Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Augabe VI (10.9.1913)
- Date
- 1913-09-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. VI 111 DIE^KELT Bibliotheken, Museen, Laboratorien etc. etc. Das würde natürlich unsere Kräfte übersteigen. Wir aber wollen vor allen Dingen eine gesunde Zelle schaffen, die sich aus sich selbst entwickelt und zu einem größeren Organismus auswachsen könnte. Einige Beispiele aus der Geschichte der Universitätsgründungen sollen zeigen, wie wir uns die Sache vorstellen. Die medizinische Fakultät in Beyruth wurde 1883 eröffnet mit vier Professoren und elf Studenten. Sie hatten einen Kredit von der französischen Regierung von Frs. 150.000 und eine jährliche Subvention von Frs. 30.000. 1886 wurde der Kursus zu einem vierjährigen gemacht; 1894 zählte die medizinische Schule über 100 Studenten. Heute beträgt die Studentenzahl über 400. Im Berichte der Fakultät heißt es wie folgt: .Wir hatten ein altes Gebäude, die Einrichtung war primitiv. Die Bibliothek war in einem embryonalen Zustand. Es war bescheiden. Die Skeptiker und die Feinde waren zahlreich, und man machte sich auf Kosten des neuen Instituts recht lustig. Aber gleichzeitig fanden sich auch junge Leute, die sich sagten, daß jeder Organismus, wenn er einmal groß werden soll, seine Entwicklung von einer Zelle anfangen muß. Ein der Universität gehörendes eigenes Krankenhaus gab es nicht, und das Krankenhaus eines Schwesterordens wurde für Unterrichtszwecke benutzt. In 1890 wurde die Fakultät von der ägyptischen Regierung anerkannt. 1898 hat auch die ottomanische Regierung und die französische Regierung die Diplome der Universität anerkannt.* Dieses Beispiel genügt, um zu zeigen, wie man mit sehr kleinen Mitteln anfangen kann, und ein Institut durch Fleiß und kluge Leitung auf eine bedeutende Höhe bringt. Die Universit6 Libre, Brüssel, die heute zu den schönsten Universitäten Europas zählt, wurde 1810 mit sechs Professoren eröffnet. Im Jahre 1834 wurde sie wieder reorganisiert mit einem Budget von Frs. 13.000 und außerdem stellte die Munizipalität der Universität das Museum und die Hospitäler zur Verfügung. 1884 schreibt Emest Rousseau wie folgt. .Die Summe, welche für die Universität gezeichnet wurde, übertraf nicht Fr. 45 000. Das erste Budget hat Fr. 35.000 vorgesehen als Gehalt für 35 Professoren. Die Universität war zu arm, um ein Mikroskop zu kaufen und der Professor stellte das seinige den Studenten zur Verfügung. Die Assistenten und Prosektoren haben selber die Sammlungen angefertigt, und sehr oft geben sie einen Teil ihrer bescheidenen Gehälter her, um die nötigen Materialien einkaufen zu können.* In Jerusalem sind schon einige Vorbedingungen vorhanden, um die Schaffung einer medizinischen Fakultät nach einiger Zeit zu ermöglichen. Die Anfänge eines bakteriologischen und pathologischen Instituts sind durch die Tätigkeit des Vereines Jüdischer Aerzte gegeben. Konsoldiert man diese Institute, so ist es nicht schwer, sich vorzustellen, daß sie einen Kern bilden könnten, aus dem sich in Zukunft eine gute medizinische Schule entwickeln kann. Gesetzt aber, man hätte eine medizinische Schule von Grund aus neu aufgebaut, so dürfte sich der Kostenvoranschlag für den Anfang folgendermaßen gestalten: 1. Aufbau und Einrichtung einer Schule samt Hospital und Bibliothek Frs. 1,500.000, Jahresetat Frs. 240.000. Ein Kostenvoranschlag über eine medizinische Fakultät liegt bereits vollkommen ausgearbeitet vor, wobei bereits bestehende Institute im Orient sowie kleinere europäische Institute sowohl bezüglich der einmaligen Ausgaben wie auch des Jahresbudgets zum Vergleich herangezogen worden sind. Freilich liegen die Verhältnisse bei den humanistischen Fächern viel einfacher. Wir haben als Typus einen Kostenvoranschlag für eine juristisch-staatswissenschaftliche Fakultät ausgestellt. Die Kosten hiefürsind: 2. Juristisch-staatswissenschaftliche Fakultät, Bibliothek und Wohnungseinrichtung Frs. 150.000,Jahresetat Frs.75.000. Es kann sich auch aus einer näheren Untersuchung ergeben, daß es besser wäre, einzelne Fakultäten nicht auf einmal hinzustellen, sondern einzelne Institute aufzubauen. So ist z. B. die Begründung eines chemischen Instituts als notwendige Ergänzung des jetzt vom Verein jüdischer Aerzte eingerichteten zerologischen Instituts, wie auch als Ergänzung der bestehenden Versuchsstation bereits von anderen Seiten angeregt worden. Es wäre verfrüht, bereits jetzt definitive Vorschläge zu machen. Hat einmal der Kongreß die große prinzipielle Frage entschieden, so wird es Sache seiner ausführenden Organe sein, die Einzelfragen auszuarbeiten. Eine der wichtigsten prinzipiellen Fragen, welche schon jetzt zur Diskussion gestellt werden, ist die Sprache, in welcher der Unterricht erteilt werden soll. Es unterliegt heute keinem Zweifel mehr, daß man die jüdische Wissenschaft, sowie die meisten humanistischen Fächer in hebräischer Sprache unterrichten kann. (Beifall.) Wenn Bedenken aufkommen, so beziehen sie sich auf die mathematisch-naturwissenschaftlichen Gegenstände. Zwar werden am Gymnasium in Jaffa die Naturwissenschaften in hebräischer Sprache gelehrt, doch ist es noch zweifelhaft, ob man für den höheren Unterricht bereits eine genügende Terminologie besitzt und ob nicht die wissenschaftliche Seite des Unterrichts schwer leiden würde, wenn man die hebräische Sprache schon jetzt einführt. Aber ich glaube nicht, daß hier eine unüberwindliche Schwierigkeit vorliegt, es gibt Beispiele genug in der Geschichte junger Völker, die bei Gründung von Universitäten sich erst Lehrbücher und technische Termini beschaffen mußten, um den Unterricht in der nationalen Sprache führen zu können. Wir haben ein prägnantes Beispiel aus neuester Zeit. Die Deutschen richten gegenwärtig in China eine Hochschule ein und führen es durch, daß sämtliche Fächer allmählich in chinesischer Sprache gelehrt werden, was natürlich unvergleichlich schwieriger ist, als in unserem Falle. Das Hebräische ist in seiner Biegsamkeit sehr geeignet zur Bezeichnung von wissenschaftlichen Begriffen, und wenn den Dozenten genügende Zeit zur Vorbereitung gegeben wird, so könnten sie sich allmählich in die schwierige Aufgabe hineinarbeiten. Es wäre möglich, daß in den ersten Jahren der Unterricht in sprachlicher Beziehung gemischt bleibt, daß aber eine Hebräisierung des Unterrichts angestrebt wird. Außer den nationalen Gründen dürften schon die rein technischen Gründe auf eine möglichst schnelle Hebräisierung drängen, denn man muß mit einer internationalen Studentenschaft rechnen, die aus Mittelschulen mit den verschiedensten Unterrichtssprachen kommt. Als gemeinsames Band für diese, in sprachlicher Beziehung heterogene Studentenschaft dürfte sich das Hebräische in Palästina in ganz natürlicher Weise ergeben. Aus dem soeben Gesagten folgt mit zwingender Notwendigkeit eine sehr wichtige praktische Forderung, und zwar der Ausbau und die Entwicklung unserer Nationalbibliothek in Jerusalem. Wie bescheiden unsere Hochschule am Anfang sein mag, so wird sie für ihr Bestehen und für ihre gedeihliche Entwicklung und ganz besonders für die Beschaffung von Lehrbüchern in der hebräischen Sprache einer guten Bibliothek bedürfen. Unsere Nationalbibliothek würde deshalb ein wichtiger Grundstein im Bau der Hochschule werden. Bei den humanistischen Fakultäten ist die Bibliothek der wichtigste und auch teuerste Punkt. In dem Bereich der vorbereitenden Arbeiten wird auch eine intensive Agitation für die Unterstützung der Nationalbibliothek fallen müssen. Während sich die Universität zu einer wirklichen Lehranstalt noch entwickelt, wird ihr bereits eine bedeutsame Aufgabe im Lande zufallen. Sie wird nach dem Muster moderner europäischer Hochschulen der Volkserziehung durch die Einrichtung von Volkshochschulkursen, Ferienkursen dienen. So würde eine medizinische Fakultät in der Lage sein, für die Verbreitung der Kenntnisse von den