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Die Welt · 1913-09-07 · 4 (7.9.1913) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
4 (7.9.1913)
Date
1913-09-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE WELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG — ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRG. WIEN, 7. September 1913 — DV Kongreß-Ausgabe IV. DER JÜDISCHE KULTURFONDS „KEDEM“ Von Dr. Heinrich Loewe Wenn ein so altes Kulturvolk wie das jüdische daran geht, sich der Zukunft seiner Existenz als Volk zu versichern, so kann das nur geschehen, wenn es die Bausteine sammelt und ordnet, aus denen seine Kultur und damit sein Volksgeist errichtet war und wieder neu errichtet werden muß. Denn die von einem Volke geschaffene Kultur, seine ewige Gesittung, ist seine Seele, die erst dem Volkskörper, der aus den Personen und materiellen Gütern des Stammes besteht, Leben und Bewegung gibt. Die Kultur ist ebenso die Ursache alles Lebens eines Volkes und zugleich der Zweck dieses Lebens. Erst die Gesittung eines Volkes macht es zum Volke. Das trifft natürlich noch viel mehr auf ein Volk zu, das wie das jüdische durch zwei Jahrtausende der Verbannung dem mütterlichen Boden entrissen, allein durch seine gemeinsame Kultur und durch die treue Bewahrung der Gesittung der Väter sich am Leben erhalten hat, als auf irgend einen Stamm, der dem Schwerte seine Existenz verdankt. Noch heute zehrt der jüdische Volksgeist, der doch wahrlich nicht arm an neuen Ideen ist, von den grundlegenden Kulturwahrheiten und den einzigartigen Literaturschöpfungen der klassischen Zeit des hebräischen Stammes im Lande der Ahnen. Und so lange es ein jüdisches Volk gibt, in den Jahrtausenden selbständigen Lebens in der alten Heimat und während seiner nicht kürzeren Leidenswanderung durch alle Länder der bewohnten Welt, hat es sich allein durch das treue Festhalten seiner angestammten Kultur und durch deren organische Fortbildung erhalten. Die jüdische Kultur wurde das Lebenswasser, das dem alten Stamme immer von neuem Nahrung und Lebenskraft zuführte, wenn es schien, daß er durch die rohe Gewalt, die ihn überall bedrängte, zugrundegehen So hat denn auch die jüngste Vergangenheit, die den allerschwersten Kampf durchzuführen hatte, den Kampf mit der Gleichgültigkeit und Selbstauflösung des scheinbar altersschwachen Stammes, nicht umhin gekonnt, den unermeßlichen Wert der jüdischen Kultur zu erkennen, die nicht bloß, wie jede Kultur, um ihrer selbst willen da ist, die eine so hohe Stufe menschlicher Gesittung darstellt, daß sie in ihrer ältesten Gestalt die Geisteswelt des Morgenlandes und des Okzidents umgestaltet hat, sondern auch allein das jüdische Volk vor der Zerstörung durch die Jahrtausende der Verfolgung gerettet hat. Als der neue nationale jüdische Geist erstand, der die Jugend beseelt und zu neuen Taten im nationalen Sinne begeistert, da war das Ideal ein jüdisches Eigenleben, in dem sich der Geist Israels nach seinen eigenen, ihm angeborenen und in den Jahrtausenden der Geschichte eingepflanzten Anschauungen weiter entwickeln und Kultur schaffen sollte. Der junge Drang nach Freiheit, der in der Jugend emporkeimte, verstand es instinktiv schneller, als es die nüchterne Ueberlegung des Alters finden konnte, daß wahre Freiheit nur dort zu finden, wo der Geist frei ist, wo er sich nach seinen eigenen Gesetzen entwickeln kann und wo er nicht größerem Einfluß anderer Kulturen unterliegt, als das beim selbstverständlichen und notwendigen Austausch der Kulturgüter aller selbständigen Nationen denkbar ist. Frei ist nur die Nation, die ein eigenes Geistesleben hat, und die imstande ist, für die Geistesgüter, die es von andern erwirbt, selbst geschaffene Kulturgüter in Austausch zu geben. Die Juden, denen daran liegt, als Eigenart fortzuexistieren, und die sich mühen, ein freies Volk zu sein, müssen ganz natürlich alles daran setzen, eine Kultur weiter zu bauen, die niemals aufgehört hat zu existieren, die aber seit den letzten Jahrhunderten mehr und mehr von ihrer Kraft und ihrer Unmittelbarkeit verloren hatte, besonders auch weil ihre eigenen Söhne genötigt waren, ihre besten Kulturschöpfungen in den Sprachen und deshalb im Geiste anderer Völker zu schaffen. Darum liegt der Nachdruck bei der Neuerrichtung eines jüdischen Kulturbaues auf der Pflege der Sprache, die allein das Gefäß aller jüdischen Kultur in vier Jahrtausenden gewesen ist, jener hebräischen Sprache, die selbst dort, wo sie mehr und mehr bis auf Rudimente im Volksmunde geschwunden ist, doch noch in diesen Resten ein Bindemittel aller Glieder des jüdischen Volkes auf der ganzen Erdenrunde geblieben ist, und zumal in einer Zeit es wieder wurde, wo im Lande der Väter, das aus seinem Dornröschenchlaf erwacht, die Sprache der Ahnen zu einer neuen lebendigen Sprache der Nachkommen geworden ist. Aus der Berührung mit dem eigenen mütterlichen Boden erwuchs dem jüdischen Volke wie dem sagenhaften Antaios eine zwiefache Kraft: die Kraft, den Boden zu bebauen und ihm die Früchte des Fleißes und der Fruchtbarkeit abzugewinnen, und die Kraft des Geistes, die eigene, in Scheintod versunkene Sprache neu zu beleben. Diese Sprache ist das Band, das alle Geschlechter unseres

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