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Die Welt · 1900-11-30 · 48 (30.11.1900) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
48 (30.11.1900)
Article
Die politische Gleichberechtigung der Juden
Date
1900-11-30
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 „Die s£ Welt,8* Nr. 48 haben? Seid Ihr nicht weise genug, um einzusehen, dass Ihr Euren öffentlichen Angelegenheiten starke, kluge, eifrige, fördersame, selbstlose Mitarbeiter zuführt, wenn Ihr uns zur Theilnahme an ihnen heranzieht?" Es ist möglich, dass die Juden mit einer solchen Sprache nichts erlangt hätten. Aber das kann ich nicht als ein Unglück betrachten. Es hätte bloss bewiesen, dass die Völker — nicht wir! — für die Judenemancipation noch nicht reif waren. Wenn sie dies aber noch nicht waren, so konnte auch die Emancipation weder ihnen noch uns zum Heile gereichen. Wenn sie tbatsächlich vor sich gieng, war die politische Emancipation eine Zweideutigkeit oder ein Missverständnis. Die Staatsregierungen fassen sie als einen Pact auf. den sie mit den Juden schlössen und der den Juden eine Pflicht auferlegte, welche sie in ihren Gesuchen auf sich zu nehmen schienen, die Pflicht, in absehbarer Zeit im christlichen Volke aufzugehen. Sie Emancipation sollte ihnen die Erfüllung dieser Pflicht angenehmer und leichter inachen. Den Staatsregierungen ist diese Anschauungsweise nicht zu verargen. Die zogen einfach die Folgerungen aus der Betheuerung der jüdischen Bittsteller, dass sie keine Nationalität seien und sein wollten, und jeden Gedanken an eine nationale Zukunft des Judenthums aufgegeben hatten. War diese Betheuerung ehrlich, so hatten die Juden keine Ursache mehr, Mischehen zu scheuen, sie mussten aus ihrem Glauben alle Vorschriften entfernen, die einzig die nationale Absonderung bezweckten. Ein von allen nationalen Elementen entleertes Judenthum aber ist nur noch ein rationalistischer, kühler Deismus, der vom Unitarismus nicht mein: zu unterscheiden ist und ganz von selbst in ein rationalistisches Christenthum, etwa in das des Protestantenvereines hinübermünden muss. Es fehlte nicht an Juden, die die Emancipation ebenso auffassten wie die Regieningen und an der Auflösung des jüdischen Volkes arbeiteten. Die einen Hessen sich schlankweg taufen. Das waren die logischsten und ehrlichsten. Man darf gegen sie nicht einmal bitter sein, denn es ist ein Unterschied zwischen dem Uebertritt in einer Zeit, wo die Juden völlig frei sind und sich sogar von einer gewissen Sympathie umgeben fühlen und der Fahnenflucht mitten im Verz weithin gskampfe um Ehre und Leben. Die anderen bahnten die Reformbewegung an, mit Abschaffung der hebräischen Gebete, dem Sonntagsgottesdienste, der Ausmerzung aller Anspielungen auf Zion, die den processionellen Auszug aus dem Judenthum mit Banner und Fahre darstellte. Aber die Mehrheit der Juden blieb auch nach der Emancipation das Volk des harten Nackens und wollte nicht verstehen, was ihre Führer mit ihr vorhatten und was ihre christlichen Gönner von ihr erwarteten. Sie blieb jüdisch. Sie heiratete unter sich. Sie betete hebräisch. Sie hielt am Sabbath fest. Sie gieng nicht im christlichen Volke auf. Die Regierungen waren enttäuscht. Sie hatten etwas wie eine dunkle Empfindung, dass die Juden den Emancipationsvertrag an ihrem Theile nicht erfüllt hatten, und entzogen ihnen wieder das Interesse, das sie ihnen einen Augenblick lang auf eine irrige Voraussetzung hin zugewendet hatten. Die Menge aber, die nie aufgehört hatte, antisemitisch zu fühlen, konnte sich nur? von neuem allen Orgien des Judenhasses hingeben. Eine jüdische Minderheit, in der neben wohlmeinenden Skeptikern und kurzsichtigen Opportunisten eitle fctreber besonders häufig waren, hatte die Emancipation mit dem halbdeutlichen Versprechen des nationalen Se'bstmordes erschlichen. Die jüdische Mehrheit löste in der Folge dieses Versprechen nur unvollkommen oder gar nicht ein. Die öffentlichen Gewalten fühlen sich nun ihrerseits der eingegangenen Verpflichtungen ledig. Die Emancipation steht noch auf dem Papiere, aber sie ist tatsächlich zurückgenommen. In der That, was ist von der politischen Emancipation übrig geblieben? Der Jude hat noch das Wahlrecht, aber jede Partei gibt ihm zu verstehen, dass sie seine Stimmen höchstens duldet, jedoch nicht wünscht. Er hat das Recht, gewühlt zu werden, aber er findet keinen Wahlkreis, mit Ausnahme eines socialistischen. (Ich denke hier an Deutschland.) Alle öffentlichen Laufbahnen stehen ihm nach der Verfassung offen, aber es wachsen ihm eher Flügel an den Schultern, als dass er auch nur zum Briefträger, Schutzmann oder Schaffher ernannt würde. Und nun frage ich: was würde sich ändern, wenn man dem Juden das active und passive Wahlrecht nähme oder den Verfassungsparagraphen aufhöbe, der allen Staatsbürgern ohne Unterschied des Glaubens den Eintritt in den Staatsdienst gestattet? Wenn wir weiter fragen: welchen Nutzen hat die politische Emancipation den Juden gebracht, so wird die Antwort nur so lauten können: Die Ueberlieferungen der Vergangenheit rissen jäh ab. Das Band der jüdischen Zusammengehörigkeit wurde gelöst. Das Geschlecht, das in die Emancipation hinein wuchs, hat kein jüdisches Gefühl und Bewusstsein, ja empfindet häufig scharf antisemitisch. Einige jüdische Streber warfen sich auf die Politik, thaten sich durch Rassentemperament, Redegewandtheit und wohl auch bedenkenfreie Geschicklichkeit im Ränkespiele hervor, wurden Führer von Parteien und brachten es zuwege, dass die Parteien, in denen sie marschierten und stritten, in den Augen des Volkes bis in die Knubben discreditiert wurden. Es genügte, dass die Juden sich für eine Partei interessierten, sie unterstützten, um sie rasch und unheilbar zugrunde zu richten. Die Reaction hat den Freisinn und Fortschritt überwinden können, weil das gebildete Bürgerthum ebenso wie die Menge sich vom Fortschrift und Freisinn abwandten, und sie wandten sich von diesen Richtungen nur ab, weil die jüdische Wählerschaft und die jüdischen Politiker sich ihr anschlössen. Schlussergebniss: Die Eniaiicipjdion hat^emige jüdische Parlamentarier grossgezogen, diir"~lrie einen Gedanken, ein Wort für judische Interessen übrig hatten und deren temperamentvolles, nicht selten vordringliches Auftreten den glostenden Judenhass zu wilder Flamme anfachte; sie hat den Freisinn auf lange Zeit hinaus entkräftet und der Reaction aus blossem Judenhasse vveite Volkskreise zugeführt; sie hat die gebildeten Juden gelehrt, ihr Bedürfnis nach öffentlicher Betätigung überall anders als innerhalb des jüdischen Gemeinwesens zu befriedigen; sie hat alle altruistischen Talente den jüdischen Volksinteressen entfremdet; sie hat zu den alten Bedrückungen die neue Demüthigung der brutalen Abweisung an allen Amtsthüren hinzugefügt; sie hat dem Antisemitismus frische Vorwände geliefert und überlässt den Juden vereinzelt und mitten in der Friedensmenge ihrer Wuth, während er vor der Emancipation in geschlpssener Reihe, inmitten der seinigen mit Seiten- und Rückendeckung Widerstand leisten konnte. In den Ländern, wo die Emancipation erkrochen werden musste, weil der Antisemitismus noch zu lobendig war, um Gerechtigkeit zuzulassen, hat sie der Judenschaft in ihrer Gesammtheit gar keinen Nutzen, dagegen schweren, vielfach unheilbaren Schaden zugefügt. Sie ist in diesen Ländern überdies heute

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