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Die Welt · 1913-05-23 · 21 (23.5.1913) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 21 Ö59 die^elt als auch die Siedlungsgenossenschaft sind jüngsten Datums und werden erst späterhin mehr von sich sagen lassen. Auf unserem weiteren Wege nach Mescha, Jemma, Poria und Kinereth befestigte sich jedenfalls unsere Ueberzeugung, daß schon sehr vieles geleistet ist. Ueberall Fleiß, zielbewußtes Streben, Mut und Ausdauer. In Kinereth und in Daganiah waren wir Gäste der Farmen. Es ist kein Ueberschwang, wenn wir die Stunden in Kinereth und jene in Daganiah an den Ufern des blauen Tiberiassees als unvergeßliche Erinnerungen bezeichnen. Von Dagainah führte unser Weg nach der arabischen Stadt Ssamach. Von dort trug uns das Dampfboot über den See zu dem am Nordende gelegenen Tapcha, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung durch Obergaliläa. In tropischer Sommerhitze erklommen wir die 1000 m Höhenunterschied, die uns von unserem Ziele Rosch-Pinah trennten. Der Weg schlängelt sich durch zerklüftetes Bergland, treppenweise ersteigt man jeden neuen Abhang, das Landschaftsbild wird hochgebirgsartig, romantisch, vor uns steiles, unwegsames Felsland, hinter uns der bergumrahmte Kinerethsee in der Tiefe. Mit einem Schlage ändert sich der Anblick. Die enge Schlucht öffnet sich und aus der Felseneinöde leuchten dem Wanderer grüne Matten und Bäume entgegen, rote Ziegeldächer verkünden die Nähe des Ziels. Der Blick auf Rosch-Pinah ist außerordentlich reizvoll, und der freundlichste Empfang ward uns zuteil. Auch hier dankten wir mit turnerischen Vorführungen, die augenscheinlich auf die Araber ganz besonderen Eindruck machten. Für Rosch-Pinah ist das Verhältnis zwischen Juden und Arabern sehr bedeutsam. Das arabische Dorf schließt sich unmittelbar an die Judensiedelung an, sowie auch der arabische Einwohner völlige Bewegungsfreiheit innerhalb der Kolonie hat, entgegengesetzt dem sonst üblichen Verfahren. Der Direktor der Schule veranstaltete während unserer Anwesenheit mit seinen Schülern und den Zöglingen des Kindergartens am Sabbatabend eine Vorstellung, der einige Wanderfahrer ein kleines Tänzchen mit den Schönen von Rosch-Pinah folgen ließen. Am nächsten Morgen zogen wir durch die felsige Gebirgslandschaft nach Ueberwindung einer Steigung von §00 m gen Safed. Die Stadt, deren Einwohnerschaft zu zwei Drittel aus Juden besteht, ist um einen Bergkegel gelagert, der einen weiten Ausblick über die Höhen — die bedeutendsten Palästinas — und die benachbarten Seen gestattet. Die Herren vom Ancient Order of Maccabeans sorgten in liebenswürdiger Weise für Führung und Quartiere, ihnen verdanken wir auch einen ernsten Einblick in das Ghettoleben der Messiasstadt und in die Anfänge der neujüdischen Tätigkeit. Von Safed senkte sich der Weg stetig bis zu den Ufern des Kinerethsees zurück. Unsere nächste Station war die Farm Migdal (Medschdel), die von bekannten Zionisten begründet wurde. Die Versuche erstreckten sich bisher auf die Anpflanzung von Wein, Baumwolle, Bananen, Nutzhölzern, Frühgemüsen, ferner auf den Anbau von Getreide in ausgedehntem Maße. Daneben besteht eine bedeutendere Milchwirtschaft. In Migdal hat man den Eindruck eines besonders wohlgeleiteten, landwirtschaftlichen Unternehmens. Es werden dort nur jüdische Arbeiter beschäftigt. Die Stunde Weges von Migdal nach Tiberias brachte uns den Beginn der größten Hitze, die wir in Palästina erlebten. In Tiberias waren im Schatten 42—45° C, eine Temperatur, die wir wohl als heiß, keineswegs aber als lähmend oder drückend empfanden. Wohl aber sind die Ghettobilder lähmend und drückend. Der Jude in Tiberias ahnt kaum das jungjüdische Leben, das jedoch auch in die alten schwarzgrauen Mauern des Herodes einziehen wird. Einstweilen hat noch nicht einmal der Hilfsverein Tiberias in sein Schulwerk einbezogen. Die weltberühmten heißen Quellen harren auch der Erlösung durch jüdische Tätigkeit. Sie wird gewiß kommen! Der Weg nach Nazareth gewährte uns die letzten Blicke auf den Kinerethsee, die letzten Blicke auf die Judenstadt und auf die Kuppeln der Grabmäler Rabbi Meirs und Juda Halevis. Durch die in den Händen der christlichen Mönche befindliche Enklave Nazareth strebten wir nach Merchawja zurück. Von dort führte uns der Zug nach Haifa, wo wir am Abend Gäste einer Gruppe jüdischer Einwohner Haifas waren. Die Bilder, die wir in der Folge in Haifa sahen, sind Bilder des Werdens, die viel versprechen. Um das im Entstehen begriffene Technikum, dessen Bau an hervorragender Stelle ganz Haifa überragt, werden sich die Mittelschule, die Maschinensäle und das geplante Internat gruppieren, und um diesen Gebäudekomplex soll sich die neue jüdische Stadt Haifa lagern. ln Haifa erfolgte die offizielle Schlußerklärung der ersten gemeinsamen Palästinafahrt dreier jüdischer Corporationen, die den neuen Geist im Judentum vertreten. Daß die Fahrt ein völliger, durchschlagender Erfolg gewesen, soll hier ausdrücklich betont werden. Abgesehen von dem spottbilligen Preise — jeder Teilnehmer bekam aus der gemeinsamen Kasse noch 43 Frcs. von der eingezahlten Summe zurückerstattet — hat sich die Gruppenwanderung in Palästina sehr gut bewährt. Man wird die Teilnehmerzahl einer Gruppe auf etwa 20 beschränken müssen, aber man wird unter diese Zahl nicht wesentlich heruntergehen dürfen. Als große Gruppe, die als Sendling des deutschen Judentums betrachtet wurde, hatten wir Gelegenheit, Einblicke in viele Dinge zu tun, die dem privat und allein reisenden Zionisten verschlossen sind. Die Gruppe als solche bildet aber auch ein Bindeglied zwischen den Vorkämpfern in Palästina und dem Judentum draußen und ist als solche ein neuer Faktor der jungjüdischen Entwicklung, den wir nicht unterschätzen können. Und in diesem Sinne dürfen wir stolz sein. Wir haben vieles gelernt und wir waren die erste Wandergruppe vieler Gruppen, die alljährlich hinausziehen werden nach dem Orient, um ihre Gedankenwelt zu bereichern, ihr Empfinden zu stärken und den Freunden in unserem Lande von unserem Wollen, unserem Kommen zu erzählen. Daß die Einrichtung der Wanderfahrten eine ständige werde, garantiert das Vorhandensein eines Landau-Fonds in der bisherigen Höhe von 1000 M., der, nach seinem Stifter Herrn Justizrat Landau benannt, von der diesjährigen Wandergruppe unangetastet der nächstjährigen überwiesen worden ist. Es wäre zu wünschen, daß die Fahrten als solche für alle Zukunft Zlocistifahrten genannt würden, nach dem, der sie erdacht und ihre Durchführung ermöglicht hat. Wir alle wissen ihm Dank und verehren ihn als unseren Führer und Berater. Die Rückfahrt führte uns über Alexandrien und Triest nach München, wo die Herren vom Verein Jüdischer Studenten von ihren Vereinsbrüdern aus München, die Fahrtteilnehmer vom Kartell Zionistischer Verbindungen von den Mitgliedern der „Jordania“ und einem zu diesem Zweck entsandten Mitglied ihres Präsidiums begrüßt wurden. Nun wir wieder daheim sind, ist das Bild unseres Landes vom Weben der Erinnerung umspielt, und die Erinnerung wird zur Sehnsucht. Wir werden nach unserer Erde verlangen und zu ihr zurückstreben, weil wir unser Land, unser Palästina lieben lernten auf der ersten Zlocistifahrt. Max Edgar Pataky.

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