Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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m Nr. 28 HOCHSCHULSORGEN Von Dr. Heinrich Loewe Das jüdische Volk hat wirklich Sorgen genug, Sorgen um seine Existenz, um seine Kultur und nicht zum wenigsten rein praktische Sorgen um die Zukunft seiner Söhne, so daß es ein Vergehen wäre, wollte man;ihm zum Ueberfluß auch noch akademische Sorgen aufladen. Und es mag manchem akademisch genug klingen, wenn wir uns heute mit der Gegenwart und der Zukunft unserer jüdischen Akademiker befassen. Deshalb tun wir gut, die sozialen Nöte und die materiellen Notwendigkeiten ruhig und sachlich zu beleuchten, die im Augenblick dazu führen, einem seit langem gehegten Lieblingswunsche nahe zu treten, wenn wir auch durchaus zugeben müssen, daß unsere Endforderung eine solche ist, die sich auch ohne die augenblicklichen Nöte logisch aus unseren Bestrebungen von selbst ergibt. Zu den materiellen Sorgen unseres Volkes gehört leider auch die bange Sorge um die Zukunft und fast noch mehr um die Gegenwart unserer akademischen Jugend aus Rußland. Diese Not war immer groß, aber brennend ist sie dadurch geworden, daß man dieser Jugend die Zuflucht, die sie bisher an deutschen Universitäten fand, völlig abschneiden will. Die russischen Juden sind nicht freiwillig nach dem Auslande gegangen. Hätten sie die Möglichkeit gehabt, sie würden das bequemere Studium in ihrem jetzigen Heimatslande vorgezogen haben. Die Waidhofener Beschlüsse, die jetzt in Oesterreich an der Tagesordnung sind, sie sind nur der Exponent des Judenhasses in einer auch uns im Westen zugänglichen Form, während in Rußland von Staats wegen praktisch durchgeführt wird, was sich die Waidhof ener Buben erst als Ziel gesetzt haben. Derselbe Geist, der die Waidhof ener Verrufserklärung geschaffen hat, will die russischen Juden von den deutschen Universitäten ausschließen, aus denen er gern auch die deutschen Juden, und diese noch viel lieber, vertreiben möchte. Denn die russischen Juden schlägt man und die deutschen Juden meint man im Grunde. Das russische Kultusministerium befolgt schon seit langer Zeit Grundsätze, die das jüdische Volk geistig ersticken sollen, wie das Ministerium des Innern für ihre materielle Erwürgung sorgt. Scheinbar ist es nicht gar so arg, daß den Juden die Erlangung akademischer Grade unmöglich gemacht wird. Denn — so wird ein oberflächlicher Beurteiler sagen — müssen denn alle Leute studieren? Man muß doch nicht gerade Doktor sein und kann doch leben. Aber abgesehen davon, daß doch nur ein nicht zu großer Bruchteil der russischen Juden zum Studium sich drängt, ist dies allein der Weg, wodurch die Masse, auch der Nichtstudierenden, kulturell steigt. Denn die Akademiker ziehen die übrige Bevölkerung mehr oder weniger nach sich. Aber gerade das ist einer der Hauptgründe, weshalb die russische Verwaltung sich der Erlangung akademischer Bildung durch die Juden widersetzt. Sie will nicht, daß die von ihr bekämpften Juden kulturell steigen. Denn die kulturelle Hebung zieht die soziale nach sich. Dann, aber liegt ihr ganz besonders daran, die Erlangung akademischer Grade zu verhindern, weil durch diese die Juden das Wohnrecht außerhalb des Rayons erwerben. Nur von diesen Regierungsmaximen aus versteht man die eiserne Folgerichtigkeit, welche darin liegt, daß bereits in den Mittelschulen in Rußland Juden nur zu 10 und höchstens zu 15% aufgenommen werden, und daß diese Prozentnorm ausnahmslos auch für solche „russischen“ Städte gilt, in denen die Juden 50—95 % der Bevölkerung bilden. Infolgedessen kann nur ein ganz kleiner Teil der gebildeten russisch-jüdischen Jugend ein Reifezeugnis erlangen, um so mehr, als jetzt auch die Extraneer, die sich selbst zur Prüfung vorbereiten, in diese Prozentnorm mit eingerechnet werden und dadurch also von der Erreichung eines russischen Abgangszeugnisses ausgeschlossen sind. Aber selbsf diese kleine Zahl wird weiter gesiebt und gelichtet, indem nunmehr an den russischen Universitäten nur 5 % aller Studierenden Juden sein dürfen. Und auch das gilt nur für die drei kleinsten Universitäten, während für die sieben großen der Prozentsatz nur 3 % beträgt. Hierbei ist zu beachten, daß die Juden nur durch das absolvierte Studium das Wohnrecht erhalten, also darauf angewiesen sind, ein Studium zu beenden, während der Russe, der das Gymnasium oder eine entsprechende Mittelschule absolviert hat, in den seltensten Fällen die Universität besucht, da ihm ja das höhere Beamtentum auch ohne Studium überall offen steht. Ferner studieren die christlichen Russen, was man ihnen ja nicht verdenken kann, mit besonderer Vorliebe in M o s k a u und Petersburg, wo der geringste Prozentsatz der zum Studium zugelassenen Juden sich aufhalten darf, so daß die Zahl der Juden, die in Rußland eine Universität besuchen können, auf ein Minimum herabgedrückt ist. In Kiew existiert eine Handelshochschule. Sie ist eine private Gründung der Kiewer Kaufmannschaft und fast ausschließlich mit den Mitteln der Juden begründet worden. Als private Anstalt hatte sie natürlich keinerlei staatliche Rechte. Sie bemühte sich um deren Gewährung, und es gelang, die Anstalt in das Eigentum des Staates überzuführen, den sie nichts kostete und der sie mit fast ausschließlich jüdischen Studierenden übernahm. Sofort aber wurde die Judenprozentnorm eingeführt und ihr außerdem rückwirkende Kraft verliehen. Mehr als 1700 jüdische Studierende wurden ohne weiteres aus dieser hauptsächlich von jüdischen Kaufleuten gegründeten Handelshochschule im vergangenen Wintersemester ausgeschlossen. * * * Wenn man sich diese Zustände vergegenwärtigt, so versteht man ohne weiteres, warum die russischen Juden gezwungen sind, im Auslande zu studieren. Und trotzdem ist der Prozentsatz russisch-jüdischer Studierender in Deutschland durchaus nicht so hoch, wie man uns glauben machen will. Im preußischen Abgeordnetenhaus wurde zwar die Behauptung aufgestellt, daß in Königsberg und in Leipzig die Ausländer 44—45 °/o aller Studierenden betragen, aber der betreffende Abgeordnete wußte ja, daß er mit diesen Ausländern russische Juden meinte, und so darf es nicht Wunder nehmen, wenn er seine eigenen Zahlenangaben nicht erst vorher auf ihre Richtigkeit prüfte. Denn in Leipzig beträgt die Zahlder russischen Studenten nur 7,6 ob, und sogar in dem der russischen Grenze so naheliegenden Königsberg ist der Prozentsatz auch nur 13,3 o/o. Nur auf ganz wenigen Universitäten übersteigt der Prozentsatz 5 °/o. Auf einer großen Zahl von Universitäten hingegen ist die Verhältniszahl einfach minimal. So sind in Tübingen unter 1898 Studenten 17, in Gießen unter 1338 Studenten 31 und in Kiel unter 1370 Studierenden ganze 12 russische Staatsangehörige. Dabei sind in diesen Zahlen stets die deutschrussischen Balten mit inbegriffen. Die Juden wenden sich ganz wenigen Fächern zu. Eine kleine Anzahl studiert rabbinische Fächer und widmet