Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 18 571 dies^elt sind Deutsche, du aber bist ein Jude. Es ist wahr, ihr habt vom Deutschtum Besitz ergriffen; aber wir wollen uns entjuden.“ Ich war nahe daran zu sagen: Ihr wollt mich nicht; ihr entzieht mir fast die Luft, die ich atmen will; ihr entzieht mich damit euch und eurem Volke. Wir haben euch treulich geholfen, euch aufzubauen, unsere Mithilfe gab dem Jahrhundert sein Antlitz; wenn aber der Wille nicht da ist auf beiden Seiten, macht ihr uns euch fremd. Ich sah vor mir, wie der Jude, der sich ganz dem Deutschen aufzuschließen ehrlich und eifrig strebte, untergehen mußte, gleich jenem armen, treuen Jacobowski; und schon begann ich, dessen Ahnen freilich nicht am Rhein gesessen hatten, auch des Jordans Schönheit in einem von deutscher Art genährten Naturgefühl zu ahnen. Da trat die Idee Herzls in meinen Gesichtskreis. Wir waren eine kleine Schar junger Leute, die sich als die Vorhut eines großen Heeres fühlte, als die Auslese, die Wegbahner für die träge Masse, die, uns weit entfremdet, doch durch den großen Gedanken an uns gebunden, auf uns hoffte, von uns sich den Pfad weisen lassen wollte zu ihrem Lande und zu unserer Kultur. Wer kann sich wundern, daß unsere Herzen schwollen und daß unser Stolz hoch wuchs, wer kann sich wundern, der da weiß, wie an unsern Hochschulen alles politische Leben in lächerlicher Kleinlichkeit, in kindischer Unmündigkeit verzettelt ist. Gegen uns standen viele, die, wie jener arme, treue Jacobowski, Deutsche bleiben oder Deutsche werden wollten, lieber zugrunde gingen, als die Bahn verließen, deren Verfolgung ihr teures Erbteil von zwei oder drei Generationen her war, von fünfzig oder siebzig Studentenjahrgängen. Wir waren in unserer Idee und im Gefühl, daß doch die Zukunft uns gehöre, heftig und triumphierend siegesgewiß gegen diese verachteten „Assimilanten“ und begannen, gegen sie eifrig zu agitieren und zu beweisen. Wir bewiesen die Existenz des jüdischen Volkes und unsere Zugehörigkeit zu ihm; unsere Gegner riefen uns laut entgegen: „Ihr wollt keine Deutschen sein, ihr macht euch selbst zu Fremden, zu Zweideutigen, zu Verdächtigen." Sie hießen uns jüdische Antisemiten, wir nannten uns Nur-Juden; wir waren so töricht wie sie. Wir fanden auf unseren Wegen die Lehre, daß unser Leben von zwei großen Kräften beherrscht sei, Blut und Umwelt; jenes sei jüdisch, diese deutsch. Aber bald fragten wir, wie weit das Blut die Umwelt, wie weit diese jenes färben könne. Denn so vieles uns mit unsern Brüdern verband, denen wir erst gewähnt hatten voranzugehen, und denen wir, des wurden wir rasch inne, recht eigentlich folgten, so vieles fast schied sie von uns; und eben unsere brennende Sehnsucht, jüdisch zu werden, lehrte uns, wie wenig wir es waren. Nicht daß einer dem Deutschtum absagt und auf ein nebelhaftes Judentum schwört, nicht dies ist Zionismus. Sondern Zionismus ist: wahr sein und ehrlich, nicht dahin zu spähen oder dorthin, sondern in sich hineinzuhorchen und das, was in dir ist, zur Wirklichkeit zu machen. Wir Juden des Westens leben nicht in so klaren Verhältnissen, unter so einfachen Gesetzen, daß ein Wort genügen könnte, unser Wesen und unseren Weg zu erhellen, erschöpfend zu deuten. Wir finden in uns Judentum und Deutschtum und sagen Ja zu beiden. Auch hierin ist eine Erlösung. Daß wir uns jüdisch-national nennen und nicht deutsch-völkisch, ist das Recht der älteren Gemeinschaft, der wir angehören, die zugleich unser Bekenntnis fordert, um leben zu können, und der unsere Kinder und Enkel vielleicht ausschließlich angehören werden, sie wären denn keine Juden mehr. Wenn die Deutschen uns ob dieses Bekenntnisses zürnen und uns Abbruch tun sollten, werden wir es tragen als ein Opfer für die Wahrheit; wenn aber ein Jude, der durch unser Bekenntnis mit geehrt wird, uns lästert und verleumdet, ist er zugleich ein Verräter und ein Tropf. Ein Jahrhundert tiefer Verblendung hat uns Juden dahin gebracht, daß wir mit dem Deutschen nicht Aug in Auge, von Mann zu Mann sprechen zu dürfen glauben, sondern uns tief bücken und dabei nach den Augenbrauen des Großen schielen. Dieses Jahrhundert hat uns die tiefste Demütigung gebracht und jenen Geist in uns erweckt, der sich hervorwagt, um die Ehrlichen unter uns den Deutschen als schlechte Staatsbürger anzugeben, den Geist, den wir aus Resolutionen und Broschüren und Versammlungsreden leider nahe kennen, und der, wenn nichts anderes dies täte, uns stark genug predigte: die Lage des Judentums ist unhaltbar, unerträglich für jeden, der Wahrheit liebt. Wir verdammen auch dieses Jahrhundert nicht; denn es gab uns viel, es gab uns auch, was wir an Deutschtum haben, und dies ist viel und Großes. Es gibt keinen Gegensatz zwischen dem Judentum und dem Deutschtum, und so keinen zwischen dem Deutschtum und dem Zionismus. Was wir sind, wollen wir wirklich und ehrlich sein. Den Kleinen und Feigen aber, den Achselträgern und Wetterfahnen, den Kursspähern und Uebereifrigen, die Ueberdeutsche und gemäßigte Juden sind, denen wollen wir absagen und sie abschütteln, und mögen sie hundertmal beteuern, daß sie nichts dagegen haben, wenn wir für die entrechteten Juden des Ostens eine Heimstätte schaffen, oder den Stolz des Juden auf seine Religion und seine Geschichte heben wollen. Wir wollen sein, was wir sind; sie aber wollen nicht sein, was sie sind, und wollen sein, was sie nicht sind; bald werden sie nicht mehr sein, wir aber, das ist unser Trost und unsere Zuversicht, wir werden sein. Schluß des redaktionellen Teiles Bei dem Unterzeichneten gingen ein: Durch die Vertriebsgesellschaft in Krakau von Herrn Ben Schmuei in Tarnow Kronen 1.—. Bertrand Hamburg, Schatzmeister des Vereins „Bezalel". Eingegangen bei der Administration der „Welt": Für das Mikrobiologische Institut: Johann Kremenezky, Wien „Vergesset nicht das Mikrobiologische Institut" Kr. 10.— Jk 8.40 Anton G., Prag, auf Anregung Kremenezkys Kr. 10.— — 8.49 [ „GOLD” I SCHOKOLADE Deutsches Fabrikat SToliWERCrt