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Die Welt · 1913-09-03 · Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913)
Date
1913-09-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. I 9 Deshalb ist auch die Ueberzeugung von der Sicherheit einer Zukunft des jüdischen Volkes eine Vorbedingung für die psychologische Möglichkeit einer aufrichtigen Gesinnung und energischen Tätigkeit in der Gegenwart. Gleichwohl kann die nationale Erziehung nur die Keime zur Entwicklung edler Charaktere in die Jugend legen können; die Ausbildung dieser Keime muß immer dem Leben und eigener Anstrengung überlassen sein. Wenn der junge Jude die Bitternisse des Goluth schon in seinen Kindesjahren zu spüren bekam und auf eine gewisse Selbstverteidigung angewiesen war, so wird er doch erst als selbständiger Mensch sich der ganzen Schwierigkeiten und Gefahren bewußt, welche seine festesten Grundsätze bedrohen. Der eine oder der andere wird vielleicht der Versuchung nicht widerstehen können und durch Uebereilung, durch Unkenntnis der menschlichen Verhältnisse und Mangel an Erfahrung sich zu folgenschweren Mißgriffen verleiten lassen; er wird vielleicht die treulosen Ueberläufer nachzuahmen suchen. Dann aber wird er sich wieder besinnen und die Nichtigkeit jener Karriere durchschauen. Er wird erkennen, wie jene trotz der glänzendsten Erfolge auf ihren Gebieten doch nicht glücklich werden, wie sie sich zu Erreichung ihrer Ziele tausendmal bücken, wie sie schmeicheln, lügen und heucheln müssen, wie sie immer noch trotz ihres Abfalls und schmachvollen Verrats an den ihrigen und vollständige Hingabe an die andern, von diesen „Andern“ mit beleidigender Herablassung oder geradezu mit Verachtung behandelt werden, wie sie schließlich, wenn sie ihr Ziel erreicht haben, doch nicht glücklich sind, sondern nur immer weiter auf demselben mühseligen und dornenvollen Wege forteilen und, wenn ihnen durch Mißgeschick oder Torheit oder durch den natürlichen Lauf der Dinge ein ferneres Fortschreiten unmöglich geworden ist, ohne Würde und ohne Trost dem Elend und dem Jammer, dem Groll ihres eigenen Volkes und dem Geringschätzen anderer Völker anheimfallen. Der junge Nationaljude vergleicht dann mit ihrem Streben das seinige. Er hat für seine Ziele nicht nötig zu betteln und zu kriechen, das Zutrauen, welches er zu seiner Kraft besitzt und die Kühnheit, welche Wahrhaftigkeit und reine Ziele geben, lassen ihn sich den Mächtigen und Großen ebenbürtig fühlen und erzwingen ihm eine mit Furcht gepaarte Achtung, selbst bei Leuten, die ihn hassen und vernichten möchten. Sein Selbstbewußtsein wird ihn über manche Kränkungen erheben, ihn manche Beleidigungen weniger fühlen lassen, als die anderen, er wird viele der seelischen Leiden, die die anderen peinigen, gar nicht oder doch nur in geringerem Maße kennen lernen; sein edler Stolz schützt ihn gegen die Kränkungen niederen Ehrgeizes und kleinlicher Eitelkeit. Er verbannt die ängstliche Sorge darüber, ob dieser oder jener Richter sein vollständiges Assimiliertsein anerkennt oder nicht, und die Furcht von Mächtigen und ihre Folgen, die Demütigungen vor demselben und die Empfindung ihrer Geringschätzung aus seiner Brust. Selbst körperliche Leiden verlieren etwas von ihrer Bitterkeit, wenn einem der Stolz verbietet, dieselben allzu weichlich und offenkundig zu äußern. So wird denn, wenn auch keine vollendete Erlösung, wie wir sie in der Heimstätte erwarten, so doch eine relativ hohe, menschliche Seelenruhe die Frucht redlichen und treuen Strebens zum Voikswohle sein. Gleichwohl wird man sich der Tatsache nicht verschließen dürfen, daß die Befriedigung zum Wohle der eigenen Nation beizutragen, nicht in allen Gemütern einen gleich geeigneten Wohnsitz finden kann. Eine nationale Jugenderziehung würde allerdings viel zur Pflege eines edlen Stolzes auf redliches Streben und wackerer Taten tun können. Aber es gibt unzweifelhaft Naturen, in denen der heilige Funke dieser Begeisterung nicht anzufachen ist, aber auch wenn die Zahl jener Männer, welche vorwiegend die Interessen der Nation zu fördern bestrebt sind, nur gering bleibt, ihr Einfluß würde nicht zu verachten sein. Sie würden durch Wort und Schrift und durch das Vorbild ihrer Persönlichkeit in engerem oder weiterem Kreise auf die Volksmasse, die dem Nachahmen und Bewundern geneigt ist, mächtig einwirken, sie würden die wahren sittlichen Leiter und Lehrer des jüdischen Volkes sein. (Beifall.) Und in der Tat scheint die Zahl der Naturen, welche sich im Stillen durch das Streben nach Achtung vor sich selbst leiten lassen, nicht allzu gering zu sein. Sind wir doch ein Volk, daß im allgemeinen an Idealisten reich ist; je kräftiger und größer aber eine Natur ist, je empfindlicher sie für geistige Genüsse, je mehr sie hochherzigen und edlen Regungen zugänglich, je mehr sie geläutert ist durch Nachdenken und Geistesbildung, um so mehr pflegt sie Verständnis und Empfänglichkeit zu besitzen für die tiefen und unerschöpflichen Befriedigungen, welche ein Mensch empfindet, der sich mit seinem Volke eins fühlt und der sich für ein wackeres und tätiges Mitglied seines Volkes hält. So wird durch nationale Erziehung und Propaganda auch das jüdische Leben in der Diaspora von seinem Zwiespalt und seiner Zerrissenheit einem inneren Ausgleich näher kommen. Mit dieser Tätigkeit wird sich der Zionismus zu befassen haben. Es ist eine langwierige Arbeit und wir haben unmittelbare Aufgaben in der eigentlichen Arbeit in Palästina, die für uns die Hauptsache bildet. Aber wir werden uns auch mit diesem Problem immer mehr zu befassen haben. Geehrter Kongreß! Werden unsere Schilderungen und unsere Ratschläge endlich Licht bringen den Augen jener, die berufen sind, zu sehen? Noch ist’s nicht zu spät, aber die zwölfte Stunde naht. Möge sich unser Volk aufraffen und aus dem Traum erwachen, in den es die Untätigkeit gelullt. Wir hoffen es, und um dies zu erreichen, fahren wir fort, unsere Arbeit zu tun. Unsere Idee, sagen manche, trete aggressiv auf und wir verstießen fortwährend gegen die milde, friedfertige Gemütsstimmung und Behaglichkeit. Wir gestehen, daß wir vieles aus der Nacht ans Licht gezogen haben. Aber noch weit mehr kann man uns vorwerfen. Auch an tiefen Problemen haben wir gerührt, haben die Krankheitssymptome analysiert und Heilung gesucht für die Schäden der Zeit. Wir erwarten ohne Furcht den Wahrspruch der Geschichte. Sie wird sagen, daß wir die Augen unbeweglich auf ein Ideal gerichtet, niemandem zu Leid und unserem Volke zum Segen, auch in das Leben der Diaspora ordnend und klärend eingegriffen haben, und daß wir mit ernstem Sinn in die Ursachen und Zusammenhänge eingedrungen sind, durch die das einzige Rettungswerk für die Diaspora, die jüdische Einheit, geschaffen werden muß Ja, das Leben der Juden in der Diaspora ist noch ein Chaos, aber es regen sich schon die Keime vieler Gedanken, die mehr und mehr an's Licht gelangen! Verborgen und rein wie das Gold in der. Tiefen der Erde liegt die gestaltende Kraft im Chaos: Der Zionismus in der Diaspora! Dieser Kraft gehört die Zukunft! Prof. Dr. War bürg: Ich erteile nunmehr das Wort meinem Kollegen Dr. Schemarja Devin. (Stürmischer Beifall.) Der Beifall wiederholt sich, als Dr. Levin in hebräischer Sprache beginnt. Die Rede Dr. Schemarja Levins Hoher Kongreß! Herr Nahum Sokolow, mein geschätzter Kollege, hat Ihnen soeben in großen Zügen ein Bild von der Lage des

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