Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Article
- Salomon Maimon
- Date
- 1900-11-30
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die j$ Welt" Nr. 48 Spinozaais Begründer einer neuen Denkrichtung, als wie Ausgangspunkt einer neuen Epoche der Philosophie da; er nimmt nur einen bescheidenen Platz unter den Epigonen.. Kants ein, unter den Philosophen, welche nach der durch Kant vollbrachten mächtigen Umwälzung des philosophischen Denkens an jier Fortentwicklung der neuen Lehre, sei os erläuternd, ausgestaltend, sei es einschränkend, berichtigend Theil genommen haben. Aber auch unter den Kantianern hat Maimon eine ganz eigenartige Stellung; er gehört nicht eigentlich zu den Anhängern, vielmehr zu den Gegnei-n Kants, aber er ist ein Gegner, dem Kant selbst das Zeugnis ausgestellt, dass unter allen seinen Gegnern Maimon ihn am Besten verstanden habe, und der zu der Fortentwicklung des Denkens über den von Kant eingenommenen Standpunkt hinaus mannigfache fruchtbare Anregung gab. Es ist gewiss in höchstem Grade merkwürdig, dass die Kantische Philosophie gerade in jüdischen Kreisen so eifrig studiert wurde; nicht nur, dass unter den fachmännischen Bearbeitern der Kantischen Philosophie ein verhältnismässig grosser Bruchtheil von Juden sich befindet — es sei nur an Lazarus Bendavid und an Salomön Maimon aus dem vorigen Jahrhundert und in unserer Zeit an Hermann Cohen erinnert — die Zahl der Kenner der Kantischen Philosophie in jüdischen Kreisen war, besonders gegen Ende des vorigen Jahrhunderts und in den ersten Decennien unseres Jahrhunderts, eine auffallend grosse. Es ist schon mehrfach darauf hingewiesen worden, dass diese Erscheinung nicht zufälLig sei, sondern dass vielfache innere Beziehungen und Berührungspuncte gerade die im jüdischen Schriftthum bewanderten Juden zur Beschäftigung mit den Werken Kants hinzogen. Auch von nichtjüdischer Seite ist diese innere Verwandtschaft zwischen der Kant'schen Philosophie und der jüdischen Weltanschauung betont worden. So heisst es bei Fortlage in dem Vortrage „Ueber die Kantische Philosophie" (Sechs philosophische Vorträge, Jena 1869, S. 29) „An Kant und Sokrates hat sich auf eine auffallende Weise der alte Satz bewahrheitet, dass die Furcht des Herrn Weisheit sei und dass eine Geistesrichtung, die mit einer vorherrschenden Lust an den Gesetzen der praktischen Vernunft verbunden ist, auch den klarsten Spiegel abgebe für die Auffassung der schwierigsten theoretischen Wahrheiten". Und eine Anmerkung zu dieser Stelle lautet: »Dieser Satz, dass die Furcht des Herrn (die Achtung vor dem moralischen Gesetz) die Grundlage der höchsten Wissenschaft sei, ist eben der Punkt, in welchem die kantische Lehre mit der Abrahamitischen Tradition in so genauem Einklang steht". Was die Lehre Kants für die in ihrem eigenen Schriftthum bewanderten Juden besonders anziehend machte, war der unbedingte Vorrang, den er der praktischen Vernunft vor der theoretischen einräumte und insbesondere, dass er den Glauben an Gott und an die sittliche Freiheit des Menschen nicht als Aufgabe der wissenschaftlichen Demonstration, sondern als Sache des moralischen Entschlusses hinstellte. Gerade den denkenden Juden konnte es nicht entgehen, dass die tiefste Wurzel der Kantischen Philosophie eine religiöse war. Als das Hauptwerk von Kant erschien, war Mendelssohn schon zu alt, um sich von seinen bisherigen Gedankengängen losmachen und für die neue Lehre ein Verständnis gewinnen zu können. Desto eifrigere Jünger fand dieselbe im Kreise der unter dem Einflüsse der Mendelsohn'schen Bildungsbestrebungen stehenden jüngeren Generation. Auch Salomon Maimons Eintritt in das allgemeine Culturleben, sein philosophischer Bildungsgang stand unter dem Einflüsse der von Mendelssohn angebahnten Richtung. Maimon, der 1753 in Litthauenals Sohn armer Eltern geboren war, hatte den in seinem Geburtslande herrschenden Anschauungen entsprechend schon in frühester Jugend eine gründliche Ausbildung im Talmud genx>ssen und hatte schon frühe kabbalistische Werke und auch Schriften des Maimonides studiert. Die nächste Folge der hervorragenden Geistesgaben, die er bekundete, war, dass er ein sehr begehrter Heiratscandidat wurde und thatsächlich war er bereits mit 11 Jahren Ehemann und mit 14 Jahren Vater. Erst später wurde er mit der deutschen Sprache und mit weltlichen Wissenschaften bekannt, und zwar aus Büchern, wie sie ihm zufällig in die Hand geriethen. Der Drang nach Bildung wurde in ihm so mächtig, dass er sich entschloss, Weib und Kind zu verlassen und sich bis Berlin durchzubetteln, um dort zu studieren. Die Art und Weis», wie sich Maimon gewaltsam von den beengenden Verhältnissen seiner Erziehung und seines Heimatlandes befreit hatte, blieb für sein ferneres Leben bestimmend, welches einen steten Kampf zwischen Versinken und Emporraffen, einen unaufhörlichen Wechsel von abenteuerlichem Herumvagieren und ernster Geistesarbeit darstellt. Seine Bekanntschaft mit der nichtjüdischen Philosophie beginnt mit dem Studium von Wolffs Metaphysik, die ihn zu philosophischen Erörterungen in hebräischer Sprache veranlasste, wodurch er die Aufmerksamkeit Moses Men delssohns auf sich zog. Dieser nahm sich seiner an und leitete seine philosophischen Studien. Aber Maimons unstetes Wesen duldete ihn nicht in Berlin; nachdem er sich in Holland umhergetrieben hatte, kam er nach Hamburg. Dort wurde es ihm ermöglicht, im Alter von etlichen zwanzig Jahren in das Gymnasium in Altona einzutreten, wo er mehrere Jahre blieb und ein Abgangszeugnis erlangte. Die schriftstellerische Thätigkeit, die er nun wieder aufnahm, erstreckte sich zunächst auf Bücher in hebräischer Sprache; er schrieb zunächst ein hebräisches Lehrbuch der Mathematik, das jedoch ungedruckt blieb, dann eine hebräische Naturlehre nach Newtons Grundsätzen und übersetzte Mendelssohns „Morgenstunden" ins Hebräische. Mit 33 Jahren begann er Kants „Kritik der reinen Vernunft" zu studieren; die schriftlichen Erläuterungen und Einwendungen, die er beim Studium niederschrieb, wurden von Marcus Herz, dem Schüler uud Freunde Kants, diesem mitgetheilt und bildeten, nachdem sie von Kant günstig beurtheilt worden waren, die Grundlage für Maimons erstes philosophisches Werk in deutscher Sprache „Versuch über die Transcendental-Philosophie". Trotz der unsteten und ungeordneten Lebensfühlung Maimons war seine literarische Thätigkeit eine sehr fruchtbare. Er schrieb unter Anderem ein philosophisches Wörterbuch, in welchem er auch Proben rabbinischer Weisheit gab; als seine Hauptwerke aber gelten der im Jahre 1794 erschienene „Versuch einer neuen Logik oder Theorie des Denkens" und die 1797 erschienenen „Kritisehen Untersuchungen über den menschlichen Geist oder das höhere Erkenntnis- und Willensvermögen". Das Verhältnis, in welchem er in diesen Schriften zu Kant steht, ist ein durchaus freies und selbständiges. Kant selbst hatte im Jahre 1790 ihm das Zeugnis ausgestellt, dass unter allen seinen Gegnern ihn Maimon am besten verstanden habe, was ihn allerdings nicht hinderte, einige Jahre später zu erklären, es^sei ihm unverständlich, was Maimon „mit seiner sogenannten Nachbesserung der kritischen Philosophie, dergleichen die Juden gern versuchen, um sich auf fremde Kosten ein Ansehen von Wichtigkeit zu geben,* eigentlich wolle. Bei aller Hochachtung, die Maimon Kant zollte, hielt er dessen Philosophie weder für die einzig mögliche, noch für die beste. Er stellt nicht, wie Kant, das „Ding an sich" der „Erscheinung" entgegen, sondern fasst das erstere auch nur als unsere Vorstellung auf; er nimmt auch nicht mit Kant die Sinnlichkeit und den Verstand als zwei gesonderte Stämme unserer Erkenntnis an, sondern sucht beide einheitlich aus dem Bewusstsein als deren ge~