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Die Welt · 1913-02-21 · 8 (21.2.1913) · page 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Nr. 8 PIE^EELT 249 FEUILLETON □ □□□□□ )| o David Frischmann (Zu seinem literarischen Jubiläum.) Von Nachum Goldmann. Es gibt wohl für einen Schriftsteller nichts Schlimmeres, als frühzeitig in seiner Laufbahn von der Masse des Publikums mit einer bestimmten Etikette ausgestattet zu werden. Auf eine volle Anerkennung seiner Persönlichkeit und seines Schaffens darf er dann nicht mehr hoffen. Für den großen Haufen ist er bereits gezeichnet, abgestempelt und etikettiert; ein Fertiger. Und mag er auch in der Folge ganz neue Seiten seiner Natur offenbaren, auf ganz anderen Gebieten der Literatur Hervorragendes leisten — die Etikette bleibt an ihm haften. David Frischmann ist von diesem Schicksal sehr früh ereilt worden, und ich kenne keinen zweiten Schriftsteller der modernen hebräischen Literatur, der mehr darunter zu leiden hatte als er. Schon in den ersten Jahren seines Schaffens ward ihm die Marke angehängt: der Europäer und der „Lez“ (Spötter). Und in dieser doppelten Signatur erschöpft sich für das große Publikum noch immer sein ganzes Wesen. Der ganze Reichtum seiner Persönlichkeit, all das Glitzernde und Buntschillernde seines literarischen Charakters, die Vielseitigkeit und Vielgestaltigkeit seines Geistes — in diese zwei oberflächlichen, nichtssagenden Schlagworte wird es zusammengepreßt. Man frage einen beliebigen Juden jungen auf der Nalewki in Warschau: Wer ist David Friedmafln? - und er wird gewiß im Tone der Selbstverständlichkeit antworten: Frischmann? Gewiß, den kenne ich: der „Lez“ und Europäer! Und nicht nur für die breite Masse des Publikums bleibt Frischmann ein Abgestempelter, auch die Literaturkritik hat sich mit ihm so gut wie gar nicht beschäftigt. Ueber jeden unreifen verseschmiedenden Jüngling wurden mehr „Essays“ und „psychologische Studien“ geschrieben als über ihn. Frischmanns Seele lag ja offen da: in seine zwei Etiketten war sie einfür allemal eingefaßt. In gewissem Grade mag allerdings dieses Unrecht, das Frischmann von seiten des Publikums und der Kritik zugefügt wurde, darin seinen Grund haben, daß seine Arbeiten sehr zerstreut sind. Frischmanns hauptsächliche Domäne ist das Feuilleton; und ein einzelnes Feuilleton ist kein geeignetes Objekt für die literarische Kritik. Es bedeutet darum den ersten Schritt zu einer vollen Würdigung Frischmanns, daß jetzt zu seinem Jubiläum seine Schriften gesammelt erschienen sind*). Fünf Bände sind es, und sie umfassen nur eine kleine Auslese seiner Arbeiten — immerhin genug, um ein Bild von seinem Wesen und seiner Bedeutung zu gewinnen. Es ist für uns Jüngere ziemlich schwer, eine richtige Vorstellung von der Bedeutung David Frischmanns für die hebräische Literatur gewinnen zu können. Denn so .wie diese jetzt dasteht — klein in ihrem Umfange allerdings und beschränkt in ihren Ausdrucksformen, aber immerhin eine Literatur im europäischen Sinne dieses Wortes — ist sie recht eigentlich das Werk Frischmanns. Zumal wenn man von der westeuropäischen Kultur aus an die hebräische Literatur herantritt, scheint ihr moderner Charakter als etwas so Selbstverständliches, daß man nur schwer den gewaltigen Aufwand an Energie und *) Neue Schriften von David Frischmann. Warschau 1912. Verlag „Saphruth”. schöpferischer Begabung begreifen kann, der dazu nötig war, um eben dieses Selbstverständliche zu erreichen. Man muß sich schon die Mühe nehmen, auf die Erzeugnisse der hebräischen Literatur etwa aus der Zeit der 80er Jahre zurückzugreifen, muß PerezSmolenskins „Hatoeh bedarkei hachajim“ (Der Irrende auf den Wegen des Lebens) oder Braudes’ „Hadath Wehachajim“ (Religion und Leben) lesen; muß in alten Jahrglängen des „Hameliz“ oder der „Hazephirah“ — als sie noch Wochenschrift war — blättern; muß sich in jene seligen Zeiten zurückversetzen, da hebräische Zeitungen eine Sonnenfinsternis in „schwungvollen“ Redewendungen, die den poetischen Büchern der Bibel entlehnt waren, ankündigten, um zu ermessen, welche Revolution nötig war, um aus dieser im Sumpfe der „Melizah“ und des Musivstiles versinkenden Schriftstellerei die hebräische Literatur von heute zu schaffen. Niemand aber hat an dieser Revolution einen größeren Anteil als Frischmann. Die Einsicht, daß eine Wandlung von Grund auf nötig sei. besaßen auch andere; die Stimmen, die eine Reform des Stiles forderten, erklangen von überall her. Auch der praktische Versuch, eine Wandlung herbeizuführen, wurde hie und da unternommen. Aber niemand war imstande, mit den überholten Formen so gründlich aufzuräumen, wie Frischmann. Denn er allein besaß das nötige Rüstzeug dazu: seinen kaustischen Witz und seinen untrüglichen Geschmack. Zunächst sein Witz. Frischmann gehört nicht zu jenen verbitterten Satirikern, denen die Satire die einzige Lebensfreude bietet, denen es besonderes Vergnügen macht, den lieben Nächsten durch den giftigen Pfeil ihres Witzes verletzen zu können. Darum tut man ihm so bitter unrecht, wenn man ihn als „Lez“ charakterisiert. Er selbst hat sich in einem seiner temperamentvollen Kampfartikel am schärfsten dagegen gewehrt. Sein Witz war ihm eben stets nur Mittel, pädagogisches Hilfsmittel. Er war sich bewußt, daß man dem schwülstigen Melizahstil und all der überlebten Literaturmache nur mit Hilfe seines Witzes den Garaus machen konnte. Es gibt gewisse trübe, schlammige Mischungen, die man nur dadurch in klare Flüssigkeiten verwandeln kann, daß man eine ätzende Säure in sie gießt. Frischmanns Witz war diese ätzende Säure, mit der allein der versumpfte Born des hebräischen Schrifttums gereinigt werden konnte. Sein Geschmack! Hier scheint mir in gewissem Sinne der Pol seines Wesens zu ruhen. Frischmann ist ein Aesthet in des Wortes schönster Bedeutung, frei von all der hohlen Künstlichkeit, von all der unechten Pose, die das blasierte Aesthetentum unserer Tage so häufig charakterisiert. Es gibt wenig Menschen mit einem so ausgesprochenen Haß gegen jede Pose, gegen alles Unechte und Gemachte wie Frischmann; nur wenige auch, die gleich ihm befähigt sind, überall das Unwahre herauszufühlen. Dies gilt nicht nur für die Literatur, sondern für das ganze Leben. Frischmann hat nie einer Partei angehört aus Haß gegen die Schablone und die hohle Phraseologie des Partei wesens. Ja, selbst in die Begeisterung der nationalen Bewegung konnte er nicht mit einstimmen, weil ihn das falsche Pathos peinlich berührte, das darin zuweilen mitenthalten war. Die Vorherrschaft des guten Geschmacks steigert sich bei ihm oft zur Tragik. Sie raubt ihm alle Möglichkeit zur Freude, zum naiven Genießen. Denn wo wäre wahre Freude, die nicht zum guten Teil auf Illusion und Selbsttäuschung

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