Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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970 DIESqBELT Nr. 30 Meetings Für sämtliche Meetings (außer dem Meeting vom 7. September im Sofiensaal, zu dem der Eintritt unentgeltlich gestattet ist!) je 50 Heller, im Vorverkauf je Lichtbilder-V orträge Abendkasse Lichtbildervortrag am 3. September im Beethovensaal Lichtbildervortrag am 4. September im Beethovensaal Lichtbildervortrag des Herrn Pilichowskv über jüd. Kunst am 7. September im Beethovensaal Am 6. September in der Katharinenhalle K. —.80 K. 1.25 „ —.80 „ 1.25 „ - -.80 „ 1.25 Festakt K. 1.— K. 1.50 Bezirksversammlungen am 8. September, ferner der Besuch der Ausstellungen. Zum akademischen Festakt erhalten Akademiker unentgeltlich Karten durch Vermittlung ihrer Korporationen. Zum Lichtbildervortrag für Vertrauensleute werden die Karten vom Jüdischen Nationalfonds verteilt. Der Kommers wird von der Jüdischen Turnerschaft veranstaltet. Bestellungen auf Karten für sämtliche Veranstaltungen, für die ein Eintrittsgeld zu entrichten ist, können bereits jetzt an das Bureau des XI. Zionisten- Kongresses, Wien II, Karmeliterplatz 1, gerichtet werden. Die Reservierung der Plätze erfolgt sofort nach Eintreffen des entsprechenden Geldbetrages, die Ausgabe der Karten nach Fertigstellung. Für die Meetings werden nur mmumerierte Karten ausgegeben. Auch Delegierte können zu den Veranstaltungen außerhalb der Verhandlungen Einlaß nur unter denselben Bedingungen erhalten, wie die übrigen Kongreßbesucher. Unentgeltlich sind folgende Veranstaltungen: Vorträge am 3., 4. und 9. September im Beethovensaal, Meeting am 7. September im Sofiensaal, die Das Bureau des XI. Zionistenkongresses Wien II, Karmeliterplatz 1. LITERARISCHE RUNDSCHAU Olückel von Hameln Zu der schönen deutschen Ausgabe der Denkwürdigkeiten der Glückei von Hameln, die der Jüdische Verlag herausgebracht hat, seien mir ein paar vergleichende Anmerkungen gestattet. I. Man hat im 18. und 19. Jahrhundert viel vom „Fortschritt" gesprochen, gerühmt, wie herrlich weit wir es gebracht. Der Hauptgrund dieser Begeisterung liegt darin, daß diese Zeit keinen historischen Sinn gehabt hat. Man pflegte das Mittelalter als das „dunkle", das 17. Jahrhundert als das blutige des dreißigjährigen Krieges abzutun, jede Zeit erhielt eine Etikette und ein Schlagwort; und da die Gegenwart eben lebendig war, war sie besser, größer, reicher. Seit ein paar Jahren beginnt man, was Fachgelehrte schon früher vereinzelt taten, auch die vergangenen Zeiten als lebendige zu werten, und man versucht, sich an der Hand bescheidener, aber desto treuerer Quellen in den Geist eines Jahrhunderts zu versenken. So ist es zu erklären, daß in den letzten Jahren eine ganze lange Reihe alter Selbstbiographien und Briefsammlungen herausgegeben wurden. In ihnen finden wir die Wahrheit, daß die äußeren Lebensformen sich zwar ändern, der Mensch aber und sein Schicksal sich immer gleicht. (Nebenbei: wir finden dieselbe Wahrheit in der großen Dichtung vergangener Zeiten und Völker.) Einen Ehrenplatz in dieser Sammlung höchst lehrreicher und zugleich höchst reizvoller Bücher nimmt das Memoirenbuch der Glückei von Hameln ein, einer fast ihr ganzes Leben, das von 1646—1724 währte, in Hamburg wohnenden Jüdin. Sie erzählt in schlichtem und offenem Tone die Begebenheiten ihres Daseins und ihres recht beschränkten Lebenskreises. Und ohne es eigentlich zu wollen, gibt sie damit zugleich ein treues und farbiges Bild von dem Leben der Juden im 17. Jahrhundert, ja, von ihrem Jahrhundert überhaupt. Ein kleiner Zug als Beispiel: Sie erzählt von einem Mann, namens Moses, der einige Zeit in Helmstädt gewohnt hat. „Dort ist eine Hochschule, daher ist es für Juden ein böser Ort." Wie viel Leben, wie viel Erkenntnis in diesem Wörtchen „daher"! Sie erzählt von der in Cleve mit vielem Prunk gefeierten Hochzeit einer ihrer vielen Töchter. „Dann sind verkleidete Leute hineingekommen und haben sich gar schön präsentiert und allerhand Possen gemacht, die zur Ergötzlichkeit gedient haben. Zuletzt haben die Verkleideten einen Totentanz aufgeführt, der sehr rar gewesen ist." Das Totentanzspiel ist aus spezifisch christlichen Anschauungen erwachsen und wurde ursprünglich meist in oder bei der Kirche aufgeführt. Hier erscheint es bei einer jüdischen Hochzeit in den Zeiten der strengsten Abschließung des Ghettos; sind unsere heutigen jüdischen Christbäume wirklich ein „Fortschritt"? Als die Juden im Jahre 1670 aus Wien vertrieben wurden, suchten und fanden viele von ihnen eine Zuflucht in Berlin. Sie kamen hier sogar zu Ehren und Reichtum. Man nannte sie noch lange „die Wiener", und sie galten jahrelang als Fremde, auf die die Einheimischen oder aus der Nähe Eingewanderten etwas herabsehen zu dürfen glaubten. Ist es wirklich ein Fortschritt, wenn wir heute die Führer des offiziellen Judentums etwa in Berlin sagen hören: „Ach, der ist ein Oesterreicher, der kennt nicht unsere spezifisch deutschen Verhältnisse", oder in Prag: „Ja, ein mährischer Jude kann eben nicht verstehen, was uns in Böhmen nottut“? II. Jeder kennt die wundervolle Schilderung, die Wassermann im Vorspiel zu den „Juden von Zirndorf“ von der durch Sabbatai Zewi entfesselten Bewegung in der Judenheit gibt. Aber bleibt es dort nicht wie ein furchtbares, phantastisches, sagenhaftes Ereignis in mythischer Ferne stehen? Daß es Wirklichkeit war, das wird uns deutlich, wenn wir Glückeis einfachen und treuherzigen Bericht (S. 60—63 der deutschen Ausgabe) lesen. Und jetzt versteht man, daß noch elf Jahre nach dem Tode des falschen Propheten ein anderer Lehrer, der sich, mit deutlichem Anklang, Schapti Zephir nannte, in Aegypten eine große Bewegung entfachen konnte, über die damalige Zeitungen berichteten. (Zu lesen in Eberhard Büchners Werk „Das Neueste von gestern", München, Albert Langen.) In dem eben erwähnten Werke lesen wir eine kleine Notiz aus Rom vom Jahre 1695: „So wurde auch in der Judenstadt allhier ein Jud in seinem eigenen Haus ergriffen, solchen nach der Gefängnis zu liefern, weil er den vornehmsten Rabbi in den Kopf wund geschlagen; der gefangene aber, um nicht ins Gefängnis zu gehen, schrie mit lauter Stimme: Er, sein Weib und Kinder wären Christen; dahero diese ganze Familia zu den Katechumenis (Täuflingen) gebracht und vorgestern getauft worden." Das ist eine interessante, aber dürre Mitteilung; wie lebensvoll erzählt Glückei eine ähnliche Begebenheit! Zwei Juden, berichtet sie, hatten