Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Article
- Die politische Gleichberechtigung der Juden
- Date
- 1900-11-30
- Page
- 7 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 48 ,Die Welt?' Seite 7 keine Wirklichkeit, kaum ein Schein mehr. Ihre Erlangung war, ihre formelle Erhaltung ist nicht das kleinste Opfer wert Das ist das Ergebnis einer hundertjährigen Geschichte. An der Hand ihrer Lehren gelangen wir nothwendig zu einer anderen jüdischen Volkspolitik, die in einem Schlussartikel dargelegt werden soll. Die technische Erschliessung Palästinas.*) XVII. Piatra (Rumänien), 21. November 1900. Sehr geehrte Bedaction! Auch ich bin gerne bereit, der Vereinigung zur technischen Erschliessung Palästinas als Pho.tograph beizutreten, da die Photographie im industriellen Leben der Gegenwart eine wichtige Stelle einnimmt. Vor drei Jahren habe ich circa sechs Monate lang Palästina als Tourist bereist und bin gerne bereit, auch jetzt — wenn es von Nutzen wäre — eine Reise dahin zu unternehmen. Hochachtend und mit Zionsgruss P. Daniel. xvm. Bolechöw, 19. November 1900. Sehr geehrte Redaction! Bezugnehmend auf Ihren werten Aufruf in Angelegenheit der technischen Erschliessung Palästinas, erlaube ich' mir meine Dienste als Fachmann in allen Zweigen der Korbflechterei zur Verfügung zu stellen. Falls dort im Lande spanisches Rohr und Bambus zu haben ist, könnte man einen Export nach Europa wie auch eine Hausindustrie in Korb waren begründen. Wenn dort Weiden sind, könnte auch nach Amerika exportiert werden. Die Korbindustrie könnte unzählige Tausende von Arbeitern beschäftigen und hätte, wie mir scheint, in Palästina gute Aussichten. Vielleicht ist auch das Material, aus dem die chinesischen und japanischen Matten erzeugt |werden, im Lande vorhanden. In der. Korbindustrie verwendet man ferner Palmgeflechte; in Deutschland werden aus solchem Palmgeflecht sehr schöne Luxusgegenstände verfertigt, welche beim Publicum reissenden Absatz finden. Alle die oben genannten Rohmaterialien, mit Ausnahme der Weiden, werden von fremden Welttheilen nach Europa gebracht, und der Bedarf steigert sich von Tag zu Tag, Ich bin überzeugt: Wenn auch nur ein Theil der genannten Materialien in Palästina in genügender Menge vorhanden ist, so hat die Korbindustrie dort eine grosse Zukunft. Für unsere armen palästinensischen Brüder würde die Beschäftigung in diesem Industriezweige eine Wohlthat sein. In Galizien allein gibt es über 20.000 Korbarbeiter, ausschliesslich Christen, welche ein verhältnismässig reichliches Auskommen dabei finden. Schliesslich möchte ich noch bemerken, dass man in Palästina Glasflaschen beflechten körinte, wenn eine Glasfabrik errichtet würde. Mit Hochachtung und Zionsgruss M. Schwarz, Korbwarenerzeuger. XIX. Also Kubin (Ungarn), 27. November 1900. Löbliche Redaction! Ich ersuche Sie höflichst, meinen Beitritt zu dem zu gründenden Verein zur technischen Erforschung Palästinas hiermit zur gefälligen Kenntnis zu nehmen. Ich war 14 Jahre Chefchemiker der bedeutendsten Zuckeiraffinerien Oesterreich - Ungarns, war technischer Leiter-Stellvertreter einer bedeutenden Petroleumraffinerie, habe Praxis in der Spiritusfabrication, kenne die Paragummi- und Kautschukfabrication und bin stets gerne bereit, meine Kenntnisse zur Förderung des Vereines beizutragen. *) Vgl. Nummer 43, 44, 45, 46, 47. In besonderer Hochachtung einer löbl. Redaction ergebener Prof. M. Perl technischer Chemiker, derzeit kgl. Obere Handelsschule. Unser Don Quixote. Aus dem Hebräischen des N. Sokolow („Hazefirah" Nr. 2H5) übersetzt von Dr. L. Kahn. Paris, den 15. November. Der sehr reiche Zucker - Grossindustrielte Lebaudjpflegt jährlich von seinem Palais aus eine Jagd zu veranstalten, zu welcher die Officiere aus Foniainebleau ohne Einladung zu erscheinen pflegen. Als beim letztenmale auch der CupiUin Coblenz unter ihnen erschienen war, Hess der Gastgeber ankündigen, dass die Jagd für diesmal abgesagt Auch wir haben einen Don Quixote. Nur dass der unsere nicht so zum Lachen anregt, wie derjenige des Cervantes. Der unsere neigt vielmehr, wie alles an uns, nach der Seite des Tragischen. Wir wissen nicht, bis zu welchem Grade der spanische Don Quixote. der mit Windmühlen kämpfte, ein Typus seiner Zeit war; der unsere ist gewiss nicht vereinzelt. Er ist eine Gattung; die Gattung jenes Juden, welcher die Periode der Klärung und Läuterung längst hinter sich hat. Man verlangte von ihm, dass er die allgemeinen Schulen besuche, und er besuchte sie. Er beeilte sich, früher in die Schule zu kommen, und pflegte sie auch später zu verlassen, als seine Collegen, welche keine Juden sind. Man verlangte von ihm, dass er sehr fleissig sei und dass er einen besonderen Eifer entwickle, und er war sehr fleissig und entwickelte einen besonderen Eifer. Man sagt ihm, dass sein ganzes früheres Benehmen unvernünftig sei; er ist gehorsam und wirft es von sich. Man räth ihm, sich seinen Religionsgenossen nicht anzuschliessen, da man sonst sagen könnte: „Der Jude mag noch so gebildet sein, er mag sich noch so sehr von der Knechtschaft seiner angewohnten Art befreien, er bleibt doch ein Jude!" Er weicht auch seinen Brüdern aus, so sehr sich sein Herz gerade in dem Augenblicke nach ihnen sehnt. Er reformiert an sich in der Vorhalle herum, um dann in den Palast hineingelassen zu werden. Alle Selbstpeinigung — und es gibt ja keinen grösseren Flagellantismus, als den, bei welchem der Mensch seine eigene natürliche Neigung unterdrückt — alle Unannehmlichkeiten, alle Vorbereitungen, jetzt sind sie endlich vollendet. Nun kann er in den Palast einziehen! Er hat auch ein Zeugnis in den Händen — er hat es nämlich dahin gebracht, von der Regierung das Amt und den Rang eines Hauptmannes zu bekommen — also eine Urkunde, versehen mit dem Siegel des Ministeriums . . . Was will man mehr? Er hat jetzt alles, was er sich selbst erworben. Er hat nichts mehr an sich .von dem, was in der Judengasse war. Ein neuer Mensch, ein neugeborenes Kind, neu und schön ausgestattet, mehr ausgestattet und parfümiert, als die da kommen und vom Verdienste ihrer (arischen) Abstammung gestützt werden. Er hat es aber auch dringend nöthig, besser hergerichtet, mehr ausgestattet und mehr parfümiert zu sein. Er muss ein Ueber-Patriot sein, da er diesen Vorzug haben muss, um den Mangel zu verdecken, der ihm anhaftet, den Fehler der Geburt, die wohl nur seiner Vergangenheit angehört! Nun marschiert er hinein, natürlich nieht als Fremdling, denn ihm ist es gewiss verboten, sich als Fremden anzusehen. Ein solcher Gedanke sogar ist verpönt. Er muss sich instructionsgemäss als Vollbürger betrachten, und er sieht sich als solchen an. Er kommt nun, blickt her, blickt hin, und — Ja, was ist denn das? Seine Brüder, die Mitbürger, mit denen er auf der Schulbank gesessen, denen er sich zugesellt, denen er sich assimiliert hat und deren Lebensweise er mit aller ihm zu