Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 24 761 entfaltete Herr Dr. Mirkin bereits eine rege Tätigkeit. Seit einer Reihe von Jahren wirkte er auf dem Gebiete der jüdischtraditionellen Erziehung und war Begründer und Leiter der rühmlichst bekannten jüdischen Realschule in Antwerpen. Er nahm auch tätigen Anteil am Zionismus und der Föderation „Misrachi“. So ist denn Herr Dr. Mirkin als Gelehrter sowohl wie durch seine Wirksamkeit im öffentlichen jüdischen Leben ein würdiger Nachfolger seines Vorgängers im Amte. Es ist ihm von Herzen zu wünschen, daß er in seiner neuen Stelle eine segensreiche Tätigkeit für die national-religiöse Erziehung der ihm anvertrauten palästinensischen Waisen entfalte. Privatinitiative oder Kolonisationsgesellschaften? Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! Gestatten Sie mir, auf einen Passus in der Rede des Herrn Josef Cowen zurückzukommen, der von der Palästinaarbeit handelt und der meines Erachtens der Klärung bedarf. Herr Cowen sagte: „Jetzt sei es wünschenswert, daß wirklich praktische Arbeit (in Palästina) getan würde, aber er glaube nicht, daß solche Arbeit durch Institutionen, sondern durch Individuen ausgeführt werden könne, die ihre Körper- und Geisteskräfte der Arbeit widmen." Herr Cowen wird wohl damit gemeint haben, daß eine wirklich nützliche Kolonisationsarbeit nur durch Privatinitiative, nicht aber durch Institutionen wie Nationalfonds, P. L. D. C., Odessaer Komitee, Bezalel usvv. durchgeführt werden könne. Man muß zugeben, daß das Zauberwort von der „Privatinitiative“ bis vor kurzem sowohl in Palästina als auch außerhalb einen besonders reizvollen Klang hatte. Jedoch ist hier in dieser Beziehung eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Wir haben nämlich einsehen gelernt, daß die sogenannte Privatinitiative dort, wo sie mit wirklich beachtenswerten Mitteln arbeitet, wohl für die Entwicklung des Landes sehr viel leistet, oft aber sehr wenig für die jüdische Sache im Lande tut. Hier zwei Beispiele: Wohlhabende Juden in Jaffa und Pethach-Tikwah schließen sich zusammen und legen gemeinsam eine Orangenpflanzung an, die „Bachariah“ heißt und die wohl die größte im Lande ist. Erfolg: In wenigen Jahren entstehen in der Nähe größere arabische Siedlungen. Jüdische Arbeiter werden nur vereinzelt aufgenommen. Oder: Belgische Zionisten bilden eine Gesellschaft, die in Palästina arbeiten will. Erfolg: Beschäftigung hauptsächlich nichtjüdischer Arbeiter. Denn die Privatinitiative, die in Palästina sowohl wie anderswo nur ihren nächsten Vorteil berücksichtigt und sich über weitere, erst in einer gewissen Zukunft entstehende Folgen den Kopf nicht zerbrechen mag, findet es stets bequemer, die benachbarte ansässige Bevölkerung, für die man gar keine Verantwortlichkeit übernimmt, zur Arbeit heranzuziehen als jüdische Arbeiter, die doch immerhin eine gewisse Kunst der Administration usw. erfordern. Hingegen seien hier einige Beispiele von dem Wirken der Institutionen gestattet. Das Odessaer Komitee begründete die Arbeiterkolonie Ain-Ganitn, die sich sehr gut entwickelt, durch Gewährung eines mäßigen Darlehns. Der Verein „Esra“ in Berlin hat gemeinsam mit dem N.-F. mit relativ geringen Mitteln die Einwanderung der Jemeniten, und somit die Zunahme der jüdischen Landbevölkerung um 1500 Seelen ermöglicht. Die P. L. D. C. hat in wenigen Jahren mit sehr geringen Mitteln mehrere Farmen eingerichtet, die wahre Lichtpunkte der jüdischen Kolonisation geworden sind. Allerdings hatte die P. L. D. C. dabei Verluste. Aber das, was die P. L. D. C. erreicht hat, läßt diese Verluste sehr gering erscheinen und die Zeit wird kommen, wo die Verluste sich in Gewinne verwandeln. In der Tat, wir haben nichts Dringenderes zu tun, als unermüdlich unsere Institutionen zu stärken, damit diese dasjenige ausführen, wofür die Privatinitiative sich als unfähig erwiesen hat, nämlich jüdische Kolonisation. Nachlath Benjamin, 23. Mai. J. Feldmann. Die Zuschrift des Herrn Feldmann, der ein guter Kenner der Landesverhältnisse ist, zeigt deutlich, daß man sich vor jeder .Einseitigkeit und allem vorschnellen Aburteilen in den so schwierigen Fragen der Kolonisation hüten muß. Nach unserer Auffassung ist die Förderung der Institutionen wichtig, weil in der Tat nur größere Institute imstande sind, weitsichtige Kolonisationspolitik zu treiben. Die Privatinitiative ist aber ebenso wichtig, weil nur diese die großen Kapitalien und das Menschenmaterial nach Palästina führen kann, welche das Land entwickeln und alle wirtschaftlichen Möglichkeiten ausnutzen sollen. Die Tätigkeit des „Esra“ Der Verein „Esra“ versendet soeben seinen neuen Bericht. Derselbe umfaßt den Zeitraum 1910—12 und enthält eine Reihe interessanter Kapitel, die es verdienen, einem weiteren Kreise bekannt zu werden. Schon der erste Artikel über die Aktion in Palästina bietet Angaben und Ziffern, die zu denken geben. Es wird darin ein Bestätigungsschreiben der Anglo- Palestine Company in Jaffa an den Verein zum Abdruck gebracht, wonach durch Vermittlung der Bank und zum großen Teil unter ihrer Garantie für die Kolonie Chederah annähernd 50000 Frcs. und für Kafr Saba 22 000 Frcs. seitens des Vereins gezahlt wurden. In Chederah handelt es sich in der Hauptsache um eine Bewilligung für den Bau der Wasserleitung und eines Krankenhauses. Das letztere kostet 10000 Frcs., die in 40 Jahresraten von 250 Frcs. zinslos zurückzuzahlen sind. Da die Kolonie Chederah ca. 300 Einwohner zählt, so bedeutet dies pro Kopf noch nicht 1 Frcs. jährlich. Für diesen minimalen Betrag haben die Leute ein Krankenhaus. Die Wasserleitung kostet 20000 Frcs. (resp. ist dieses der Beitrag des „Esra“), welche Summe in 20 Jahresraten, also etwas über 3 Frcs. pro Kopf und Jahr, zurückzuzahlen ist. (Der Gesamtetat an Kolonie-Ausgaben ist ca. '38 000 Frcs., also etwa 125 Frcs. pro Kopf und Jahr!) Die anderen Bewilligungen beziehen sich auf die S e K - haftmachung von Arbeitern, denen die Mittel für Hausbau und Pflanzungen geboten wurden. Pro Arbeiterfamilie werden hierfür 2600 Frcs. angefordert, die in 20 resp. 30 Jahren zurückgezahlt werden sollen. Dies entspricht einer jährlichen Zahlung von etwa 100 Frcs., wozu noch ein kleiner Betrag kommt, den die Leute für das ihnen von der Kolonie überlassene Landstück (mit 25 Dun am) zu zahlen haben. Im ganzen haben die Arbeiter nur etwa 10 M. pro Monat für Land, Haus und Pflanzungen zu zahlen, und zwar nicht als Pacht, sondern zum Erwerb ihrer Heimstätten! Die Existenzbedingungen, die aus diesen wenigen Angaben hervorgehen, sind außerordentlich günstig zu nennen. Der kleine Betrag von 2600 Frcs. reicht zusammen mit der Arbeitsgelegenheit, die die Leute in den Kolonien finden, aus, um ihnen eine Existenz zu sichern und ihnen mit der Zeit einen bescheidenen Wohlstand zu ermöglichen. Hierin liegt ein ungeheurer Fortschritt gegenüber der früheren Periode unserer Kolonisation, in der 15 —20 000 Frcs. für notwendig gehalten wurden, um einen Kolonisten zu installieren. Damals wurden freilich meist 300 Dunam Land für erforderlich gehalten, aber es scheint, daß die neuen Ansiedler mit ihren kleinen Landparzellen bei intensiver Wirtschaft besser vorwärtskommen als ihre Vorgänger. „. . . Wir dürfen sogar hoffen,“ sagt der Bericht, „den Betrag von 2600 Frcs. auf Grund weiterer Erfahrungen noch wesentlich verringern zu können.“ Ausdrücklich wird hieran die Bemerkung geknüpft, daß durch Verbilligung der Kosten die Kolonisation in Palästina einer immer größeren Schicht osteuropäischer Juden zugänglich wird.