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Die Welt · 1913-09-03 · Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913)
Date
1913-09-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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10 Nr. I DIE^EELT jüdischen Volkes in den verschiedenen Ländern entworfen. Wieder haben wir ein Kapitel unserer Golus-Geschichte überwunden und haben wieder gesehen, wie sehr es unserem Volke an den Grundbedingungen für eine natürliche Entwicklung fehlt, wie sehr es jeder Möglichkeit beraubt ist, sich ähnlich den anderen Völkern, die in letzter Zeit zur nationalen Wiedergeburt gelangten, zur nationalen Selbständigkeit aufzuschwingen. Der schöpferischen Kraft unseres Volkes erstehen überall nur Hindernisse und Hemmungen, wo immer sie sich zu offenbaren sucht, und gelingt es ihr, alle Hinderungen zu überwinden, so geht sie eines guten Teiles ihrer Art verlustig und das Resultat ist nur ein Teil ihres Selbst. Sogar im besten Falle muß die jüdische Schaffenskraft an ihre Umgebung einen hohen Tribut entrichten, eine Kopfsteuer und eine Seelensteuer, muß sich andersartigen Bedingungen anpassen, eine fremde Form annehmen und ihren inneren Kern bis zur Unkenntlichkeit in eine fremde Schale hüllen. Und selbst, wenn wir nur diejenigen Werte verteidigen wollen, die als historisches Vermächtnis zu nationalem Gemeingut geworden sind, haben wir einen Kampf zu führen nach außen und nach innen. Nach außen mit einer Umgebung, die sich gegen uns sträubt, und nach innen mit einem großen Teile unseres Volkes, der nur das eine Streben kennt, sich von einer Vergangenheit loszulösen, die er als Last empfindet und dafür rein persönliche Zukunftshoffnungen einzutauschen. Die Unnatürlichkeit solcher Zustände, der dauernde Kampf mit der Umgebung und ihren Bedingungen einerseits und das starke innere Gefühl anderseits, das Bewußtsein, daß die schöpferische Kraft unseres Volkes durchaus noch nicht erlahmt ist, das sind die Momente, die den Boden für unsere Freiheitsbewegung vorbereitet haben, die sich jetzt in unserer zionistischen Organisation ihre Form geschaffen hat, und die alles Gesunde und Lebensfähige in unserem Volke vereinigt. Es kommt nicht darauf an, ob das Gefühl unser Bewußtsein beeinflußt hat, oder ob unser Bewußtsein das Gefühl hervorgerufen hat, beide zugleich haben vor etwa dreißig Jahren jene erste große Stoßkraft erzeugt und uns neue Bahnen gewiesen. Wenn wir nun auch diese dreißigjährige Periode nur als den Anfang eines großen Werdens betrachten, so glaube ich dennoch, hoher Kongreß, daß wir die Pflicht haben, dem neuen Leben, das im Lande unserer Verheißung sich entwickelt, die genaueste Aufmerksamkeit zu schenken und die Tendenzen zu untersuchen, von denen es beherrscht ist, damit wir danach feststellen können, ob die Entwicklung sich in der Richtung unseres Hauptzieles vollzieht, und damit wir auf Grund unserer Erfahrungen das Programm unserer zukünftigen Arbeit festlegen können. Wir müssen wissen, ob im neuen Jischub der gesunde Kern einer nationalen Renaissance sich findet und in wiefern in ihm die Verwirklichung unseres großen Gedankens in kleinem Maßstabe Gestalt und Form annimmt. Dabei wollen wir nur bei zwei Momenten verharren, die aber zur Genüge beweisen werden, daß die Idee unserer nationalen Wiedergeburt nicht umsonst gehegt und gepflegt worden ist. Vor allem muß anerkannt werden, daß unsere ersten Pioniere, die aus eigenem Antrieb, noch bevor die zionistische Organisation von ihrem heroischen Schöpfer gegründet worden war, in unser Land zogen, diese „babylonischen Rückwanderer“ des 19. Jahrhunderts, die in gefahrvoller Zeit ein mühselige Arbeit und zahllose Leiden aus eigener Initiative auf sich nahmen, daß diese Pioniere uns jetzt nach dreißigjähriger Arbeit den Beweis geliefert haben, daß man in Erez Israel mit unermüdlicher Anstrengung sehr wohl das neue Milieu schaffen kann, das dem Wesen des jüdischen Volkes angepaßt ist. Wenn die Zahl der Arbeiter nicht in dem Maße gewachsen ist, wie wir es erhofft haben, so ist der Grund nicht in den Verhältnissen des neuen Jischub zu suchen, sondern in den schweren Lebensbedingungen des Golus, die unserem Volke die Lust nehmen, ein neues Leben zu beginnen. Platz gibt es in Erez Israel für Unzählige, und unsere Aufgabe ist es, die Trägen und Nichtsahnenden in unserem Volke darüber aufzuklären. Wir haben die Pflicht, unaufhörlich die Kunde zu predigen, daß der Orient zu neuem Leben erwacht ist, und daß, wenn w i r uns nicht beeilen, gerade die Pionierarbeit dort zu verrichten, andere kommen und das Land erwecken werden. Uns wird alsdann nur die bittere Reue Zurückbleiben, um die Schande unserer Nation. Der künftige Geschichtsschreiber wird von uns sagen, daß wir es nicht verstanden, eine so günstige Zeit für uns auszunützen, um durch die gemeinsame Arbeit unseres Volkes die „Schande von Mizrajim“, die Schande der ewigen Knechtschaft, kraftvoll von uns abzuschütteln. Mögen unsere Gegner sagen, was sie wollen, mögen sie kritisieren, Fehler unserer Arbeit suchen und an unseren Leistungen rütteln, so viel sie wollen, der neue Jischub ist heute ein positiver Faktor, und es geht nicht mehr an, ihn zu ignorieren. Gewiß ist er noch nicht vollkommen, er bedarf noch in vieler Hinsicht des Ausbaues, aber er ist ein lebendiges Zeugnis, daß das Land die Möglichkeit besitzt, seine Arbeiter zu ernähren, und daß unser Volk noch sehr wohl in der Lage ist, wieder den inneren Zusammenhang zwischen Volk und Land herzustellen. Unsere Kolonien, ihre äußere Entwicklung und ihr sich ganz neu gestaltendes Leben, geben allen unseren Bestrebungen erst einen greifbaren Inhalt. Es ist klar: ohne den neuen Jischub ständen wir heute leer und arm da, ohne Erfahrung, ohne Grundlagen, und wir müßten das ABC des neuen Jischub von unten auf anfangen. Weil wir eben keinen anderen Weg haben, weil die nationale Renaissance nicht von heute auf morgen verwirklicht werden kann, weil sie nur durch allmähliche Arbeit erwachsen kann, vom Kleinen zum Großen, Stein auf Stein, bis zur ihrer Vollkommenheit. Bescheiden, ja zurückgezogen feierten unsere Bilu- Pioniere im vorigen Jahre die dreißigste Wiederkehr des großen Tages, an dem sie ihre Arbeit im Lande begannen. In ihrem engen kleinen Kreise gedachten sie jener großen Begeisterung, die damals herrschte, als sie die Fahne entfalteten mit dem Aufruf: „Haus Jakob, kommet, wir wollen gehen,“ und sie gedachten auch der schweren Stunden, die sie in ihrer dreißigjährigen Arbeit durchzumachen hatten. Nur einzelne von uns können es verstehen, diese Zeit nach ihrem wahren Werte zu beurteilen. Nur wenige von uns wissen, daß diese jungen Bilu-Pioniere vielleicht die ersten Zionisten gewesen sind. Aber ich glaube, daß alle Mitglieder des Kongresses ohne Ausnahme es billigen werden, wenn ich diese Gelegenheit benütze, um unseren ersten Pionieren die Gefühle unserer Hochschätzung und unserer dankbaren Anerkennung von dieser Tribüne aus darzubringen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Sprechen wir von diesen unseren ersten Pionieren, so müssen wir noch eines anderen Volksgenossen gedenken, eines Mannes, der sich zwar nicht im Lande angesiedelt, der aber dem Lande unendlich viel gegeben hat. In jener schweren Stunde, als der neue Jischub, gering und schwach wie er war, einer Krise verfiel, und fast keine Hoffnung mehr blieb, unsere Pioniere aus ihrem Unglück zu retten, damals, da die Gegner des Jischub bereits den Untergang des Gedankens von der Wiedergeburt unseres Landes verkündeten, da sie die schwersten Angriffe gegen die begeisterten Stürmer und Dränger richteten, die nach der Befreiung unseres Volkes lechzten — damals erschien jener auserwählte Mann gleich einem rettenden Engel und befreite den neuen Jischub von seinen Nöten. Wenn wir heute gesunde und lebensfähige Kolonien haben, so müssen wir beim Hinweis auf dieses grandiose Werk, wenn wir nicht undankbar sein wollen, dem Baron Edmund von Rothschild unseren freudigen Dank sagen. Denn Baron Edmund von Rothschild kam nicht als gewöhnlicher Wohltäter nach Palästina, sondern als ein Mann, dem die Zu-

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