Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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730 Nr. 23 . ■ - t)IE3^gELT - —• - Das Autodafe auf der Wiener Ringstrasse Auf der Wiener Ringstraße haben deutsche Akademiker, die Blüte der Nation, symbolisch das jüdische Volk verbrannt. Blutige Kleiderfetzen, die sie jüdischen Studenten vom Leibe gerissen und mit Füßen getreten hatten, sammelten sie von den Steinfliesen der Aula, stapelten den Haufen vor der Universität auf und übergaben ihn der vernichtenden Flamme. Sie sangen dazu ihr heiligstes Lied von Freiheit, Ehre und Vaterland und die Rauchsäule sollte es der ganzen Welt verkünden: „Von der Stunde seiner Geburt an ist der Jude seines jüdischen Blutes willen der Ehre bar. Wir haben es auf unsere Burschenehre und auf unser Banner mit gekreuztem Eisen beschworen: Wir, die berufenen Schildträger der deutschen Nation, erklären den asiatischen Fremdling in unserer Mitte für ehrlos und bannen jeden aus unserer Mitte, der ihm nicht gleich uns das Recht auf Ehrenschutz abspricht.“ Wer jetzt über die Büberei grüner Jungen witzelt, der lese nicht weiter. Der Jude der Gegenwart, der spottet, wenn ihm Beleidigung widerfährt — der ist für uns gestorben. Wir sprechen nicht zu ihm. Wer sich über die „Barbaren“ aufregt, die angesichts des in derselben Straße tagenden Parlamentes frech die verbürgte Gleichberechtigung verhöhnen, wer nach der Polizei schreit, weil im hellen Mittagslichte fremdes Eigentum verbrannt wurde, der höre uns nicht an. Wir werden uns nicht verstehen . . . Und wahrlich: Heute drängt es uns nicht, dem jüdischen Bürger die weittragende Bedeutung des nunmehr seit 17 Jahren bestehenden „Waidhofner Beschlusses“ beizubringen, die gewichtigen Folgen darzulegen, welche die Ehrloserklärung unseres Volkes durch das deutsche Studententum für alle jüdischen Schichten jetzt schon zeitigt: Nämlich, daß seit mehr als einem Jahrzehnt unsere Söhne und Töchter in den Mittelschulen und Lyzeen Jugendbildnern ausgeliefert sind, die als treue Hüter der alten Burschenherrlichkeit dem Waidhofner Evangelium von der „auszurottenden ehrlosen, unreinen Rasse“ huldigen; daß die Ehrabschneider von der Universität heute als Richter und Staatsanwälte, Verwaltungsbeamte, Stadtärzte, Armenväter fungieren; daß sie Gemeinden verwalten, Handelskammern regieren, Gesetze für Stadt, Land und Staat machen; daß sie in den gewaltigen Betrieben jüdischer Großkapitalisten sitzen und über die Aufnahme jüdischer Bewerber entscheiden; daß akademische Senate, Rektoren, Minister nach ihrer Pfeife tanzen; daß sie bei den Wahlen von Juden die ausschlaggebenden Stimmen erhalten und die von Juden in das Parlament entsendeten freisinnigen Deutschen und Täuflinge mit ihnen im nämlichen reichsrätlichen Klub Das alles wollen wir jetzt nicht ins Treffen führen, so wirksam und überzeugend es auch ist. Unser Judenstolz sträubt sich dagegen, Vernunftgründe anzuführen, wo die Stimme des Blutes rufen muß, und wir haben nur die eine, bange Frage auf den Lippen: „Bleibt das jüdische Zweieinhalbmillionenvolk Oesterreich-Ungarns auch jetzt noch reglos und stumm, wenn in der Metropole der Monarchie die „ehrlose, vogelfreie Rasse“ in effigie verbrannt wird?“ Kein Volk der Erde, und wäre es das versklavteste, würde solchen Schimpf ertragen, ohne daß eine mächtige Bewegung aufbrauste. Keine Bewegung, aus Versammlungen geboren, durch Plakate, Flugzettel, Proklamationen, Reden aufgestachelt, keine Bewegung, die erst einsetzt, wenn Führer die Zweckmäßigkeit erwiesen und die Mittel zur Abwehr propagiert haben, sondern eine Bewegung, die sofort aufschießt, die einfach da ist, weil sich Väter und Mütter zu ihren Söhnen stellen. Die jüdischen Väter haben vielfach mit Entbehrungen ihre Kinder zum Gymnasium geschickt. Das Letzte wurde geopfert, um die schweren Jahre zu überwinden, da sie im Dorfe und Marktflecken der antisemitische Boykott bedrängte und in der Stadt der Junge erhalten werden mußte. Oder sie konnten gar nicht mehr nachhelfen, vermochten dem Knaben die traurigen Semester des „Kosttageessens“ und „Stundengebens“ nicht zu ersparen und sahen ihn mit verhaltenem Schmerze frühernst, kurzsichtig, unterernährt in den Schulferien nach Hause kommen. Nun er „akademischer Bürger“ geworden ist, gilt er auf der alma mater als ehrlos. Der Vater sieht in ihm seinen Stolz, seine Hoffnung, und er sollte kalt bleiben, wenn sein Sohn die Ehre seiner Eltern bespucken lassen muß und dem Verleumder nicht zu Leibe darf, weil er sonst vom Studium ausgeschlossen und ruiniert Die jüdischen Frauen, insbesondere die der Residenz, legen einen ausgebildeten Sinn für Frauenrecht und Frauenwürde an den Tag. Sie rannten die Saaltüren ein, als Ethel Smith über Miß Pankhurst sprach, rafften eiligst Summen für die englischen Suffragetten zusammen, sind die lautesten und geschäftigsten Vorkämpferinnen der Frauenbewegung, sammeln Toiletten für Provinzschauspielerinnen, um sie vor Abwegen zu bewahren, laufen sich bei Ofner-Wahlen die Füße wund — und sollten es wirklich überhören, wenn man ihre Frauen- und Mutterehre besudelt? Und die jüdischen Hochschulprofessoren, die ein großer Teil ihrer Schüler wegen ihrer Stammeszugehörigkeit verachtet, die jüdischen Lehrer und Erzieher, die Rabbiner und Kultusvorstände sollten abseits stehen und schweigen? Die Frage ist gestellt, sie ist bang und schicksalsschwer. Wehe, wenn die jüdischen Studenten jetzt allein stünden, wenn das Unerhörte bei uns Juden einträte, daß sich die Jugend, durch Manneszucht gestählt, in prachtvoller Begeisterung und harter Entschlossenheit gegen die haßglühenden Verächter unseres Blutes erhebt, — und daß die eigene Sippe fernab mit Lächeln zusieht, über die „Studentendummheiten“ die Achsel zuckt oder gar kundgibt, mit den jungen Juden von der Universität nichts gemein haben zu wollen! Es ist nicht auszudenken und es wird auch nicht eintreten, es müßten denn alle Zeichen trügen. Wohl noch niemals hat die jüdische Bevölkerung in Wien und in der Provinz ein so mächtiger Impuls gehoben, wie die Vorgänge auf der Universität und der Scheiterhaufen auf der Ringstraße. In Kreisen, die man längst entfremdet wähnte, schlägt eine schöne Begeisterung für jüdisches Volkstum und jüdische Volksehre durch und weiß unserer Jugend Dank. Noch ist es ungewiß, ob diese neuen Stimmen der Liebe zum Judentume, von denen wir wünschten, daß sie sich mit den unsrigen vereinten, nicht rasch wieder verstummen werden. Deshalb rufen wir alle auf, die in diesen Tagen ihrer Empörung, über die Verunglimpfung unserer Ehre, ihrer Treue und Anhänglichkeit Ausdruck gaben, mit uns zu unserer akademischen Jugend zu stehen, denn ein Volk; das seine Jugend im Stiche läßt, ist gerichtet. Dr. Otto Abeies