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Die Welt · 1913-09-10 · Kongreß-Augabe VI (10.9.1913) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Augabe VI (10.9.1913)
Date
1913-09-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. VI 109 DIE2aKEL7 Aber trotz gewisser Sympathien im jüdischen Publikum war die Zeit vielleicht noch nicht reif, und das Interesse für Palästinafragen und speziell für kulturelle Fragen noch nicht tief genug, um eine erfolgreiche Tätigkeit zu ermöglichen. Es kommt noch hinzu, daß die jüdische öffentliche Meinung zu jener Zeit durch den Kischinewer Pogrom und die darauf folgende Pogromperiode zu tief aufgewühlt und auf ganz andere Bahnen geleitet wurde. Auch im zionistischen Lager selbst entstand durch die Uganda-Frage ein tiefer Riß, auf den eine langjährige Krise folgte, welche die Energie und Aufmerksamkeit der Zionisten völlig in Anspruch nahm. Im Februar 1908 veröffentlichte der Cambridger Professor Israel Abrahams einen kurzen Artikel im „Jewish Chronicle“ über die Notwendigkeit einer jüdischen Hochschule. In den letzten zwei Jahren hat die Idee der Gründung einer medizinischen Hochschule einen gewissen Anklang gefunden. Soviel zur geschichtlichen Uebersicht. Um nun auf die Sache selbst überzugehen, möchte ich die Betrachtung der Frage in zwei Hauptabschnitte einteilen: 1. Wir wollen zunächst die Notwendigkeit einer Hochschule erörtern und dann 2. die Frage der Durchführbarkeit besprechen. Es erübrigt sich, vor einem Zionistenkongreß lange über die nationale Notwendigkeit und Bedeutung einer jüdischen Universität zu sprechen. Wir alle fühlen, welch ungeheuren Wert ein intellektuelles Zentrum hätte, wo Juden lernen, lehren und forschen könnten, in einer günstigen Atmosphäre ungehemmt durch Beschränkungen, in jüdischer Gemeinschaft, frei vom Drucke fremder Kulturen, von dem Bestreben beseelt, neue jüdische Werte zu schaffen, unsere großen Traditionen mit dem modernen zu verknüpfen. Aus dieser Synthese würde eine wahrhaft jüdische Bildung entstehen, die vor allen Dingen der jüdischen Nation zugute käme. Die Diaspora würde von einem solchen Zentrum in eminenter Weise beeinflußt werden, es würde die Selbstachtung der jüdischen Intellektuellen in hohem Maße steigern. Wenn man bedenkt, welchen Einfluß schon das jüdische Gymnasium auf den Golus gewinnt, welche Wirkung selbst eine heute noch so schwache und junge Organisation, wie der „Merkas Hamorim“ ausübt, so ist der nationale Wert einer Universität überhaupt nicht abzusehen. Vor allem aber wird die Hochschule eine Hüterin jener Güter der Nation werden, die für ihre Zukunft am teuersten sind: die Hochschule wird eine Pflegestätte für die lebendige jüdische Nationalsprache, der Vereinigungspunkte alles jüdischen Schaffens auf literarischem, künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiete, mit einem Worte „Das kulturelle Zentrum“ sein. (Beifall.) Welche Fülle jüdischer Geisteskraft könnte in der jüdischen Hochschule sich entfalten, sich ausleben! Bedeutende jüdische Gelehrte, die heute wegen ihrer Abstammung zurückgesetzt werden, denen es nicht möglich wird, sich zu betätigen, die zuweilen die größten materiellen und moralischen Demütigungen erleiden müssen, weil sie sich von ihrem Volke nicht abkehren wollen, fänden eine Stätte, wo sie sich ganz der Wissenschaft, aber auch ganz ihrem Volke widmen könnten. Diese Konzentrierung der jüdischen wissenschaftlichen Arbeit wäre für die Gelehrten selbst und für die allgemeine Wissenschaft ein unschätzbarer Vorteil. Die Idee der nationalen Selbstbefreiung, der heute soviel junge Elemente durch den Mangel der Konzentration und durch den schädigenden Einfluß des fremden Milieus verloren gehen, hätte ihre beste und stärkste Garde in dieser Jugend, die den nationaljüdischen Geist in der edelsten Weise betätigen und ins Volk hinaustragen würde. Es würde uns den neuen, aufrechten, schaffenden Juden geben. Das jüdische Volk aber würde eine große Kraft und neuen Aufschwung aus diesem nationalen Werke schöpfen. Es wäre ihm ein stolzer Beweis seiner lebendigen, schöpferischen Kraft, der ihm Mut und Zutrauen zur höchsten nationalen Leistung geben würde. Für unsere Stellung in Palästina würde die Universität von ganz hervorragender Bedeutung sein. Im Prozesse unserer friedlichen Entwicklung im Lande dürfte die Universität unser bestes Hilfsmittel sein. Sie würde uns neue Kräfte ins Land bringen; sie würde zur Erschließung und Erforschung des Landes beitragen; sie würde unser Ansehen in den Augen der autochthonen Bevölkerung heben. Eine große Bedeutung der Universität liegt auch in der Heranbildung von Lehrern für unsere Schulen in Palästina und in der Diaspora. Die heutigen Lehrer sind fast durchgehend in nichtjüdischen Schulen ausgebildet und der Unterricht ermangelt in vielen Beziehungen der nationalen Unterlage. Ganz anders würde es mit ihrem Unterricht aussehen, wenn die Lehrer aus einer jüdischen Universität kämen und auch mit der Universität stets in organischem Zusammenhang blieben. (Beifall.) Es ist bekannt, daß verschiedentlich ernste Bedenken geäußert wurden, die Universität könne die landwirtschaftliche Kolonisation schädigen. Es liegt mir fern, die Bedeutung des hier sich ergebenden Problems einfach wegzudisputieren, aber es muß da doch von vornherein gesagt werden, daß unser jüdischer Bauernstand in Palästina mit dem normalen Typ des Bauern nicht verglichen werden kann. Diesem Typ entspricht z. B. der norwegische Bauer nach seiner Bildung und seinen Kulturbedürfnissen in keiner Weise. Die Entwicklung unseres Landes bewegt sich nach anderen Gesetzen wie die etwa Australiens oder eines anderen neuen Landes. Wenn wir die bekannten ökonomischen Schemata auf Palästina und unser Volk anwenden, so würde es uns nicht sehr weit führen. Der Jude ist nun einmal von einer starken Geistigkeit erfüllt. Wer wirklich die Aufgaben des Kolonisators erfaßt, wer nicht nur mit der manuellen Kraft, sondern mit der Psychologie des zu kolonisierenden Elementes rechnet, der wird diese Geistigkeit nicht dadurch erledigen, daß er sie ignoriert, er wird sich vielmehr bemühen, sie zu produktiveren, ja, sie direkt wirtschaftlich nutzbar zu machen. Und wenn es jetzt auch unser innigstes Bestreben ist, unserem Volke den Pflug in die Hand zu drücken, es an seine Scholle zu binden, so ist doch dies eine klar; wir sind doch einmal das „Volk .des Buches“. Und unsere stärkste Waffe ist der Geist, und die Pflege dieses Geistes, die Stärkung und Bereithaltung dieser Waffe für die Erkämpfung eines besseren Lebens ist unsere Pflicht. Die Universität wäre unser geistiger Dreadnought, mit welchem wir größere Erfolge erzielen könnten als die anderen mit ihren Armeen und Flotten. (Lebhafter Beifall.) In Palästina muß alles da sein, und zwar in der höchsten und schönsten Form, was man in der nichtjüdischen Welt findet, dann wird das Land eine Anziehungskraft ausüben auf die uns noch fernstehenden Elemente, und es werden uns Kräfte zufließen, von denen wir jetzt kaum zu träumen wagen. Die kulturelle Kolonisation Palästinas kann und wird zu einem Faktor in der Erreichung unseres großen Zieles werden, der an Wert der ökonomischen Kolonisation nicht nachgestellt zu werden braucht. Es ist bis jetzt nicht ohne Absicht nur von der Notwendigkeit der Universität aus national-palästinensischen Gründen heraus gesprochen worden, aber es ist leider nur zu bekannt, daß das Projekt einer jüdischen Hochschule seine Stütze auch aus einem Notstand des Diaspora-Judentums empfängt, der zu den brennendsten Fragen des Tages gehört. Man weiß zur Genüge, wie hart die Entrechtungen sind, unter denen die Mehrheit unseres Volkes leiden muß. Zu den Beschränkungen, welche die Juden in Rußland vielleicht am härtesten treffen, gehört die von Staats wegen angeordnete Absperrung der Mittel- und Hochschulen. Es würde zu weit führen, die Einzelheiten dieser Maßregeln

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