Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe II (4.9.1913)
- Date
- 1913-09-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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38 - _DiE^mj ■ Westösterreichischer Jugendtag. Unter Beteiligung von 43 Korporationen aus allen Teilen Westösterreichs wurde am 2. September der Jugendtag abgehalten, den die Wiener zionistische Vereinigung cinberufen hatte, um die Idee des jüdischen Jugendwandems zu propagieren. Max Nordau begrüßte die Tagung in einem Schreiben, dem wir folgende Stellen entnehmen: Zwei Ursachen — eigentlich zwei Anblicke derselben Ursache - sind es, die unsere Jugend dem Judentume entfremden: ihre tiefe Unbekannthcit mit der Vergangenheit ihres Volkes und der Umstand, daß sie alle ihre Wissenschaft vom Judentum aus antisemitischen Quellen schöpft und durch Lektüre, Umgang und Unterhaltung dazu erzogen wird, sich selbst und ihr Volk mit antisemitischen Augen anzusehen. Sie empfindet alle spezifisch jüdischen Eigenschaften antisemitisch, das heißt, als abstoßende, hassenswürdige oder lächerliche Mängel, die man energisch abzustreifen, mindestens zu verbergen bestrebt sein muß und sie weiß nichts von den aktiven und passiven Großtaten des jüdischen Volkes, die dieses selbst jedem Fremden, sofern er es kennt, ehrwürdig machen, seinen eigenen Söhnen aber Begeisterung, Bewunderung und Stolz einflößen müssen.* Nordau bespricht hierauf die Aufgaben des jüdischen Jugendwanderbundes und schließt mit mit den Worten: »Der Weg, den Sie nach ihrem Programm einschlagen, führt unfehlbar zum Zionismus. Aber noch früher führt er zur Selbstachtung und zu innerer Aufrichtung, der Lebensmut und Lebensfreude gibt.* Namens der zionistischen Leitung wies Ingenieur K ö p p 1 auf die Bedeutung des Jugendtagung hin. Die Vormittagssitzung wurde von den Referaten der Herren G e r s u n y, Wien (Ziel, Zweck und Organisation des österreichischen Bundes »Blau-Weiß* für jüdisches Jugendwandein), Dr. Unna (Bedeutung der Tumbewegung für die jüdischnationale Erziehung unserer Jugend) und K1 a b e r (Wie organisiert man jüdische Geschichts- und hebräische Sprechkurse?) ausgefüllt. Nach einer lebhaften Debatte wurde die Gründung von Jugendwanderorganisationen in sämtlichen an der Tagung beteiligten Provinzstädten beschlossen. ts ist zu hoffen, daß sich die Jugendwanderbewegung, die in Wien so schöne Erfolge aufweist, nun rasch über ganz Oesterreich ausbreitet. RUND UM DEN KONGRESS Bilder von der Kongreßeröffnung. Am Dienstag gegen Abend kam ein Beamter auf mich zu und sagte: „Mir ist es zu Mute wie vor dem Kol Nidrei!“ Damit gab er einer Empfindung, die uns alle beherrschte, wohl den besten Ausdruck. Nachdem die letzten Tage für die meisten Delegierten — ganz zu schweigen von den Beamten des Kongreßbureaus — eine unglaubliche Hetzjagd gewesen, ein Hin- und Herlaufen und ein Aufgehen in tausend Einzelarbeiten, war plötzlich am Nachmittag ein Stillstand eingetreten, gewissermaßen eine Atemstockung. Man hatte sich getrennt, und jeder war in sein Hotel oder sonstiges Logis gegangen, um sich vom Staube des Arbeitstages zu befreien und sich auch äußerlich auf die Feier vorzubreiten, der wir entgegenharrten: der Eröffnung des Kongresses. Wer zwischen 7 und ^/»8 Uhr über den Kämtnerring ging und in die Foyers der großen Hotels hineinsah, konnte auf den ersten Blick sehen, daß das Bild sich verändert hatte, das sich in den letzten Tagen hier geboten : vereinsamt die Cafes, die bisher gefüllt gewesen mit Gästen mit blau-weißen Abzeichen, verschwunden die hastenden oder in Gruppen schlendernden und diskutierenden Kongreßbesucher; dagegen begannen die Vorhallen des Hotels sich zu füllen mit Herren in Frack und Zylinder, mit Damen in Abendtoilette, die wartend herumstanden und wohl auch nervös auf die Uhr sahen. In diesen Minuten, da wir, festlich gekleidet, auf Freunde oder auf den bestellten Wagen harrten, fanden die meisten von uns zum ersten Male Zeit, ihre Spannung zu bemerken, zu fühlen, daß ihre Teilnahme an früheren Kongressen sie noch keineswegs abgestumpft hatte, sondern daß das gleiche Hochgefühl sie bewegte, mit dem sie in früheren Jahren zur offiziellen Vereinigung mit den aus allen Teilen der Welt herbeigeströmten Gesinnungsgenossen gekommen waren. Um Viertel vor 8 Uhr waren die Hauptstraßen nach der Katharinenhalle in Schönbrunn ein einziger Wagenkorso. Wie imposant dieses auf die Vorstadtbewohner gewirkt haben muß, das läßt sich an den Scharen von Menschen ermessen, die auf dem langen Wege geradezu ein Spalier bildeten. Schon eine ganze Strecke vor dem Ziel mußte man sich — wegen der davorstehenden Wagenburg — zum Aussteigen entschließen und die letzte Strecke zu Fuß zurücklegen. Das Warten vor dem Verhandlungsgebäude, vor dem eine nach Tausenden zählende Menge dicht geschart stand, erwies sich dann allerdings als eine wenig erfreuliche Beigabe, aber mit etwas Geduld wurde auch das überwunden, und unsere Festesstlmmüng ließ uns sogar ein paar Ellbogenstöße übersehen. Kurz nach 8 Uhr hatte der riesige Saal alle, die mit Einlaßkarten versehen waren, äüfgenommen, während Hunderte die keine Karten hatten, abgewiesen wurden. Und wieder einmal grüßten uns von den Wänden blauweiße Arrangements und grüne Tannenzwerge, und wieder sahen wir vor uns das Bild unseres Herzt — diesmal eine Pastellzeichnung von Dr. Märmorstein. Eine hübsche und originelle Idee bei der Saaldekoration waren die Mögen Dovids, die in der Mitte die Farben aller zionistischen Studentenverbindungen trügen und die Balkons rings umkränzten. Und wieder fühlten wir den innigen Kontakt mit allen den Männern und Frauen, die diesen Saal füllten und die aus dem gleichen Grunde, mit dem gleichen Ideal und Ziel hierhergekommen waren wie wir. Als sich die Mitglieder des E. A. C. auf der Tribüne einfanden, begrüßte sie ein Beifall, der sie für manche seit dem letzten Kongreß gehabte Mühe und Plage entschädigt haben muß. Seinen Höhepunkt erreichte dieser Jubel, als Professor Warburg sich erhob, um die erste Ansprache an die Versammelten zu richten und den Kongreß zu eröffnen. Er und die folgenden Redner vom E. A. C., Nahum Sokolow, der ergreifende und anklagende Worte über das Leben in der Diaspora sprach, und Dr. Schmarja Lewin, der vom neuen Jischub in Erez Israel erzählte, bildeten zusammen ein Trio, in dem sich die für unsere Bewegung nötigsten Gaben vereinigten: ruhige, vornehme Gelehrtenklarheit, scharfer, weitblickender Verstand und ein heißes jüdisches Temperament; dazu eine Vereinigung von modernem europäischen und tiefem jüdischen Wissen. Die Blitzlichtaufnahme vom E. A. C., die uns während der Rede von Professor Warburg ein wenig erschreckte, wird hoffentlich die interessante Verschiedenheit der jüdischen Typen genügend zur Geltung bringen. Als die Versammlung in vorgerückter Stunde geschlossen wurde und auch das Beifallklatschen, Rufen und Fahnenschwenken endlich aufgehört hatte, gingen wir auseinander mit dem Bewußtsein, daß wir für Zeiten harter Arbeit, Enttäuschung und schwerer Kämpfe belohnt werden durch Weihestunden, wie sie keiner anderen jüdischen Gemeinschaft beschieden sein können als uns, die wir das gesamte jüdische Volk unserer großen Idee und seiner eigenen besseren Zukunft entgegenführen wollen.