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Die Welt · 1913-09-26 · 39 (26.9.1913) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 39 DIESgKELT Kulturen nicht behaupten konnten, war der Mangel einer nationalen Sprache. Spaniolisch ist keine literarische Sprache, sondern nur eine Sprache des alltäglichen Lebens, und ihr elendes, gedrücktes Dasein hat den Geist der sephardisdien Juden so unfruchtbar werden lassen, daß schon längst keine spaniolisdie Literatur mehr geschaffen worden ist. Erst seitdem der Zionismus aufgetreten ist, sind die Juden der Balkanstaaten zu neuem Leben erwacht, während die jüdische Bevölkerung des ottomanischen Reiches unserem Ideal noch fern steht und weiter in Unwissenheit dahinlebt. Die jüdische Balkanbevölkerung dagegen hat seit dem Kriege die Gefahr erkannt, der sie entgegen geht, nämlich dem langsamen, aber sicheren Untergang der spaniolischen Sprache, die bisher unser einziges Bindeglied war. Eine Sprache, die keine Ausdrucksmöglichkeiten für das geistige Leben eines Volkes besitzt, sondern nur die alltäglichen Dinge bezeichnen kann, ist zum Untergang bestimmt. Seitdem wir uns nolens volens in die veränderten Lebensbedingungen in den Balkanstaaten fügen mußten, reicht unsere Sprache nicht mehr aus, um diese neuen Bedingungen zu bezeichnen. Unsere junge Generation hat daher bereits allerorten begonnen, sich der Sprache des betreffenden Landes zu bedienen, und spaniolisch wird nur noch im engsten Familienkreise gesprochen. In Rumänien und Bosnien habe ich überall die gleiche Erscheinung gefunden. Sich dieser unaufhaltsamen Entwicklung der Dinge entgegenstellen zu wollen, wäre verlorene Mühe. Die spanio- Iische Sprache muß mit Notwendigkeit untergehen und wird in 40 bis 50 Jahren gänzlich verschwunden sein. In Europa besteht die Fabel, daß unser „Ladino“ eine lebensfähige Sprache sei, und diese Legende haben wir in unserer Versammlung auch aus dem Munde des Jargonpropagandisten Dr. Birnbaum gehört. Ich dagegen glaube sagen zu dürfen, daß von sämtlichen bei unserer Versammlung anwesenden Sephardim kein einziger an das Fortbestehen des „Ladino“ glaubt. Natürlich werden wir seinen Untergang nicht zu beschleunigen suchen, aber auch nichts für seine Erhaltung tim. Ein Vergleich zwischen der spaniolischen Sprache und dem Jargon der aschkenasischen Juden ist unmöglich. Die 6 Millionen Juden in Rußland bilden ein einheitliches Element mit gleichen Lebensbedingungen und besitzen eine bedeutende Literatur in ihrer eigenen Sprache, während wir über verschiedene Länder verstreut leben und keine spaniolische Literatur haben. Die einzige Analogie zwischen Ladino und Jiddisch besteht darin, daß beide, wenn auch in verschiedenem Tempo, untergehen werden. Nun finden wir aber, daß sowohl spaniolische wie Jargon- Schriftsteller in allen Fällen Hebraisten waren und ausschließlich im Zeichen der hebräischen Kulter standen. Unser „Ladino“ verschwindet, sobald es von einer stärkeren Kultur verdrängt wird; anstatt die Sprache unseres Wohnlandes an seine Stelle treten zu lassen und uns damit der Gefahr der Assimilation auszusetzen, müssen wir also bestrebt sein, die spaniolische Sprache allmählich durch die hebräische zu ersetzen. Hierbei ist es von großem Wert für uns, daß alle Ladino-Schriftsteller das Hebräische meistern. Ueber die Wege zu unserem Ziel sind wir uns klar. Die ersten in Bulgarien gemachten Versuche sind vielversprechend und geben uns Hoffnung auf weitere Erfolge. Die Organisation der sephardisdien Juden, die anläßlich der Wiener Konferenz begründet wurde, erstrebt die Erhaltung des sephardisdien Judentums und betrachtet als Mittel zu diesem Zweck die Beeinflussung von Schulunterricht, Presse und öffentlichem Leben. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die spaniolische Sprache zum Untergang bestimmt ist, sollte man sich ihrer in Zukunft nur als Werkzeug zur Propaganda des Hebräischen bedienen, um in spaniolischen Kreisen das Verständnis für die Bedeutung der hebräischen Kultur zu wecken. 1341 In unserem Kampfe um Sein oder Nichtsein wollen wir uns durch Vorbilder wie Ibn Esra, Gabirol, Jehudah Halevi und Maimonides erheben lassen und ihnen nachstreben. Mögen die Mitglieder der Organisation sephardischer Juden des Ernstes ihrer Aufgabe eingedenk bleiben! Krieg und Cholera in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Unsere Gemeinde macht augenblicklich eine sehr scharfe finanzielle Krise durch und hat noch niemals einen Hilfsfonds so nötig gebraucht, um unseren unglücklichen Glaubensgenossen im Innern des Landes, die schwer unter dem Kriege gelitten haben, zu helfen, und den Gemeindebeamten ihre Gehälter zu bezahlen. Während des ganzen letzten Winters hat unsere Gemeinde enorme Summen für den Unterhalt zahlreicher jüdischer Soldaten in ottomanischen Diensten gebraucht, welche monatelang in der Stadt im Quartier lagen. Ferner mußten Hunderte von jüdischen Familien aus Istip und Doyran monatelang auf Kosten der Gemeinde in der Stadt einquartiert und erhalten werden. Als der Krieg zwischen Griechenland und Bulgarien ausbrach und Trauer und Elend mit sich brachte, begannen die Juden aus dem Innern des Landes aufs neue nach Saloniki auszuwandem. Unsere Gemeinde half nach Kräften unseren unglücklichen Brüdern in Serres, deren Stadt niedergebrannt war, und anderen Ortschaften im Innern. Kurz darauf brannte Stroumsa nieder, und eine große Anzahl jüdischer Familien flüchtete nach Saloniki; diese werden noch jetzt auf Kosten unserer Gemeinde erhalten. Nunmehr sind die Mittel unserer Wohltätigkeits-, Schul- und Gemeinde-Institutionen vollkommen erschöpft; die Gr meindebeamten können kein Gehalt bekommen; die Gemeindeschullehrer und Rabbiner haben seit langer Zeit nicht mehr ihr volles Honorar ausgezahlt erhalten. Für die Armen kann nicht mehr gesorgt werden. Um das Unglück voll zu machen, wütet die Cholera unter der armen jüdischen Bevölkerung unserer Stadt und verursacht der Gemeindekasse neue Ausgaben. Aus Mangel an Mitteln ist unsere Gemeinde in die größten Schwierigkeiten geraten. Unsere hiesigen reichen Glaubensgenossen rühren in dieser schwierigen Situation keine Hand; wir bekommen nicht einmal die fälligen Gemeindesteuern bezahlt, deren Gesamtbetrag Tausende von türkischen Pfunden ausmacht. Gegenüber dieser schändlichen Gleichgültigkeit seitens des jüdischen Publikums weiß unser Gemeinderat sich keinen Weg mehr, um die beklagenswerte Situation unserer Gemeinde zu ändern. Die Cholera, die seit einigen Monaten in unserer Stadt herrscht, nimmt beständig zu. Die Epidemie wütet hauptsächlich unter der jüdischen Bevölkerung und fordert hier eine Fülle von Opfern. Die Zahl der jüdischen Toten beläuft sich schon auf Hunderte, und dazu häufen sich von Tag zu Tag die Todesfälle bei den jüdischen Einwohnern der Stadt. Die furchtbare Verbreitung der Epidemie ist hauptsächlich auf das verbrecherische Verhalten der griechischen Behörden zurückzuführen, die sich als so gleichgültig und lässig in der Bekämpfung der Krankheit erweisen, daß diese immer weiter fortschreiten kann. Die einfachsten Maßregeln zur Unterdrückung der Epidemie unterbleiben. Die Behörden gehen in ihrer Gewissenlosigkeit sogar so weit, Hilfsangebote von Privatpersonen und seitens der jüdischen Gemeinde zurückzuweisen. Die Epidemie wächst daher beständig, die Zahl der jüdischen Toten wird immer größer, und in einer großen Reihe von Familien herrscht tiefe Trauer. Es ist höchste Zeit, daß unsere Repräsentanten gegen das Verhalten der griechischen Behörden protestieren und diese zu einem energischen Kampfe gegen die Cholera zwingen.

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