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Die Welt · 1913-10-23 · 43 (23.10.1913) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
43 (23.10.1913)
Date
1913-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIEäELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRO- BERLIN, 23. Oktober 1913 un?3? n"onn 'N nwn X'O Nr. 43. DIE BEIDEN FRAGEN Es wäre ein schwerer Irrtum zu glauben, der Kiewer Prozeß, so jammervoll für die Anklage sein bisheriges Ergebnis ist, werde nur von der russischen Reaktion für ihre Zwecke ausgenützt, und dem übrigen Europa schlage angesichts der geradezu verblüffenden Plattheit dieser Lüge doch einmal das vielberufene Gewissen. Weit gefehlt! Natürlich, was zur geistigen Auslese Europas gerechnet werden kann, schämt sich ein wenig und äußert je nach Temperament seinen Widerwillen gegen das flachstimige Barbarentum, dessen dumme Intriguen vor den Kiewer Richtern teils enthüllt und teils immer neu gesponnen werden. Aber die Dunkelmänner aller Länder freuen sich offen und heimlich über die Schläge, die wir Juden der ganzen Welt da in Kiew tagtäglich erhalten, und gegen die alle unsere Proteste nur wie der Schrei eines ohnmächtigen Gefesselten sind, der nicht die geringste Macht hat über seine Peiniger. Deutschland ist nicht nur geographisch der Nachbar Rußlands, die deutsche Reaktion hat sich der russischen, die ja zum Teil Blut von ihrem Blute ist, stets auch geistig besonders nähe verwandt gefühlt. Und es hat niemanden verwundert, daß eine gewisse Presse in Deutschland und Oesterreich die Nachrichten aus Kiew mit schmunzelndem Behagen genossen und mit verlogener Wichtigtuerei so lange hin und hergedreht hat, bis daraus eine für die Juden höchst bedenkliche Affäre gemacht werden konnte. Nun hat sich aber auch die Berliner „Kreuzzeitung" ihre „Gedanken zum Kiewer Ritualmordprozeß" gemacht, und das erfordert einige Worte. Nicht, daß die „Kreuzzeitung" sich Gedanken macht — das kommt vor, wenn es zweckdienlich ist, nein, daß es die „K r e u z z e i t u n g" ist, das führende Organ der deutsch-konservativen Partei, also der in Preußen-Deutschland regierenden Kaste, die den evangelischen Adel, die höhere Bureaukratie und die evangelische hohe Geistlichkeit umfaßt. Dieses Blatt also bringt in einem langen Artikel aus [Anlaß des Beilis-Prozesses die dümmsten antisemitischen Legenden zusammen, die je erdacht worden sind, und es schreckt, um sie glaubhaft zu machen, weder vor Verleumdungen, noch vor Entstellungen von Tatsachen und Zitaten zurück. Zunächst stellt die „Kreuzzeitung" den „Fall Ferrer" mit der Beilis-Affäre in eine Parallele, die doch einzig und allein darin tatsächlich besteht, daß beide Objekte eines aufsehenerregenden Prozesses sind. Denn daß Ferrer Jude gewesen sei, ist doch bislang nur eine antisemitische Entdeckung, und daß die Juden und jüdische Organisationen sich für ihn eingesetzt hätten, davon weiß außerhalb der Kreuzzeitungs-Redaktion auch niemand etwas. Das Tollste aber ist nun die Schlußfolgerung: Das Blatt kann sich nämlich infolge der Gleichartigkeit (?) der „Haltung der dem jüdischen Einflüsse unterworfenen und zugänglichen Presse" und des Verhaltens einzelner jüdischer Organisationen „des Eindrucks nicht erwehren, daß alle diese Kundgebungen und Aktionen von einer einzigen Stelle aus dirigiert und geleitet werden .... Es ist schon wiederholt von anderer Seite und aus anderem Anlaß der Verdacht ausgesprochen worden, daß das Judentum zur Vertretung und Führung seiner politischen Geschäfte eine im geheimen arbeitende Zentralstelle besitzen müsse, die man bald in einem engeren Ausschuß der internationalen „Alliance Israelite", bald in einem Hochgrad des internationalen Ordens „Bnei Briß" erblicken wollte." Wir haben natürlich nicht den Ehrgeiz, die Kreuzzeitung von diesem fürchterlichen Verdacht zu befreien, aber wir wollen ihr etwas verraten: wir Zionisten erstreben die Schaffung einer Zentralstelle für die politischen Geschäfte der Judenheit, — daraus geht schon hervor, daß sie leider noch nicht existiert — und unsere Zentralstelle wird nicht im geheimen, sondern ganz öffentlich handeln, denn unsere Angelegenheiten haben das Licht der Öffentlichkeit weit weniger zu scheuen, als gewisse kleine Absichten, die das konservative Organ mit derartigen antisemitischen Artikeln heimlich verfolgt. Das Blatt stellt nämlich auf Grund der epochalen Analogie Ferrer—Beilis weiter fest, und zwar in gesperrtem Druck, daß das jüdische Rechtsempfinden sich vom germanischen unterscheide wie Tag und Nacht. „Nicht die Frage nach Schuld und Sühne, nach Recht und Unrecht ist für das Judentum das Ausschlaggebende, sondern lediglich das Bestreben, einen der Ihrigen, ob schuldig oder nicht, dem Arm der Gerechtigkeit überhaupt zu entziehen." Nicht wahr, diese Feststellung, die „zur Evidenz bewiesen" ist, wird sich bei der nächsten Debatte wegen der Ablehnung und Zurücksetzung jüdischer Richter als Zitat ganz gut ausnehmen? Wo doch die Kreuzzeitung ein so anerkannt vornehmes Blatt ist! Aber auch das ist noch nicht das Schlimmste, und auch nicht die Dummheit, den Artikel eines Rabbiners dahin „m ißzu verstehen," als hätte

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