Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 21 667 es einem zu Mute sein, der die Biographie eines teuren, toten Freundes liest. Es ist ja alles drin, alle ihm wohlbekannten Züge und Tatsachen. Alles ist ihm da vertraut. Nur eines fehlt da — das Intimste, das man gar nicht wiedergeben kann, das Lebendige. Schönheiten, die sich in keine Worte bringen lassen. Feinheiten, die entgleiten, Stimmungen und Verträumtheiten, die sich nicht festhalten lassen. Die „Legende" ist vorhanden — doch in fremdem Gewände. Eine Sage, wie jede andere, wie die Sage der Griechen, der Germanen, wie die Pali- Legenden aus Altindien. Der Rhapsode ist tot, der Sagamann, der Magid ist nicht mehr da. Jedoch — das sind wiederum nur Stimmungen, vielleicht gar Sentimentalitäten. Nehmen wir die Dinge, wie sie nun einmal sind — in ihrer Gewordenheit. Wie sind die Sagen der Juden beschaffen? Wie ist ihre Eigenart und wo ihre Wurzeln? Die Anfänge der jüdischen Sagen, wer kennt sie denn? Sie sind in den Urzeiten zu suchen, in den Zeiten des legendären ursemitischen Stammes, von dem wir keine Kunde haben. Die neuen Errungenschaften der semitischen Philologie und Archäologie haben ja die Brücken, die von der einen semitischen Kultur zur andern führen, wenigstens bruchstückweise zu rekonstruieren vermocht. Aber es sind immerhin nur Fragmente. Und wenn wir noch so genau die Legende von der Sintflut und der Erschaffung im orientalischen Kulturkreis kennen würden, die Eigenart des jüdischen Mythos wird dadurch nicht erklärt. Es handelt sich bei Legenden ja überhaupt nicht um den zugrundeliegenden Stoff, um das Inhaltliche. Dieses ist so ziemlich identisch in den verschiedensten Kulturkreisen. Das Wichtigste und allein Ausschlaggebende ist die Form, ich möchte fast sagen die Tonart der Legende. Breitspurig und tiefgrüblerisch und nicht ethisch ist die griechische, einförmig unkonstruktiv die slawische. Wie ist nun die jüdische? War sie überhaupt Volkskunst? Allerdings, „Volkskunst" im eigentlichen Sinne des Wortes ist ja überhaupt alles, was ein Volk erzeugt, ob es nun von der Elite des Volkes oder von dessen Masse ausgeht. Und kann denn überhaupt die Masse schaffen? Sogar das volkstümlichste Produkt der Volkskultur — das Sprichwort, das Volkslied, ist Schöpfung eines Einzelnen, eines Anonymus zwar, eines Namenlosen, aber doch einer festumrissenen, zur geistigen Elite des gegebenen Kreises gehörenden Persönlichkeit. Nun ist die „Volkskunst" der Juden noch mehr individuell gefärbt, von der eigentlichen Masse losgelöst. Wollten wir die uns vorliegende Legendensammlung zum Ausgangspunkte nehmen, so würden wir kaum eine klare Vorstellung von der mythenbildenden, bildnerischen Kraft des jüdischen Volkes gewinnen können. Denn die Sagen, die uns geboten werden, sind zum überwiegenden teile gar keine eigentlichen Sagen, sondern fragmentarische Erinnerungen und Andeutungen, Anlehnungen an einen unbekannten, zugrundegelegten Sagenstoff. Die „Anfänge" sind in Dunkel gehüllt. Bis dahin reicht der Mythus nicht. Es ist wie die Philosophie R. Akibas, der in alle Tiefen der Lehre zu dringen versuchte, bis er. zur letzten und abgründigsten kam, zum üottesproblem, wo er Halt machte. Die griechische und die indische Sage erzählen den Vorgang der Weltschöpfungen. Die jüdische erklärt ihn bloß. Daher dort die plastische Kraft der Anschaulichkeit, hier Abstraktion und Begriffskonstruktion. Es würde mich zu weit führen, wollte ich die Sagen ihrem Inhalte nach einer tieferen Analyse unterziehen; es wäre vielleicht auch überflüssige Mühe. Denn das Inhaltliche der jüdischen Sage ist ja bekannt. Es ist die Bibelerzählung, die variiert und weitergesponnen wird. Ich denke mir die altjüdischen Legenden-Künstler etwa wie die Magidim, von denen ich vorhin sprach. Sie schufen nichts neues, wagten es nicht, neue Visionen zu haben oder zu verkünden. Sie poetisierten bloß das Gegebene, das Ueberlieferte. Abstrakt in der Fassung, und eine rührende meisterhafte Realistik in der Ausführung, das war die Kunst der Magidim der alten Zeiten. Deshalb die Unzulänglichkeit, wo die Sage transzendental sein soll und die herrliche, so tief menschliche, intime Form der Parabeln und Fabeln, der sogen. „Fuchs-Legenden", die in der europäischen Bearbeitung die „Aesopischen Fabeln" wurden. Das ist der Sagenkreis in der vorliegenden Sammlung: „Von der Sintflut". Grandios ist die Sage in der legendarischen Bearbeitung durchaus nicht. Im Gegenteil, sie verliert an Wucht. Aber dafür die köstlichen Parabeln! So z. B.: „Von der Lüge und dem Fluch", die m. E. für die ganze Art der jüdischen Sagenbildung ungemein bezeichnend ist. „Zur Stunde", heißt es dort, „da der Herr zu Noah sprach: Du sollst bei dir sammeln in den Kasten je ein Paar von allen Arten, kamen alle Geschöpfe zu Noah und sammelten sich bei ihm. Da kam auch die Lüge herbei und wollte mit hinein in den Kasten. Sprach Noah zur Lüge: Nicht darfst du in den Kasten kommen, es sei denn, du findest einen Genossen. Also ging die Lüge davon und wollte sich einen Genossen suchen. Da begegnete ihr der Fluch, und er trug die Lüge: Wo kommst du her? Sprach die Lüge: Ich komme von Noah; ich wollte mit ihm hinein in seinen Kasten, er aber ließ mich nicht ein und sprach: Nicht darfst du eher hinein, als bis du einen Genossen für dich hast. Und die Lüge fuhr fort und sprach zu dem Fluch: Willst Du's, so sei du mein Genoß. Da sprach der Fluch zur Lüge: Was gibst du mir dafür? Sprach die Lüge: Ich mache es gerade mit dir aus; alles, was ich nur erlange, soll dein sein. Da hörte der Fluch auf die Lüge, und sie kamen zusammen in Noahs Kasten. Als sie dann beide aus dem Kasten gingen, da war's auch so, was die Lüge einnahm, das erhob der Fluch. Da kam die Lüge zum Fluch und sprach: Wo ist denn alles, was ich erworben habe? Da gab ihr der Fluch zur Antwort: War es nicht so unter uns vereinbart, daß ich alles behalte, was du gewinnst? Da hatte die Lüge nichts zu erwidern. Das Sprichwort sagt: Was die Lüge gesät hat, der Fluch heimst es ein." Es wäre ja gewiß einseitig, wollte ich gerade diese Parabel zur typischen Form der jüdischen Sage erheben. Aber ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, daß hier die jüdische Eigenart liegt. Man merke wohl: Die jüdische Sage bemüht sich nicht um die Gestaltung der Begriffe Fluch und Lüge. Der Grieche hätte aus ihnen zwei Götter oder Halbgötter gemacht, um sie ein Netz von dazugehörigen Legenden gesponnen, sie ein Eigenleben führen lassen. Anders die jüdische Sage. Die Begriffe werden' einfach fertig hingestellt, ohne Umrisse und Gestalt. Für’s Ohr, für den inneren Sinn klar und wahrnehmbar — nicht für’s Auge . . . Ich meine, daß gerade der erste Band „Von der Urzeit" nicht gerade das Stärkste und Beste der jüdischen Sagenwelt enthält. Wo es sich um überweltliche Fragen handelt, war der Jude unfrei. Anders bei den späteren, menschlicheren, ethisch-geschichtlichen Motiven. Dort entfaltet sich erst der jüdische Geist zu voller Blüte. Im ersten Bande wirkt noch die orientalische Gebundenheit viel zu stark nach. . . . Schluß des redaktionellen Teiles Ein^egangen bei der Administration der „Welt**: Für das Mikrobiologische Institut: Johann Kremenezky, Wien „Vergesset nicht das Mikrobiologische .Institut" Kr. 10.— .JL 8.4W