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Die Welt · 1900-11-30 · 48 (30.11.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
48 (30.11.1900)
Article
Nach der Wahl
Date
1900-11-30
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., TOrkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, EX., Türkenstrasse Nr. 9. zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen and Manuscripte nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag von 3-4 Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heiter. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. ITOICA* Oesterreich-Ungarn: HCiöC. ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., " ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland „ . „___________, halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R-, halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei; Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 DolL 40 Ct Nr. 48. Wien, 30. November 1900. 4. Jahrgang Da mit Ende des Jahres viele Abonnements ablaufen, ersuchen wir um rechtzeitige Erneuerung, damit keine Unterbrechung in der Zusendung erfolge. Nach der Wahl. Die Wiener Zionisten und ihre Verbündeten haben einen grossen Wahlerfolg errungen: Zwei Mandate fielen Mitgliedern des alten Cultusvorstandes zu, die auch wir auf unsere Liste gesetzt hatten, weil sie unseren Betreibungen mit Sympathie gegenüberstehen. Fünf Mandate erhielt sich der Cultusvorstand mit der geringen Majorität von etwa 200 bis 400 Stimmen, zwei Mandate gewannen wir für die Candidaten unserer Liste. Die Wahlen der Bezirksvertrauensmänner für den Cultusvorstand hatten natürlich ein ähnliches Ergebnis. In mehreren Bezirken siegte unsere Liste, in anderen kommen unsere Candidaten mit Aussicht auf sicheren Erfolg in die Stichwahl, in den übrigen Bezirken siegte die officielle Liste mit geringer Majorität. Wenn man die Grösse unseres Erfolges richtig abschätzen will, muss man sich vor allem vor Augen halten, dass die Zionisten zum ersten male in den Wahlkampf traten. Wie vieles hatte doch die „officirlle-4 Partei vor uns voraus! Wir traten auf den Plan, mit nichts anderem ausgerüstet, als mit unserer kraftvollen Idee, die für unsere Candidaten werben sollte. Wie sehr ab»T ist unser zionistischer Gedanke von jeher missverstanden, verunglimpft und entstellt worden! Gegen wie viele Vorurtheile Unkundiger und Böswilliger hatten wir anzukämpfen! Und Schritt für Schritt mussten wir erst die fürchterliche Macht der Gewohnheit und der Tradition überwinden. Der zionistische Gedanke hat seine wunderbare Werbekraft auch diesmal wieder bewiesen. Unsere Gegner im Wahlkampfe haben uns die Sache nicht leicht gemacht. Unkluge Freunde des alten Cultusvorstandes dachten, uns kampfunfähig zu machen, indem sie unsere einzige Waffe, den zionistischen Gedanken, beschmutzten. Aber unser Schwert ist ein gutes Schwert und gefeit gegen alle Unreinheit. Wer wahrhaft Sieger ist, den erkennt man vor allem an der Fähigkeit des Verzeihens. Vielleicht, wenn es nicht so ausgefallen wäre, wie es ausgefallen ist, hätten wir noch manchen Angriff der letzten Wahltage mit rücksichtsloser Schärfe erwidert. Die stärksten Worte wären uns nicht stark genug gewe.-en, um jenen hinterhältigen Ueberfall zu rächen, den einzelne sehr schlau, aber sehr wenig ritterlich in letzter Stunde gegen den Zionismus wagten, aus jenem eigenthümlichen Gefühl der Sicherheit heraus, das alle Angreifer haben mögen, die da wissen, dass der Angegriffene nicht einmal die zeitliche Möglichkeit habe, sich zu vertheidigen. In der Sprache des Duell- Comments nennt man das „ NachhiebWer solch einen ,Nachhieb" schlägt, der hat die Ehre des Säbelganges aufs Spiel gesetzt. Doch die Wahlschlacht ist zu Ende, und unser Gedanke ist stark und rein hervorgegangen aus dem Kampfe. Umso leichter fällt es uns. die Kränkungen der letzten Wahltage zu vergessen. Ruhigen Auges wollen wir nun die Situation überblicken, die sich aus unserem Wahlerfolge ergibt. Beinahe die Hälfte der Wähler hat sich am Sonntag für die Jüdisch-Nationalen entschieden. Gäbe es in der Cultusgemeinde das in manchen Ländern eingeführte 'Proportional-Wahlsystem, so würde uns nach diesem Stimmenverhältnis etwa die Hälfte der Mandate des Cultusvorstandes gebüren. Dabei muss man in Betracht ziehen, dass der Kern unserer Anhängerschaft, die ärmeren Schichten der jüdischen Bevölkerung, nicht wahlberechtigt ist. Wenn nun der Wiener Cutusvorstand wirklich die Repräsentanz der gesammten Gemeinde sein will, so muss er auf die Wünsche und Bestrebungen der Zionisten zumindest jene Rücksicht nehmen; ihren Reformvorschlägen jene Aufmerksamkeit zuwenden, wie sie dem nichtzionistischen Theile d<r Gemeinde bisher zutheil wurde. Der Cultusvorstand hat, wenn auch nicht die juristische, so doch die moralische Verpflichtung, da ein so grosser Theil der Wählerschaft sich für den Zionismus erklärt hat, den zionistischen Bestrebungen näherzutreti n und sich mit ihnen vertraut zu machen, vor allem aber das Cultusgemeinde-Programm der Zionisten zu prüfen und praktisch zu verwerten. Während der Wahlcampagne haben wir unsere Beschwerden und Wünsche laut und entschieden geäussert, und der

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