Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Article
- Nach der Wahl
- Date
- 1900-11-30
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die $l Welt" Nr. 48 Cultusvorstand hatte oft Gelegenheit, sie kennen zu lernen. Damals mag er die Forderungen der Zionisten als Bagatelle --hingenommen haben. Er hatte ja vor dem Wahltage ein Recht, unseren Anhang zu unter-' schätzon, da wir ihn noch nie zur -Urne geführt haben. Heute hat er dieses Recht nicht mehr. Die Zionisten hahen vielmehr alle Ansprüche einer starken Minorität, deren Zahl und Kraft von Tag zu Tag mit erstaunlicher £clmelligk'.'it wächst. . Gegen diesen bedeutenden Theil des Volkes kann der Cultusvorstand auf die Dauer die Gemeinde nicht lenken wollen. Er darf es nicht thun, wenn er den wahren Geist des Judenthums erfasst. Er wird es nicht thun^ wenn er die Zeichen der Zeit versteht. F. Wir stellen nachträglich fest, dass Herr Dr. Jacob Röhn, der in mehreren Wählerversammlungen sich als Candidat für den Wiener Cultusvorstand vorstellte, in letzter Stunde zugunsten des Herrn Hermann Eltbogen zurücktrat. Das Ergebnis der Wahlen. Von 13.000 Wählern haben etwa 3000 von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Gewählt wurden Dr. Gustav Kohn und Wilhelm P o 11 ak (beide auch von uns als Candidaten aufgestellt), ferner Dr. Alfred Berg er, Heinrich Klinger, Emanuel H o f f m a n n, Dr. Maximilian Steiner und Dr. Alfred Stern. Bezüglich der letzten zwei,Mandate sind die verbündeten Jüdischnationalen Sieger geblieben, da Dr. Leopold Kahn mit Hermann Eltbogen und Isidor G e w i t s c h mit Jacob Strassberg (sämmtlich unsere Candidaten) in die Stichwahl kommen. Der Wahlkampf. Der Wahlkampf wurde von unseren Gesinnungsgenossen mit ausserordentlicher Energie geführt. Selbst die Gegner aber mussten bewundernd anerkennen, dass von unseren Freunden die Würde des Wahlkampfes hochgehalten und dass auch nicht ein einziger Fall einer Wahlunregelmässigkeit constatiert werden konnte, die sich unsere Freunde hätten zuschulden kommen lassen. Wir bedauern, feststellen zu müssen, dass die Gegenseite sich nicht ebenso gehalten hat. Abgesehen davon, dass man nicht die Loyalität beobachtete, auch von unserer Seite eine entsprechende Zahl von Vertretern in die Wahlcommissionen aufzunehmen, wurde mehrfach seitens der officiellen Commissionen, die doch unparteiisch sein müssen, eine Agitation im Wahllocal zugunsten der früheren Mitglieder des Cultusvorstandes entfaltet, was zu mehreren Beschwerden Veranlassung gab, die von zionistischer Seite erhoben wurden. Auch die übereifrige Thätigkeit von Gemeindebeamten und einzelnen allzuhitzigen Freunden des ehemaligen CultusVorstandes musste mehrmals auf das Entschiedenste zurückgewiesen werden. Was die in letzter Stunde veröffentlichten Wahlaufrufe einzelner Körperschaften und Personen betrifft, worin in unerhörter vV'eise" Beschuldigungen und Verdächtigungen-' gegen den Zionismus enthalten waren, so richteten sich diese am besten durch die Thatsache, dass mehrere Mitglieder des CultusVorstandes sich öffentlich dagegen verwahrten, mit diesen hinterhältigen, entweder dummen oder böswilligen Angriffen etwas zu thun zu haben, und dass mehrere Personen und Körperschaften» deren Namen man unter diese Aufrufe gesetzt hatte, erklärten, es sei dies ohne und gegen ihren Willen geschehen. Wir, für unseren Theil, verzichten heute angesichts des grossartigen Erfolges, den wir errungen haben, gerne darauf, alle die Unzukömmlichkeiten vor und während der Wahl einzeln festzustellen und die entsprechende Antwort darauf zu geben. Wir glauben, hoffen zu können, dass Angriffe und Missbräuche in den Formen, wie sie dieser Wahlkampf gezeitigt hat, im Wahlgange der nächsten Jahre nicht mehr Platz finden werden. Nur gegen eine Gruppe, die man für macht- und wehrlos hält, wählt man die Kampfesmittel ohne viel Scrupel. Jetzt weiss man, dass man es mit einem starken Gegner zu thun hat. Alle folgenden Kämpfe werden sich im Zeichen der Loyalität abspielen. Loyalität im heissen Kampfe der Meinungen und Principien — das fördert den Frieden und die Eintracht in der Gemeinde. Wir für unseren Theil sind stolz darauf, diese Loyalität nicht einen Augenblick ausseracht gelassen zu haben. Die Friedlichen und die Ruhestörer. Von Ben-Josef. . Vor mir liegen zweierlei Wahlaufrufe aus.dem letzten, richtiger ersten Kampfe um die Wahl in den Cultus- Vorstand der jüdischen Cultusgemeinde in Wien. Der eine, ein Appell in einem von Juden vielgelesenen öffentlichen Tagblatt, ist sehr pfiffig in letzter Stunde, quasi als Angstruf im Momente höchster Gefahr ausgestossen; der andere, der Zeit nach frühere, ist officiell,- von einigen Vereinen und mehreren Tempelvorstehern gefertigt und ist bestimmt, den vielleicht verführten und von den bösen Ruhestörern beeinflussten Wählern die Augen zu öffnen und eine nicht misszuverstehende Directive zu geben, welchen Gebrauch sie von den Stimmzetteln zu machen haben. Beide Aufrufe sind von einem und demselben Geiste, vom Geiste-der Ruhe und des Frieden s getragen — die concentrierte Friedfertigkeit! Ihr Ton ist die süsse Schallwelle einer sanfttönenden Chama le, welche die balsamische Luft einer Idylle durchschauert Er wendet sich an das Herz, an das Gemüth, ganz der harmonische Klang der göttlichen Eintracht! Kein böses, hartes Wort, keine Verdächtigung, die nur von niedriger Gesinnung und Streitsucht Zeugnis geben könnte, ja nicht einmal der Vorwurf der von den Ruhestörern wirklich begangenen Missethaten, womit man sie sofort vernichten und gegen sie die Leidenschaften der verehrlichen, ahnungslosen Wähler entfachen könnte . . . Man ist eben eine feine Natur. Man legt auch im aufgezwungenen Kampfe nicht die taubenfarbenen Handschuhe ab. Man lässt eben nicht ausseracht, dass man. ja gegen Stammesgenossen, gegen Brüder kämpft. Man braucht sich ja keiner gemeinen Kampfmittel, keiner vergifteten Waffen zu bedienen. Eine gute Sache bedarf keiner unschönen Kampfesweise, wodurch sie nur compromittiert werden könnte. Deshalb nur Milde, Sanftmuth, Frieden und Eintracht. Nicht so die Frevler, die bösen Ruhestörer. Diese schütten Oel ins Feuer, beschimpfen, verlästern Gott und seine Gesalbten, verdächtigen in massloser Weise. Jedes Wort ein Keulenschlag, jeder Ton ein gellender, schriller Fanfarenlaut, der die Gemüther aufregt, die Köpfe brausen macht! Das reine Huronengeschrei der aufgewühlten und grausam entfachten Kriegswuth! Ist es da ein Wunder, wenn einer der eingeschworenen ' Friedensparteiler am Tage der Wahlschlacht einige unschuldige Wähler, die im Begriffe waren, sich in ihr Verderben, das heisst in das Ägitationslocal der vereinigten •Jüdisch-Nationalen und Zionisten zu'stürzen, mit den sanftanheimelnden Worten haranguierte: „Ihr wollt doch nicht zu den Antisemiten gehen; kommts zu den Liberalen!?" Doch lesen wir die Aufrufe selbst! Die Friedensfreunde und Ruhe-Enthusiasten verlautbaren öfficiell: : „Es larf dem Unfrieden, dem Streite um politische Principien, der Gehässigkeit kein Platz in der Gemeindeleitung eingeräumt werden. Es darf der Steuergulden nicht für utopistische Ziele verwendet werden!" Im Aufrufe der Stillen, welche sich nur an Wahltagen in den Anhoncentheil der Oeffentlichkeit zum Schutze des argbedrohten Friedens hinauswagen, wird, natürlich auch ohne Anklagen und Verleumdung, sanft geflötet: „In entschiedener Zurückweisung einer neuen Partei, welche'vorgiebt, die Zukunft der Juden zu sichern, vorläufig aber nur Unfrieden stiftet und den Anti* semiten in die Hände arbeitet ü. s. w."