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Die Welt · 1913-04-18 · 16 (18.4.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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490 Nr. 16 DJE3^ELT Das Pessachfest der Zukunft Geburtstage hat das jüdische Volk eigentlich nie gefeiert. Es war nicht persönlich genug, um Personen zu feiern, und obwohl ihm die Sitte, den Geburtstag des Herrschers festlich zu begehen, bereits von Aegypten her bekannt war, legte es doch seinerseits der Einzelpersönlichkeit niemals so großen Wert bei, um Geburtstage zu etwas Besonderem zu gestalten. Selbst der Geburtstag seines größten Meisters und Lehrers, der zugleich dessen Sterbetag war, brachte es im jüdischen Kalender zu keiner großen Bedeutung. Mosches Geburtstag ist niemals zu einem Festtage geworden. Wohl aber hatte der Geburtstag des Mosaismus um so größere Bedeutung. Das war der Entstehungstag des jüdischen Volkstums. Und je weniger Wert das Judentum zu allen Zeiten der Einzelpersönlichkeit beimaß, um so höher schätzte es die jüdische Gesamtheit und die jüdische Tat. Die Namen der großen jüdischen Gelehrten haben dem Namen ihrer eigenen Werke weichen müssen. Ihre persönlichen Gedenktage sind im Laufe der Geschichte verhallt, aber ihre Werke und ihre Taten wirken fort, selbst in der oft autoritätsfeindlichen Gegenwart. Der größte und wichtigste Gedenktag unseres Volkes aber war und blieb der Geburtstag des jüdischen Volkes. „Als Israel aus Aegypten zog und das Haus Jaacobs aus dem Volke fremder Zunge, da ward Israel eine heilige Gemeinschaft.“ Das war die Tat, mit der der Hebräerstamm aus dem kleinen Stammesleben heraustrat und zu einem Volke wurde, dessen geistige Eigenart durch den großen Führer des Volkes bestimmt wurde, der ihm für alle Zeiten den Stempel seiner Persönlichkeit aufdrückte, während er gleichzeitig doch alles Persönliche in seiner großen Bescheidenheit zurückdrängte. Moses schuf aus einem Stamme von Hirten und Sklaven ein freies Volk. Er wurde der Stifter des jüdischen Nationalismus, und man kann sich nicht mosaisch nennen, wenn man nicht zugleich jüdischnational ist. Denn der jüdische Nationalismus muß einerseits in weiterem Sinne aufgefaßt werden, als engherzige Völker ihren eigenen Nationalismus abgrenzen, und andererseits ist dieser jüdische Nationalismus mit dem Mosaismus identisch. Moses war der Schöpfer dieses Volkes nicht bloß dadurch, daß er das geknechtete Volk befreite und aus dem Lande der Knechtschaft herausführte, sondern ebenso sehr dadurch, daß er ihm eine geistige Eigenart verbürgte, die die Gewähr der Ewigkeit in sich trug. Dieser Nationalismus des jüdischen Stammes war im schroffen Gegensätze zu der nationalen Eigenart der Babylonier und Aegypter, der Griechen und Römer kein engherziges Geistesgebilde, das nur die eigene Nation als vollberechtigt anerkannte, das nur in sich die höchste Blüte der Menschheit sehen wollte, und die andern Völker für Barbaren hielt, sondern die gleiche Berechtigung alles dessen erkannte, was Menschenantlitz trägt, wie es ja auch seine Humanität bewußt auf die Tier- und Pflanzenwelt ausdehnte. Aber dieser Mosaismus war und ist national, indem er eine Volkseigenart schuf, und alles darauf anlegte, um diese Eigenart zu erhalten. Daß er mit dieser Sorge für die Erhaltung der Eigenart Erfolg hatte, das hatte seinen Grund auch darin, daß es kein weichlicher Kosmopolitismus war, der in dem kraftvollen Hebräerstamme seine Wurzel schlagen konnte. Es war das kein kraft- und saftloses Aufgeben der eigenen Natur, keine leisetreterische Angst, das eigene Volkstum zu bekennen und erkennen zu lassen, sondern ein Kosmopolitismus, der unter voller Anerkennung der fremden Rechte, sein eigenes Recht zu leben und sich als Nation auszuleben, immer erkannte. Das schwächliche, ängstliche Sichverstecken war diesem Hebräerstamme nicht eigen. Er wußte es, daß es keine Schande sei, national zu sein, und hat niemals Bedenken getragen, mit gesunder Fröhlichkeit die eigenen nationalen Siege zu feiern. Als Israel die Aegypter hingestreckt sah am Ufer des Meeres, als es sah, daß es den Verfolgern entronnen war, da sang Mosche und das ganze Volk: „Ich will singen dem Herrn, der erhaben und hehr, Rosse und Reiter geschleudert ins Meer!“ Und so milde und zart die jüdische Frau ist, sie war mit ihrem ganzen Herzen dabei, den Sieg zu feiern, und Mirjam, des großen Heer- und Volksführers prophetische Schwester zog mit Pauken und Flöten dem jubelnden Reigen hebräischer Frauen voran, den Sieg und die Errettung aus der Gefahr nationalen Untergangs zu feiern. Dieser nationale Geist hat seine Eigenart vor allem darin, daß er bei aller Gewährleistung der persönlichen Freiheit das Volk durch Gesetze sozialer Gerechtigkeit band, die in dem Grund und Boden der heiligen Heimat das ewig unveräußerliche Eigentum des Gesamtvolkes erblickte, das nicht einzelne zu ihrer besonderen Bereicherung als persönliches Eigentum erwerben konnten, damit keine Sippe jemals dauernd verarmen könnte. Trotzdem war der Fürsorge für die Witwen und Waisen, für Arme und Bedürftige ein so großer Raum gewährt, daß wohl in keinem Lande jemals so viel an sozialer Fürsorge geschehen konnte, als sie im mosaisch-nationalen Gesetz vorgesehen ist. Und das Wertvollste war: das war keine Wohltätigkeit und wurde nicht einmal so genannt, war es doch npis — Gerechtigkeit. Nicht in das Belieben des Reichen, der ja keinen absoluten Anspruch auf seinen Reichtum hatte, war es gestellt, dem Bedürftigen zu geben oder nicht zu geben. Der Reiche konnte sich nicht seiner Schuld gegenüber dem Armen dadurch entziehen, daß er sich rühmte: Ich gebe ja für öffentliche Zwecke des Volkes so viel, daß ich für den Armen nichts mehr übrig habe; sondern es war das Recht des Armen, mitzuleben mit dem begüterten Stammesbruder. Diese so oft geringgeschätzte Gerechtigkeit aber hatte für den Armen mehr Wert, als alle Liebe, wenn auch eben der nationale Mosaismus es war, der von dem Hebräer verlangte, daß er seinen Nächsten lieben sollte wie sich Peßach wurde der eigentliche nationale Feiertag des jüdischen Volkes. Denn der Auszug aus Aegypten mit allen den Ereignissen, die sich an ihn knüpften, wurde die Grundlage der gesamten jüdischen Geschichte. War er doch das Verlassen des ersten Galuth. Dieses Galuth (D'TiO mp:) war vorbildlich für alle späteren Verbannungen Israels von seinem heimatlichen Boden. Ein Irrtum wäre es aber zu glauben, daß sich der Hebräerstamm in primitiven Verhältnissen befand. War er doch aus den Ländern der höchsten Kultur der damaligen Welt, aus Babylonien und Kanaan, nach dem hochkultivierten Aegypten gekommen, wobei dieser s£tamm bereits durch seine besondere geistige Kultur gezwungen war, sich von den Bewohnern Babyloniens zu trennen. Er war von seinen ersten Anfängen an im Zentrum der höchsten Kultur der damaligen Menschheit, und nahm an dieser Kultur teil. Aber er stellte überall eine Minderheit dar und war ganz gewiß eine verschwindend kleine Minorität bei seiner Einwanderung in Aegypten. Es war daher natürlich, daß die Eigenart des ägyptischen Kulturvolkes auf die Hebräer abfärbte, und daß die Angleichung an die Umgebung ziemlich schnell vor sich ging. Sind doch sogar die Namen der ersten und vornehmsten Sippe des ganzen Stammes zum Teil dem Aegyptischen entnommen. Aber die Vermehrung der Hebräer, ihr Zusammenströmen nach einzelnen Zentren, trug

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