Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 28 DIES^KELT 895 PALASTINA-RUNDSCHAU Politische Arbeit und jüdische Kulturpolitik (Von unserem Berichterstatter.) Während unsere Gesinnungsgenossen in Europa von neuem die Bedeutung der politischen Arbeit für die Gestaltung unseres Werks zur Aussprache gestellt haben, haben wir Palästinenser unsere eigenen innerpolitischen Fragen, die zwar äußerlich wenig welterschütternd erscheinen, dennoch aber von größtem Einfluß auf unsere Geschicke werden können. Wir wissen ja, daß es im Grunde der Alltag mit seinen Mühen und seinen Problemen ist, der das Leben des Einzelnen und der Nationen bestimmt. Das talmudischc Wort: „N ur wer am Freitag vorbereitet, genießt am S a b b a t h,“ hat auch für das politische Leben seine volle Geltung. Da sind zunächst die Wahlen zu dem Medschliss U m u m i, zu jener Vertretung des judäischen Wilajets, die durch das neue Gesetz eine erhöhte Bedeutung erhalten hat. Dieses Gesetz, das die Wünsche weiter Kreise des Arabertums noch nicht befriedigt, räumt immerhin dem Medschliss Umumi nicht zu unterschätzende Rechte ein. Dieser ist danach befugt, Schulen zu gründen, öffentliche Arbeiten lokaler Natur zu vergeben, den Bau und die Instandhaltung der Straßen durchzuführen usw., er darf ferner für diese und ähnliche Arbeiten Steuern erheben. Man sieht, daß ein großer Teil der Rechte, die bisher bei der Zentralregierung in Konstantinopel konzentriert waren, bereits dieser neuen Provinzialvertretung übertragen worden sind. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, dürften die Befugnisse dieser Provinzialvertretungen noch mehr erweitert werden. Uns Juden ist bei dieser neuen Gestaltung der Dinge unverhofft und ohne unser Hinzutun ein sehr wichtiger Wunsch erfüllt worden. Die Befürchtung lag nämlich nahe, daß Palästina einfach dem Wilajet Beirut zugezählt werden würde. Dies trat indessen nicht ein. Judäa, in dem die jüdische Bevölkerung ja bereits qualitativ und quantitativ von hervorragender Bedeutung ist, wurde als besonderes Wilajet konstituiert. Wir durften hoffen, daß wir auf diese Weise auch unsere Vertreter im Medschliss Umumi erhalten würden. Leider hat sich jedoch diese Hoffnung nicht erfüllt. In Jaffa wurden drei Moslims, in Jerusalem drei Moslims und ein Christ, nirgends aber ein einziger Jude gewählt. Die Bedeutung dieses Mißerfolges wird auch nicht wesentlich abgeschwächt werden, wenn nachträglich ein jüdischer Vertreter, wie man jetzt annimmt, dennoch seinen Weg in den Medschliss Umumi finden sollte. Uns interessiert nicht so sehr der momentane Nachteil des jetzigen Wahlergebnisses, als vielmehr seine symptomatische Bedeutung. Was nützt uns alle Gewogenheit in Konstantinopel, wenn hier die Bevölkerung über uns einfach zur Tagesordnung schreiten darf. Daß ein solches Resultat möglich war, hängt einerseits damit zusammen, daß der größte Teil der hier lebenden Juden noch immer nicht die ottomanische Staatsangehörigkeit angenommen hat, also nicht wahlberechtigt ist. Andererseits zeigte sich auch bei dieser Gelegenheit, daß wir bisher viel zu wenig Gewicht auf die politische Betätigung in Palästina selbst gelegt haben. In beiden Beziehungen muß nun Wandel eintreten. Möge sich das Schicksal der Türkei wie immer gestalten, eines steht fest, daß nämlich der Erfolg unserer Arbeit zum großen Teil von unserer Stellung im öffentlichen Leben Palästinas abhängig ist. Hier bietet sich uns Palästinensern ein Tätigkeitsfeld, für das die Fähigsten und die Tatkräftigsten in un- . serer Mitte gerade gut genug sind. Falsch wäre es, wenn wir für diese wie für ähnliche neue Aufgaben, die an uns herantreten, ganz neue Instanzen schaffen wollten. Wir könnten da leicht in eine Lage geraten, daß die linke Hand nicht wüßte, was die rechte Hand tut. Hat sich ja unzweifelhaft schon die bloße räumliche Vereinigung des Palästina-Amtes und der Vertretung der Chowewe Zion als sehr nützlich erwiesen. Diesen Weg der Konzentrierung der Kräfte müßten wir weiter einschlagen. Auch die kulturelle Tätigkeit erfordert Einheitlichkeit. Auch sie kann nicht auf die Dauer als ein Gebiet für sich, losgelöst von dem Komplex unserer sonstigen Bestrebungen, behandelt werden. Kultur war immer und ist auch heute, insbesondere in Palästina, ein politischer Faktor im eminentesten Sinne des Wortes. Kulturarbeit begründet nicht weniger einen politischen Rechtsanspruch als wirtschaftliche Tätigkeit. Wir würden ohne Zweifel ganz anders in Palästina dastehen, wenn die 100 000 Juden Palästinas tatsächlich hebräisch als ihre einzige Umgangssprache sprächen. Wenn schon heute der eine oder andere nichtjüdische Post- oder Bankbeamte hebräisch erlernt, fast jedes zweite nichtjüdische Geschäft auch ein hebräisches Schild anbringt, — wie anders wäre erst dann das allgemeine Interesse für unsere nationale Sprache. Vergessen wir nicht, daß schon jetzt die Juden die überwiegende Mehrheit in manchen palästinensischen Städten bilden. Daraus folgt, daß wir in nächster Zukunft der hebräischen Sprache in Palästina erhöhte Aufmerksamkeit werden zuwenden müssen. Es darf nicht mehr Vorkommen, daß ein jüdisches Institut, wie dies unlängst geschah, sich an jüdische Schulen mit einem Fragebogen wendet, der in zwei europäischen Sprachen abgefaßt ist, aber nicht in der hebräischen. Ein jüdischer Beamter, ein jüdischer Lehrer in Palästina muß mit der Zeit hebräisch erlernen, oder sein Platz ist nicht hier. Jede Nachgiebigkeit, jedes Kompromiß in dieser Beziehung schädigt unsere vitalsten Interessen und muß sich später schwer rächen. Wir müßten Mittel und Wege suchen, um in Paris und London den führenden Männern der Alliance und der Anglo -Jewish Association klar zu machen, daß sie durch ihr palästinensisches Schulwerk die Zukunft der palästinensischen Judenheit direkt aufs Spiel setzen, wenn sie hier nicht ausschließlich jüdische, sondern auch französische oder englische Gesichtspunkte walten lassen. Wir palästinensischen Juden werden hier nur dann unangefochten leben können, wenn wir lediglich unsere eigenen jüdischen Interessen wahrnehmen und keine anderen Zwecke fördern. Es wäre daher in höchstem Maße verderblich für uns, wenn wir als Objekt für die Eifersucht europäischer Mächte in Betracht kämen. Weil wohlhabende englische Juden für die Erziehung armer jüdischer Mädchen in Jeruschalajim etwas tun wollen und darum die Eveline de Rothschild- Schule subventionieren, darum müssen diese armen Chalukah-Mädchen noch lange nicht ausgerechnet englisch lernen, wofür sie dann später in keiner Weise Verwendung haben. Weil französische Juden die Ackerbauschule Mikweh Israel unterhalten, ist es noch lange nicht notwendig und richtig, daß diese Anstalt eine französische Pflanzstätte mitten im hebräischen Lande ist. Die in Pethach-Tik wah von Kolonisten ins Leben gerufene landwirtschaftliche Mittelschule, in der das Hebräische die Unterrichtssprache ist und die in der kurzen Zeit ihres Bestehens so viel Tüchtiges geleistet hat, beweist zur Genüge, daß man auch bei gut jüdischer Gesinnung auf dem Gebiete des Unterrichts Erfolge erzielen kann. Denn einen Ruhmestitel bildet Mikweh Israel, das jetzt beinahe von allem jüdischen Leben gleichsam abgeschnitten ist, wahrlich nicht — trotz aller offiziellen Erklärungen. Hoffentlich wird es insbesondere nicht schwer fallen, sich mit dem Hilfsverein der deutschen Juden dahin zu verständigen,