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Die Welt · 1913-09-03 · Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
Kongreß-Ausgabe I (3.9.1913)
Date
1913-09-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Dl E ELT jüdisch fühlende Studentenschaft, bei deren Anblick uns das Herz aufgeht. (Beifall.) Noch ein Name darf hier nicht unerwähnt bleiben. Es ist Pe r ez Smolenskin, ein Meister unserer nationalen Sprache, der hier in Wien in der Vorzeit des Zionismus mit flammender Begeisterung für Palästina eintrat Welche Freude hätte das Herz dieses Rufers in der Wüste erfüllt, hätte er der soeben beendeten imposanten hebräischen Konferenz hier beiwohnen können; welch ein Gegensatz zwischen damals und jetzt; ehren wir das Andenken dieses Mannes. (Die Zuhörerschaft erhebt sich von den Sitzen.) Kein Zufall ist es, daß gerade in Wien soviele Keime unserer Bewegung sproßten. Sind wir doch hier in der geistigen und physischen Nähe unserer schwer kämpfenden und hart bedrückten östlichen Volksmassen. Ein jeder muß hier die ganze Tragik der Heimatlosigkeit der Mehrheit unserer Brüder stark empfinden. Die finsteren Schatten des stummen jüdischen Leides, des Dahinsiechens vieler Millionen unserer Brüder unter unerträglicher Bürde senken’ sich auch auf unseren Kongreß. Aber bei uns erzeugen sie nicht mehr bleierne Schwermut und brütende Verzweiflung, nein, eine treibende, spornende Kraft geht von ihnen aus, denn unter dem Zeichen des Zionismus eröffnen sich uns weite Wege und hohe Ziele: Hochverehrter Kongreß! Die Kongreßperiode, die hinter uns liegt, war die Zeit großer und ernster Ereignisse für das Reich, dessen förderndes Wohlwollen wir für unsere Aufgaben in Palästina in erster Reihe erstreben. Das jüdische Volk, dessen Sympathie für das türkische Staatswesen tief und unerschütterlich bleibt, hegt den sehnlichsten Wunsch, daß die Türkei die jetzige Krise überwinde und als ein machtvolles Staatsgebilde erhalten bleibe, um einer großen kulturellen Erneuerung entgegenzugehen. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Was wir in Palästina zum Wohle des jüdischen Volkes erstreben, bildet einen wichtigen Teil dieser Neuentwicklung des ottomanischen Reiches. (Beifall.) Das Programm, nach welchem wir zu handeln bestrebt sind, das System, auf welches unsere Tätigkeit zur Verwirklichung des Baseler Programmes aufgebaut ist, hat sich im Laufe der Jahre mehr und mehr geklärt. Drei Perioden lassen sich in der Entwicklung unserer Arbeit unterscheiden. In der ersten Periode verhielt sich die Organisation der praktischen Arbeit in Palästina gegenüber ablehnend; man verschloß sich zwar ihrer Notwendigkeit nicht, glaubte aber, sie müsse erst nach Erlangung der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte einsetzen. Diese Ablehnung ist verständlich, wenn man sich erinnert, wie sehr diese Periode unter dem Zeichen der einen großen neuen Idee stand, die nur dann stark genug wirken konnte, wenn sie ohne Beiwerk und Ballast hell und rein wie ein Posaunenstoß durch die Lande tönte. Man kämpfte um das Prinzip, über Einzelheiten aber wollte man nicht diskutieren, man empfand das Eindringen in die Details als etwas Lästiges, allzu Irdisches und Alltägliches gegenüber der erhabenen Idee. In der zweiten Periode sah man schon ein, daß es nicht angehe, immer den gleichen Gedanken tatenlos zu wiederholen, zumal seine Erfüllung sich doch nicht so leicht durchsetzen ließ, wie man wohl ursprünglich gehofft hatte. Man brauchte praktische Maßnahmen zur Beschwichtigung der Ungeduldigen und zur Heranziehung der zahlreichen Kräfte, die ihren Anschluß an die Bewegung hiervon abhängig machten. Man ließ demnach die Palästinaarbeit als notwendige Vorbereitung gelten, als Hilfsmittel, um, wenn das Endziel in greifbarer Nähe sei, keine Zeit verlieren zu müssen. Die dritte Periode ist bereits die Folge einer völligen geistigen Umgestaltung des Ideenkomplexes, der sich unter dem Wort Zionismus verbirgt. Die Palästinaarbeit ist jetzt nicht mehr die Ausführung und auch nicht mehr ein Hilfsmittel der politischen Arbeit, sondern sie erlangt Gleichberechtigung. Politische Arbeit und praktische Palästinaarbeit greifen jetzt ineinander. Die praktische Arbeit wird zum Ausdruck und zu einem integralen Teil der Politik. Aus den Erfahrungen der Jahre kristallisiert sich ein Arbeitssystem heraus, das sowohl politische wie praktische Elemente vereinigt Es besteht darin, dasjüdische Volksleben in Palästina möglichst zu kräftigen und zu organisieren, den jüdischen Einfluß zu erweitern und das jüdische Prestige zu heben, um so eine möglichst starke wirtschaftliche Position in Stadt und Land zu erreichen. Parallel zu dieser praktischen Arbeit in Palästina sind unsere politischen Bemühungen darauf gerichtet, alle beschränkenden Maßregeln, welche die jüdische Einwanderung hemmen, zu beseitigen und weitgehende Rechte inbezug auf Bodenerwerb und Kolonisation zu erlangen. Zu diesem Zweck sind wir bemüht, die öffentliche Meinung und die maßgebenden Kreise der Türkei von dem friedlichen und kulturfördernden Charakter unserer Bewegung zu überzeugen. Wir können mit Genugtuung feststellen, daß manche Vorurteile, die unsere Arbeit gehemmt haben, einem besseren Verständnis von dem Wert unserer Bestrebungen gewichen sind. Hatte die Türkei doch auch im Laufe der letzten Jahre Gelegenheit genug, die Treue und Loyalität der Juden zu erproben. Wir hegen die Ueberzeugung, daß mit unseren wachsenden Leistungen diese Erkenntnis immer mehr durchdringen und mit der Zeit alle Hemmnisse und Widerstände aus unserem Wege räumen wird. Diese Ueberzeugung stützt sich nicht nur auf das Vorhandensein von Sympathien oder auf einige erreichte Zusagen, sondern vor allem auf die Logik der notwendigen Entwicklung. Die Türkei will leben, will sich erneuern. Aber was ihrem Verjüngungsprozeß Leben und Inhalt gibt, das ist die beschleunigte Aufschließung und Besiedelung des Landes, die Nutzbarmachung der heimischen Bodenkräfte und Hilfsquellen, die Urbarmachung der Oeden, die Heranziehung von Kapital und Intelligenz. Eben dies sind die Bestrebungen, die unserer Arbeit in Palästina zugrunde liegen. So werden wir durch unser Werk zu der Entwicklung des türkischen Staates bedeutendes beitragen. Sowohl die bereits erzielten günstigen Resultate unserer Palästinaarbeit, wie auch diejenigen, die wir berechtigt sind, in Zukunft zu erwarten, werden zugleich die natürliche Basis für die Annäherung zwischen uns und der arabischen Bevölkerung in Palästina bilden. Was wir dem Lande an materiellen Gütern und kulturellen Fortschritten zuführen, kommt auch der arabischen Bevölkerung zugute und wird mit der Zeit das harmonische Zusammenwirken beider in Rasse und Sprache so nahe verwandter nationaler Elemente fördern. (Lebhafter Beifall.) Wir wissen uns in unserer zionistischen Arbeit aber auch eins mit der gesamten Menschheit, denn wir fühlen uns bei unseren Bestrebungen in dauernder Gemeinschaft mit den hervorragendsten Förderern menschlicher Kultur, mit denen wir die gleichen hohen Aufgaben, dieselben edlen Ziele des Friedens und des sozialen Fortschritts verfolgen. Wir sind deshalb auch überzeugt, daß alle Regierungen und Völker unser Friedenswerk mit Wohlwollen betrachten; haben doch die meisten Staaten auch ein eigenes materielles oder moralisches Interesse daran, daß der Orient wieder zu einer Stätte blühender Zivilisation werde. Es sind uns von mancher hochgeschätzten und hochstehenden Seite Beweise tiefen Verständnisses zuteil geworden, wir begnügen uns aber damit nicht. Wir möchten die platonische Sympathie in tatsächliche Förderung umgewandelt sehen. Wir sind andauernd bemüht, unsere Beziehungen zu den politisch Mächtigen in besonnener Weise weiter zu pflegen und auszugestalten; wir betrachten dies als eine überaus wichtige Aufgabe, der wir viel Zeit und

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