Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Nr. 1 Ungarn Makkabäer-Feierlichkeiten (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Der Verein „Ahavat Zion“ in Neutra Veranstaltete am S. Dezember v. J. eine Makkabäer-Feier, die überaus gut besucht war. Nach der Eröffnungsrede des Ortsgruppenvorstandes Herrn Felix Neu mann hielt Parteisekretär Dr. Josef Schönfeld die Festrede. Das Mitglied des Engeren Landes-Gomites, Herr Og. Samuel Bettelheim sprach über die kulturelle Wirksamkeit der zionistischen Bewegung, die allein dem Judentume die Kraft verleiht, sich zu erhalten. Es fotzte nun eine Aufsehen erregende Rede des Leiters der Schule der orthodoxen Gemeinde, Herrn Leopold E r d e 1 y i, in welcher die Erziehung der Jugend im zionistischen Sinne als die idealste Aufgabe der jüdischen Lehrer hingestellt wurde. — Der Feier folgte ein Festmahl im Festsaale der orthodoxen Schule. Die Ortsgruppe in Györ (Raab) hielt auch am 8. Dezember eine große öffentliche Makkabäer-Feier ab. Dieselbe wurde vom Vorsitzenden Dr. Eugen Erde ly i mit schwungvollen Worten eröffnet. Schuldirektor Gg. Geza V a j d a hielt die Festrede, Gg. Heinrich Braver deklamierte ein Gedicht von Morris Rosenfeld; zum Schlüsse sprach in Vertretung der Landeszentrale Gg. Dr. Ludwig Dömeny aus Budapest Kleinere interne Feierlichkeiten fanden noch in vielen andern Städten statt. Vereinigte Staaten von Nordamerika (Von unserem Berichterstatter.) New York. Die Federation der amerikanischen Zionisten trifft Vorkehrungen für eine Begrüßungsfeier und Massenversammlung zum Empfang des E. A. C.-Mifgliedes N. Sokolow, der Ende Februar in New York erwartet wird. Die Versammlung soll zu einer der größten zionistischen Demonstrationen gemacht werden, die Amerika bisher gesehen hat. ([ □□□□□□ FEUILLETON Bin Briefchen Von Dr. A. Coralnik (Rom) Ein Briefchen ist mir aus einer fernen österreichischen Stadt in meine weltfremde römische Einsamkeit zugeflogen. Von einem Unbekannten. Von einem Jüngling, fast noch einem Knaben. Jugendliche, unausgeglichene, eckige Schriftzüge, jugendliche, unausgeglichene, noch nicht abgerundete und abgeschliffene Worte. Aber dieses Briefchen rührte an mein Herz, stärker, als es die schönste, gereifteste, stilisierteste Prosa vermocht hätte. Denn es rief in mir alte Träume und verglommene Sehnsucht wach . . . Ein Jüngling, fast noch ein Knabe, schrieb mir von seinen Fragen und Zweifeln, beichtete mir in unbeholfener Sprache die Erlebnisse seiner Seele. Er hat einen Weg für seine Sehnsucht gefunden — und dies ist sein Volk, das jüdische Volk. Er hat ein Ziel und einen Inhalt für seine gärende Jugend entdeckt. Und dies — schrieb er — hätte er mir zu verdanken. Alte, lose Blätter sind ihm in die Hand gefallen, lose Blätter, die ich einst — und es ist schon so lange, lange her — auf den alten, herbstlichen Boden unseres Volkes fallen ließ. Ich hatte es schon längst vergessen. Was einst für mich, für uns alle, die damals wirkten und strebten und hofften und träumten, reelle greifbare Wirklichkeit war, ist jetzt Vergangenheit, Ueberlebtes, Ueberwundenes. Schön wie die Jugend und vergänglich wie sie. Schön wie Hyperion und gebrechlich wie er. Ja, es ist schon lange, lange her . . . Vor etwa drei Monaten war ich auf der Durchreise nach Rom in Straßburg. Der Herbst hatte bereits eingesetzt. Es war kühl und grau und regnerisch. Da saßen wir — ich und ein Freund, ein alter Mitkämpfer und Mitpflüger, einer von denen, die einst als Sämänner auszogen, um die Saat der neuen Erkenntnis, des neuen Lebens unter unser Volk zu streuen —, da saßen wir in einer gewärmten Stube bei mattem Lampenlicht und gedachten unserer Jugend. Und die Erinnerung war wehmütig, wie der Abend, herbstlich, schwer- Wie war’s denn damals, als wir mit Mut und Hingebung, mit unerschütterlichem Glauben und strahlender Hoffnung den Kampf führten, den Kampf für die Zukunft unseres Volkes? Wir sahen den Himmel offen, vor uns war ein breiter, schimmernder Weg. Das Leben hatte ein Ziel, einen Inhalt. Und dann kam die graue ernüchternde Wirklichkeit und senkte einen Schleier über unsere Seelen und der Pfad verlor sich in der Feme und der Traum war zu Ende. Und wir trennten uns voneinander. Jeder ging seinen eigenen, verschlungenen, sich krümmenden und schlängelnden Weg. Jeder griff zum Wanderstab und irrte hinaus in die Weite. Wir tranken am Kelch des Lebens, und seine Bitternis blieb uns nicht erspart. Wir suchten nach neuen Zielen und wie ein Irrlicht tanzte das Leben vor uns im Mänadentanze und lockte und rief und verführte — und ließ uns dann im Dunkeln und in der Einsamkeit. Wir hatten keine Zeit, uns umzuschauen, das Vergangene noch einmal zu erleben. Und dann trafen wir nach langen Jahren der Trennung und Entfremdung wieder zusammen. Gereift und enttäuscht, ernüchtert und mit resignierter, müder Seele. Wir sprachen über die Vergangenheit und über unsere Träume. Eine Zukunft für unser Volk, die Auferstehung des Totgesagten, Totgeglaubten, die Schaffung neuer Kulturwerte, einer neuen Heimat. Wir wußten, daß wir an einem großen historischen Werk mitarbeiteten, daß wir die Vorläufer, die Verkünder des Kommenden sind, daß wir, um das alte jüdische Bild zu gebrauchen, „in den Spuren des Messias wandeln" und schöpften Mut und Hoffnung im Glauben an die Gerechtigkeit und Wahrheit unserer Sache. Und dann kam der Zweifel. Und wir sahen, daß der Boden steinig sei, daß die Saat nicht aufgehen wollte, daß unsere Kräfte nicht hinreichten, daß die Zeiten noch nicht reif waren. Und wir sagten uns: Hat unsere Arbeit einen Zweck? An diesem schwermütigen Abend in Straßburg saßen wir und sprachen. Ueber die Gegenwart. Ueber das schwere, düstere Leben unserer Brüder, die in Rußland schmachten und im Riesenkampfe unterliegen. Das Weh des Volkes dringt an uns — wie können wir ihm helfen? Traurige, von einer Verzweiflungsstimmung diktierte Verse eines Dichters sagte ich meinem Freunde vor: Die Winternacht ist schwarz und tief Im Felde jemand um Hilfe rief. Was soll ich tun? Bin ich ja selber müde und krank Froh, daß ich selber noch nicht ertrank. Was kann ich tun? „Was können wir tun" und „was hat unser Tun geholfen" — in diese Fragen tönte unser herbstliches Nachtgespräch aus, und wir schieden wieder voneinander mit schwerem Herzen und zweifelnd an der Vergangenheit.. Und da kam aus einer fernen Stadt mir ein Brief lein zugeflogen. Liebe ist darin und aufrichtiger Glaube.