Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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666 djes|kelt Nr. 21 FEUILLETON □ □naog ]| o Die Sagen der Juden Von Dr. A. Coralnik. Mein „Rebbe", R. Aron Meir, war im Nebenamt ein „Stadtmagid". Wissen Sie, was ein „Magid" ist?. Etwa nur ein Prediger, ein Kanzelredner? Nein — ein „Magid" ist vor allem ein „Säger", ein Erzähler, ein Rhapsode. Ein Dichter, der unter dem Vorwand, Moral zu predigen, wundersame Märchen erzählt, ein „Sagamann", der Sagen aus alten sonnigen Tagen auffrischte, erneuerte, Dichtungen aus fernen, heißen, sonnigen Ländern in die Oede und Einförmigkeit des Nordens trug . . . Eahrende Sänger waren es, die über die Trägheit und Versumpftheit des Krämerlebens einen Schimmer höherer Welten, farbensatter, duftender breiteten. Fahrende und fahrige, formlose, in einen bestimmten altüberlieferten Kreis von Gestalten und Weisen gebannt. Aber ihre reiche Phantasie, ihre sehnsuchtsvolle Seele gab dem Altbekannten immer neue Prägungen und Abtönungen. Das war der Magid, der Hüter der jüdischen Legendenwelt... R. Aron Meir war allerdings keine sonderlich dichterische Natur. Er kannte zwar sehr gut seinen „Ein Jakob", seinen „Jalkut Schimoni" und den „Jalkut Reubeni", den „Midrasch Tanchuma" und „Midrasch Rabba", die ganze zahlreiche Midrasch-Literatur, aber er ermangelte der belebenden und gestaltenden Phantasie. Eines Tages führte mich R. Aron Meir in die Synagoge, um einen zugereisten, „altberühmten" Magid zu hören. Er war ein berufsmäßiger Magid und ein „Lithauer" dazu. Ein Ereignis für unsere Stadt. Andere „Stars" bekamen wir ja nicht zu sehen. Caruso und Sarah Bernhardt ließen sich bei uns nicht blicken, Operettendivas und plastische Tänzerinnen beehrten uns nicht mit ihrem Besuche, nicht einmal Kino und Grammophon waren vertreten. Lind wenn auch — bei uns, im Kreise R. Aron Meirs, hatte dieser Tand und Firlefanz wenig Anklang und Verständnis gefunden. Ein „Magid" — das war was anderes, das war der „Star", genau so w ie ein neuer, berühmter „Chasan" oder gar ein „guter jud" (ein Wunderrabbi). Etwas fürs Herz, fürs Ohr, für den Verstand. Fürs Auge sorgte ja der Jude nicht. In der Synagoge war’s schwül. Dicht gedrängt standen jung und alt und lauschten den Worten des „Magid", der, in einen Gebetmantel gehüllt, vor dem Thoraschrein auf einer recht primitiven Tribüne stand. Es war ein Mann in den Fünfzigern. Vielleicht wäre er in einer anderen Umgebung weniger aufgefallen. Aber hier, im Dämmerlicht, bestrahlt vom matten Kerzenlicht, — vom weißen Mantel umrahmt, der vom Grau und Schwarz der Synagoge und der Leute so seltsam abstach — all dies umgab ihn mit einem eigenartigen, beängstigenden, mystischen Glanze. „Wie ein Prophet, wie ein Künstler" —- hätten die guten Leute gesagt, wenn ihnen das Wort bekannt gewesen wäre. Und er redete . . . Ach nein, es war ja gar keine Rede, wenigstens keine logisch aufgebaute, ausgedachte, auf ein bestimmtes Ziel hinsteuernde Rede. Eine Improvisation war’s und eine Dichtung. Epik und Lyrik zugleich. Gefühlserguß und Schilderungen von packender Realistik, goldschimmernde Worte, glitzernde Vergleiche, aus den Urtieren der Mystik geschöpfte Bilder — und all dies in einem singenden Ton vorgetragen, der nie der gleiche blieb, sich dem Inhalt anpaßte, einmal traurig, zärtlich, flehend, schalmeitönig und dann wieder — staccato, rauh, stürmisch, brausend und gebieterisch. Ich weiß nicht mehr, was der fremde Magid vortrug, hab’s vielleicht auch damals nicht recht verstanden. Es war immens viel Kasuistik und Moral in dieser seiner Predigt. Aber das war gewissermaßen bloß die Folie. Der eigentliche Inhalt aber war — Dichtung. Von Königen und Königssöhnen erzählte er und von verwunschenen Ländern, von schlafenden Städten, von Nero und Alexander dem Großen, von der Urwelt und den sieben Himmeln. Legenden, die wir alle ja mehr oder weniger kannten, die an sich nichts neues boten. Aber wie er sie erzählte! Er dichtete sie um, spann die Legende weiter, bereicherte sie um neue, frische Farben, gestaltete sie mit künstlerischer Hand. Eine Zauberwelt war es, die er uns eröffnte und als er die letzten, sakralen Worte, in die jedwede Magidpredigt auszuklingen pflegt, sprach: „Und es komme der Erlöser Zions" usw., da stand die Gemeinde einige Augenblicke still, wie versunken in die Visionen, die ihr soeben vorgezaubert wurden, die sie hoch empor hoben über diese enge, kleine, schmutzige Welt. Ein Seufzer der Sehnsucht war’s, wie ihn die Araber in der stillen Sommernacht ausstoßen, nachdem der Märchenerzähler sein Märchen beendet, — Ja, leile! Ach die Nacht! Die „Magidim" sind verschwunden, verschollen, vergessen, und die mythenbildende Kraft der Juden scheint versiegt zu sein. Auch das bißchen, das dürftige Restchen von Sagenhaftigkeit und Sagensinn, den sie bewahrten. „Willst du den Schöpfer erkennen, der da sprach und ließ die Welt werden, so lies die Bücher der „Agada". sagt ein altes, jüdisches Buch (der „Sifri"). Und dies war der höhere, verborgene, der wahre Sinn der jüdischen Legende. Erkenntnis Gottes, der Urweltgeheimnisse, der Verborgenheiten, auf die es keine Antwort gibt, zu denen der Verstand nicht dringen kann, die man nur bildnis- und gleichnisweise erahnen kann. Wer will es jetzt, wer trägt heutzutage Sehnsucht danach? Alles ist ja auf klare Formeln reduziert, ins Verstandesmäßige hineingezwängt. Und läßt sich keine passende Formel finden, so behilft man sich ohne sie. So ist unser Leben, trocken und ohne Glanz, ohne Ausstrahlung, ohne An- und Ausklänge, ein Einerlei. Fast ohne Sehnsucht. Das jüdische Denken verliert seine Eigenart, der jüdische Witz verkümmert und büßt seine Würze und Saftigkeit ein, und der jüdische „Mythus"?. Kann man den überhaupt noch retten? Und dazu mit den ganz unzulänglichen, erborgten Mitteln unserer westeuropäischen Neuromantiker? Ist ja die Schlichtheit, die Verwachsenheit mit den Dingen uns abhanden gekommen. Und vor allem das Vehikel des Mythos, der eigene, adäquate, originelle Ausdruck. Und deshalb ist es Zeit zu sammeln. Nicht die Ernte, die reif ist und des Schnitters harrt. Die Nachlese ist’s. . . . Und eine solche Nachlese ist die Sammlung von altjüdischen Legenden und Mythen, die ein bekannter jüdischer Schriftsteller, der sich unter dem Namen „Micha Josef ben Gorion" verbirgt, veranstaltet hat*). Eine fleißige, schöne Arbeit. Aus den verschiedensten Quellen zusammengetragen, in ein gutes Deutsch übertragen. Eine nützliche Arbeit. All dies gebe ich uneingeschränkt und vorbehaltlos zu. Aber — ich weiß nicht, wie ich e.- sagen soll eine gewaltige Sehnsucht erfaßte mich bei der Lektüre dieses Buches, eine Sehnsucht nach dem Vergangenen und Niemehrwiederkehrenden. So muß *) „Die Sagen der Juden". I. Von der Urzeit. Rütten & Lcening, Frankfurt a. M. 1913.