Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- Kongreß-Ausgabe II (4.9.1913)
- Date
- 1913-09-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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30 Nr. II DIE3aEELT man vielfach auch in der Propaganda einem opportunistischen System, verlor sogar das unbedingte Selbstvertrauen, in der Vertretung unserer Ideen selbst, ohne das ein Erfolg nicht möglich ist. Diese Zeit liegt hinter uns. Innerhalb der Organisation herrscht Frieden. Nicht daß alle Differenzen in der Auffassung vom Zionismus, von seinen Arbeitsmethoden geschwunden sind. Das ist in einem lebendigen Organismus unmöglich, der ständig neue Ideen, neue Tendenzen aus sich gebiert, und deshalb auch nicht wünschenswert. Aber die organisatorischen Differenzen, die die Arbeit in den Landes- und Sonderbänden gestört hatten, sind mit einer einzigen Ausnahme gelöst. Die Ehrenhändel, die wir übernommen haben, sind geschlichtet. Neue sind nicht entstanden. Die Arbeit der Gruppen hat sich auf die Propaganda, auf den Kampf nach außen konzentriert. Und so sind wir denn, wenn wir von der mystischen und unzweifelhaft falschen Zahl des Jahres 1903 absehen, zum erstenmal über den so lange festgehaltenen Stand von rund 100.000 Schekelzahlern weit hinausgekommen und haben trotz gesteigerter Ausgaben dieselben ausschließlich durch eigene Einnahmen gedeckt. Auch die unseren Institutionen zufließenden Einnahmen sowie die Investitionen von Gesinnungsgenossen in Palästina sind erheblich gestiegen. Die Einheitlichkeit der Organisation wird immer merklicher, die Straffheit ihres Auftretens nach außen, die geistige Höhe der Propaganda und ihr sittlicher Ernst auch dem verbissensten Gegner immer deutlicher. Diese Tendenz zum Fortschritt und die Ergebnisse, die sie noch für die Zukunft erwarten läßt, — das ist der wahre Beweis dafür, daß die Berliner Periode sich nicht nur äußerlich von der früheren Zeit unterscheidet. (Beifall.) Für die neue Kongreßperiode wird es unseres Erachtens im Interesse unserer Arbeit liegen, wenn sie auf Grund der Tendenzen der letzten zwei Jahre fortgesetzt wird. Nur eine Aenderung erscheint uns notwendig. Wenn das große Aktionskomitee in die Lage kommen soll, bei wichtigen Ereignissen namens der Organisation eingreifen zu können — und solche Ereignisse werden nicht ausbleiben — so müssen dem Großen Aktionskomitee die Machtmittel der Organisation zur Verfügung stehen. (Beifall.) Wenn Sie vom Großen Aktionskomitee Verantwortungsübernahme fordern, so müssen Sie ihm auch die Möglichkeit geben, in verantwortungsvollen Momenten zu handeln. Dies ist heute nicht der Fall, wo eine der Majorität des Großen Aktionskomitees entgegengesetzte Richtung unumschränkt über den Jüdischen Nationalfonds, die Jüdische Kolonialbank und die Anglo Palestine Company verfügt. Ich will nicht davon sprechen, wie unwürdig es war, Männern, denen man die höchsten Interessen nicht nur der Organisation, sondern der zionistischen Idee selbst, überantwortete, nicht auch das Vermögen und den weitaus größten Teil der Einnahmen der Organisation anzuvertrauen. Auch sachlich sind durch den jetzigen Zustand Schwierigkeiten entstanden, denen die Leitung der Organisation nicht dauernd ausgesetzt werden darf. Wir müssen daher fordern, daß diese Anomalie wieder beseitigt wird. (Stürmische Zustimmung.) Wenn Sie dieser Forderung, die uns als eine unumgängliche Notwendigkeit erscheint, Rechnung tragen, so werden Sie nichts weiter getan haben, als dem System des X. Kongresses zu folgen, das eine Rückkehr zu den organisatorischen Grundsätzen bedeutete, auf denen Herzl die Organisation aufgebaut hat. (Sehr richtig!) Geehrter Kongreß! Wir haben Ihnen das System unserer Arbeit unterbreitet. Sie ist Ihnen nicht fremd. Denn es ist nicht weniger Ihre Arbeit als unsere, es ist die Arbeit unseres Gesamtorganismus, dessen Organe wir alle sind. Deswegen ist auch Ihre Kritik wie die unserige Selbstkritik. Und so wird sie nicht zur Verbitterung, sondern zur Besserung führen, nicht als ein Tadel der persönlichen Ansichten des Gegners, sondern als ein Beitrag zur Erhöhung der zionistischen Gesinnung, zur Verfeinerung der zionistischen Methoden erscheinen und damit auch ihrerseits ein positives Element unserer Arbeit sein. Unser Ehrgeiz ist es nur, dieser Kritik eine sachliche Unterlage geliefert zu haben. (Stürmischer langanhaltender Beifall). Nach Schluß des Rechenschaftsberichtes ergreift noch einmal Präsident Wolffsohn das Wort: Geehrter Kongreß! Ich habe vorhin, als ich unserer Toten gedachte, zwei Männer nicht erwähnt (die Versammlung erhebt sich von den Sitzen), die im zionistischen Leben eine große Rolle gespielt und die mit uns geschaffen und gearbeitet haben. Es sind dies unser Professor Max Mandelstamm aus Kiew und der Bildhauer Beer, der, wie Sie wissen, für uns seinerzeit die Kongreßmedaille und die Herzl-Büste geschaffen hat. Deren Andenken wollen wir ebenfalls ehren und ich konstatiere, daß Sie sich deshalb von Ihren Sitzen erhoben haben. Herr Dr. Bogratschoff wünscht unserem Kämpen Ussischkin, der heute 50 Jahre alt wird, eine Blumenspende im Namen der palästinensischen Zionisten zu überreichen. (Die Versammlung erhebt sich von den Sitzen, stürmischer, sich oft erneuernder Beifall und Hedadrufe.) Geehrter Kongreß! Ich glaube im Sinne aller Zionisten zu sprechen, wenn ich unserem Ussischkin im Namen des Kongresses zu seinem Geburtstage gratuliere und ihm wünsche, er möge noch lange, lange mit uns Zusammenarbeiten. (Stürmischer, sich oft erneuernder Beifall.) Das Wort hat Herr Julius Simon. Julius Simon, Heidelberg (Mit lebhaftem Beifall begrüßt): Geehrter Kongreß! Im Namen einer großen Zahl von Parteifreunden freue ich mich, hier erklären zu können, daß wir den Leitsätzen, die der Referent des Engeren Aktionskomitees vorgetragen hat, zustimmen. (Bravo!) Ich freue mich, so rückhaltslos dies tun zu können und ich hoffe, daß diese Zustimmung im Kongreß einen starken Widerhall finden wird (Beifall), denn es ist notwendig, daß wir zu jenen glückhaften Zeiten zurückkehren, da die Leitung der Bewegung getragen war von dem Vertrauen der Organisation. (Beifall.) Dann erst werden wir alle jene Kräfte, die sich im Parteikampfe verzehrten, durch das Bewußtsein innerer Harmonie zur Mitarbeit freigemacht haben. Möge uns dieser Kongreß diese Gewißheit bringen. Wir fordern auf das entschiedenste die Fortsetzung der Tätigkeit des Aktionskomitees in der begonnenen Richtung. (Bravo! Beifall.) Wir wissen, daß diese Tätigkeit eine schwierige gewesen ist, daß sie unter schwierigen Umständen begonnen hat und daß nur eine ganz kurze Spanne Zeit hinter uns liegt, die uns gestattet über diese Tätigkeit hier zu beraten und zu beschließen. Umso dankbarer müssen wir sein, daß das Aktionskomitee uns trotz dieser kurzen Spanne Zeit schon Gelegenheit gegeben hat, die Tendenzen seiner Richtung klar zu erkennen. Hier auf dem Kongresse werden wir die Tätigkeit des Aktionskomitees zustimmend oder ablehnend beantworten, hier auf dem Kongresse. Es gibt kein anderes Forum des Zionismus als diesen Kongreß. (Sehr richtig! Beifall t Hier sind auch diejenigen, die Anhänger der Bewegung sind und als treue Anhänger erkannt werden wol'en, verpflichtet, wenn sie mit der Arbeit des Aktionskomitees nicht übereinstimmen, ihre Stimme zu erheben, aber nur hier, nur in dieser Versammlung. (Sehr richtig! Stürmischer Beifall.) Ueber den wichtigsten Teil der Arbeit, die Palästinaarbeit, werde ich im einzelnen jetzt nicht sprechen. Sie wissen, daß eine Spezialberatung über dieses bedeutsame Thema stattfindet, in welcher wir unsere Anträge formulieren werden. Nur eines möchte ich jetzt schon formulieren: daß es mir scheint, als ob es eine der Aufgaben dieses Kongresses sein muß, die Wichtigkeit einer Institution zu betonen, die der Entwicklung Palästinas dient, der Palestine Land Development Company, und daß wir hier die Mittel zu finden haben, um diese Gesellschaft aktionsfähig zu machen. In kultureller Beziehung glaube ich, daß uns vor allem die Förderung des Merkas Hamorim nottut. Ich stimme mit dem Referenten des Engeren Aktionskomitees auch in Bezug auf die von ihm entwickelten Gedanken der Propagandatätigkeit überein. Die Tätigkeit des Aktionskomitees