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Die Welt · 1913-09-03 · Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913)
Date
1913-09-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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12 Nr: I DIE5ZELT ganz ruhig, auf Grund von beweisbaren Tatsachen, die Behauptung aufstellen, daß alle diejenigen Schulen und Lehranstalten, die von Zionisten geschaffen und geleitet : oder durch den Zionismus beeinflußt sind, alle anderen jüdischen Schulen Palästinas an Vollkommenheit und Zweckmäßigkeit weit überragen. Und zwar durchaus nicht nur vom jüdisch-nationalen Standpunkte aus, sondern auch unter dem Gesichtswinkel allgemein menschlicher Erziehung betrachtet. Im Golus hat unsere „Doppelgestalt“ unsere besten Tugenden nicht zur Geltung kommen lassen und im günstigsten Falle haben wir Menschen großgezogen, die halb Knechte und halb Freie wurden. Da erstand uns die neue Schule in Palästina und zeigte uns, wie man die Janusmaske abwerfen kann. Gerade jetzt hat das hebräische Gymnasium in Jaffa ein Erstlingsfest gefeiert, und zum ersten Male in unserem Leben haben wir junge Abiturienten vor uns gesehen, die nur Juden sind und nichts als das. Diese jungen Menschen sind ganz und gar frei von unserer Zweiseelen-Psychologie, und von ihnen dürfen wir zuversichtlich erwarten, daß sie unserem Volke Ehre machen und unserer Fahne Treue halten werden. Möglich, daß diese jungen Leute hie und da durch Uebereifer Maß und Grenze ein wenig, überschreiten. Das wird sich im Laufe der Zeit so natürlich ändern, wie dieser Uebereifer eine natürliche und notwendige Reaktion ist, gegen Indifferenz und Feindseligkeit. Wird unsere Position immer ruhiger und fester sich entwickeln, so wird alles Uebermaß und aller Uebereifer ganz von selbst verschwinden. Die Zionistische Organisation hat also die ernste Pflicht, alles zu tun, um auf die kulturelle Entwicklung des neuen Jischub Einfluß zu gewinnen. Recht naiv hat man in der letzten Zeit da und dort die alte Frage wieder aufgeworfen: was ist denn eigentlich jüdische Kultur? Sind wir denn nicht alle Kulturmenschen? Wollen wir denn die Räder der kulturellen Entwicklung rückwärts drehen? Auf diese naive Hagada-Frage brauchen wir nur eine kurze Antwort zu geben. Auch die anderen Organisationen, die mit der jüdischen Renaissance nichts gemein haben, ja sogar die Schulen der Missionare verkünden bekanntlich mit Stolz, daß sie durch ihr Erziehungswerk im Orient Kultur verbreiten. Nun also: es gibt doch offenbar Kultur und Kultur. Wer jene Frage immer wieder stellt, mag sich dies eine endlich merken und er wird ein für alle Male den Unterschied begreifen. Aber noch aus einem anderen Grunde erwächst der Zionistischen Organisation die unbedingte Verpflichtung, die gesamte Kulturarbeit in Palästina in ihren Händen zu konzentrieren. Wir müssen die Regierung des Landes zu der Ueberzeugung bringen, daß wir keine abseits unserer jüdischen Bestrebungen liegenden Tendenzen verfolgen, und daß unsere Arbeit nur unseren Zwecken dient. Denn es könnte für unsere Tätigkeit verhängnisvoll werden, wenn wir — und sei es noch so unbeabsichtigt — uns in den Konkurrenzstreit der verschiedenen fremden Gruppen einmischten. Wir dürfen unter gar keinen Umständen für andere die Kastanien aus dem Feuer holen, denn wir untergraben damit den jüdischen Jischub. Die Zionistische Organisation hat weiterhin die Pflicht, dem Problem des jüdischen Arbeiters in Palästina besonderes Interesse zu widmen, um durch ihre Institutionen möglichst für eine Besserung der Lage des jüdischen Arbeiters zu sorgen, sowie dafür, daß der jüdische Arbeiter im Lande und in der Gesellschaft die Stellung einnehme, die ihm zukommt. Ich will damit nicht sagen, daß nun die Zionistische Organisation sich etwa in die Differenzen einzumischen hätte, die in Palästina, wie in allen anderen Ländern, zuweilen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern Vorkommen. Der jüdische Arbeiter in Palästina ist abei ganz allein auf sich gestellt, und während in allen Kulturstaaten die Regierungen oder die gesellschaftlicher Initiative entsprungenen Organe durch Gesetze oder durch soziale Hilfsarbeit für eine Besserung der Lage des Arbeiters wirken, existiert in Palästina noch keine soziale Instanz. Nun glauben manche und viele behaupten es, daß die Forderungen der jüdischen Arbeiter zu hoch geschraubt sind und daß sie deswegen im Lande nicht festen Fuß fassen könnten. Diese Ansicht ist indessen durchaus oberflächlich, und die Wirklichkeit rechtfertigt sie keinesfalls. Gewiß, es ist wahr, daß der jüdische Arbeiter meist in einem gewissen Grade Kulturmensch ist, und daß er mit dem äußersten Minimum, das dem Fellachen genügt, nicht existieren kann. Aber das ist ja gerade sein großer Vorzug, denn dieser jüdisch« Arbeiter ist, wie jeder an Kulturbedürfnisse gewöhnte Arbeiter, zu einer ganz anderen Steigerung seiner Leistungen fähig, als der bedürfnislose Fellache. Die Quantität des höheren Lohnes wird durch die Qualität der Arbeit mehr wie wett gemacht, und ich werde gewiß Gelegenheit haben, während der Debatte die Richtigkeit dieser Behauptung durch Mitteilung von Zahlen und Tatsachen zu beweisen. Menschenwürdige Wohnräume, Leihkassen, nicht für den einzelnen Arbeiter, sondern für die Arbeiter-Organisationen, Volkshäuser und Bibliotheken, kurz alles, was man unter dem Sammelnamen „soziale Einrichtungen“ zusammenfaßt; an allen derartigen Unternehmungen muß die zionistische Organisation durch ihre Repräsentanten und ihre Institutionen beteiligt sein. Die jüdischen Arbeiter setzen im allgemeinen ihre Gesundheit sehr vielen Gefahren aus. Infolge des Mangels an hygienischen Wohnungen, an gesundem Wasser, geben sie einen Boden ab für allerlei Krankheiten, und zwar in viel höherem Maße als die Kolonisten. Aber wir haben in Palästina noch einen ganz neuen Vorkämpfer und Pionier, der sich dauernd in Lebensgefahr im elementarsten Sinne befindet. Denn das Ziel, das diese Pioniere sich gestellt haben, fordert es unter Umständen, daß sie geradezu ihr Leben aufs Spiel setzen. Das sind unsere neuen Wächter, die Schomerim, die das jüdische Hab und Gut verteidigen und unter Umständen Leben und Gesundheit dafür einsetzen. (Lebhafter Beifall.) Ein - ganz neuer Typ ist unter ihnen entstanden, der Jude ohne Furcht und Schrecken, wo es den Jischub und seine Ehre gilt. Nicht viele kennen ihn aus eigener Anschauung, diesen neuen Judentypus, und manche, zu denen , die Kunde von ihm gekommen ist, empfinden das Gerücht als eine phantasievolle Legende des glühenden Orients.; Aber nein, es ist keine Dichtung, es ist eine Tatsache, - die uns als Dichtung erscheinen mag, weil ihre ungewohnte Erhabenheit uns staunen macht. Die Organisation der Schomerim ist noch jung und verlangt noch viele Kräfte, 1 um ihre Existenz und ihre Entwicklung zu sichern. Geld, Boden und Menschen brauchen wir zu unserer Arbeit. Aber für unser Ziel brauchen wir sie in umgekehrter Reihenfolge: Vor allem haben wir Menschen nötig, für die Menschen Boden und zur Erwerbung des Bodens brauchen wir Geld. Das sind die drei Pfeiler, die den jüdischen Jischub stützen müssen. Seine Krönung aber wird die jüdische Kultur sein, die lebendig, vielseitig und fruchtbar aus diesem Boden erwachsen wird. Wenn wir uns jetzt alles vergegenwärtigen, was im Laufe der letzten dreißig Jahre im Lande unserer Zukunft geschaffen worden ist, so empfinden wir jene große seelische Befriedigung, die nur aus einer gewissen Vollendung einer großen Arbeit kommt. Wir fühlen jene Genugtuung über unser Werk, weil wir nun wissen, daß wir aus dem Stadium des Anfanges heraus sind und uns mitten im Aufbau eines neuen Lebens befinden. (Tosender, anhaltender Beifall.) Prof. Dr. Warburg: Geehrter Kongreß! Wir sind am Ende unserer heutigen Beratungen. Sie. haben ein Bild von unseren Zielen und Bestrebungen im allgemeinen erhalten. Morgen werden wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Ich schließe hiemit die Eröffnungssitzung unseres Kongresses. (Stürmischer Beifall. Die Versammlung erhebt sich und singt die Hatikwah.)

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