuratorium in Haifa erbauten Schulen sind mit diesen unseren Anschauungen unvereinbar. Wir sehen uns daher zu unserem größten Bedauern genötigt, hierdurch unseren Austritt aus dem Kuratorium zu erklären. Mit vorzüglicher Hochachtung (gez.) U. Ginzberg. (gez.) Schmarja Levin. (gez.) E. W. T schlenow. Berlin, den 26. Oktober 1913. Eine prinzipielle Würdigung der Angelegenheit und ihrer Bedeutung bringt der Leitartikel dieser Nummer, auf den wir hierdurch verweisen. Die Entwicklung Palästinas und der hebräischen Sprache wird zeigen, welche Seite auf dem Boden der historischen Notwendigkeit und der praktischen Vernunft steht.