Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 47 (23.11.1900)
- Article
- Die Geschworenen
- Date
- 1900-11-23
- Page
- 12 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 12 ,Die 2$ Welt4' Nr. 47 Geschworenen oder dem Volke überhaupt einen neuen Anhaltspunkt für den Ritualmordglauben liefern konnte? Hilsner war ein Proletarier wie viele andere, ein arbeitsscheues und weibertolles Individuum zu alledem. Und darum Mörder und Räuber? Jawohl! Warum aber just Ritualmörder, da er doch am allerwenigsten Jude war. Nun denn, es erfüllte sich dennoch an ihm das Geschick des Abtrünnigen. Er wollte ein Czeche werden und wollte dem Judenthum den Rücken kehren. Die aber, zu denen er strebte, hielten ihn nicht für einen Ueberläufer, sondern für einen Spion. Er machte sich verdächtig durch seine Freundschaft für die Feinde. Er war fast ein Ausgestossener und galt doch für einen Sendling. Das war das Jüdische an ihm — gegen seinen Willen. Mit einem Faden hieng er noch an seinem Stamme, und der Faden wurde zum Strick für ihn. Sein ganzer Zusammenhang mit dem Ritus ist jetzt, dass man ihn zum Ritualmörder machte. Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden. Jüdische Frauenerwerb-Vereine. I. Hunderte und Aberhunderte jüdischer Frauen sind ohne Existenz, ohne Erwerb, weil sie ohne Beruf sind. Der Beruf hat in der bürgerlichen Gesellschaft niemal s die Bedeutung gehabt, die er etwa in der idealen Gesellschaft des Bellamy'schen Zukunftsstaates haben soll: er hatte nie dem Einzelnen einen Platz angewiesen, wo er sich seiner seelischen oder geistigen Anlage, seiner Neigung, seiner Befähigung entsprechend an der Production der Gesellschaft betheiligte, sondern der Beruf hat in erster Linie dieGrundlage derExistenz geboten. Der Beruf gibt in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft allemal nur einen Erwerb. Wenn man von dem neben oder sogar im Haushalte betriebenen Kramladen der jüdischen Frau des Ostens absieht, hat die jüdische Frau bis auf den heutigen Tag keinen Beruf und keinen Erwerb. Aber selbst dieser kärgliche Erwerb wird ihnen geraubt. Der jüdische' Kramladen des Ostens — fast ausschliesslich von Frauen betrieben — jenes Sammelsurium aller Bedarfs¬ und Consumartikel für Bürger und Bauer, wurde auf den Aussterbeetat gesetzt. Antisemitismus, Asemitismus und .Judenboykott — schlicht deutsch gesagt: „Los auf die Juden", „Los von den Juden" und „Hunger über die Juden" — haben diesem Berufe den Garaus gemacht. Christliche Consumvereine und bäuerliche Greislereien haben die jüdischen Kramladen völlig verdrängt Spricht man dann noch von einem Berufe der jüdischen Frau, dann hat man nur an das vom Dichter verherrlichte „Walten" im Hause zu denken. Das aber ist kein Beruf im angedeuteten Sinne, weil es kein Erwerb ist. Das ist keineerw erbend e, sonderneineerhaltende Thätigkeit; eine Thätigkeit, durch die das conserviert wird, was ein anderer erwirbt. Und selbst dieser andere, dieser Erwerbende, fehlt heute. Die allgemeine sociale, wirtschaftliche und politische Noth unserer Zeit, erzeugte bei den Juden eine Noth sui generis, die grosse Judennoth. Eine Noth, die einer näheren Schilderung wohl nicht bedarf. Verspüren wir sie doch fast alle am eigenen Leibe, an eigener Seele. Die in diesem Nothstande Lebenden, wenn man es leben nennen kann, vermögen weder ein Heim zu gründen, noch, wenn es einmal doch gegründet wurde, ihre Familie, ihre Töchter zu erhalten, geschweige denn zu versorgen. Die einstige altehrwürdige Domäne weiblichen „Waltens" geht zusehends den jüdischen Frauen verloren. Die jüdische Frau hat also weder einen Beruf im engeren, noch einen im weiteren Sinne. Oder was dasselbe ist: Die jüdische Frau hat keine wie immer g eartete Existenz, keinen wie immer gearteten Erwerb. Die jüdische Frau muss darben und verderben. Dem vorzubeugen ist unsere heilige, ja heiligste Pflicht. Wir müssen die jüdische Frau der declassierten, proletarisierten Volksschichten erwerbsfähig machen, wir müssen den jüdischen Frauen aus diesen Kreisen Erwerbsquellen ersehliessen, wir müssen ihnen Existenz, Arbeit und Brot schaffen. Was Staat, Land und Gemeinde da für uns nicht thun und auch nie thun werden, müssen wir aus eigenen Mitteln schaffen. Ich denke nicht an die kostspielige Gründung jüdischer Haushaltungs-, gewerblicher Fortbildungs-, weiblicher Handels-, Handarbeit-, Näh-, Koch- und anderer speciellen Fachschulen, wie sie in Deutschland, Belgien und anderswo bestehen. Hierzu sind wir Zionisten nicht reich genug. Ich denke bloss an die Gründung jüdischer Frauenerwerbs -Vereine. In jeder, selbst in der kleinsten Gemeinde werden sich noch Männer und Frauen finden, die über gewerbliche und wirtschaftlich-häusliche Fähigkeiten verfügen. Die sollen sich für den Anfang zu einem Vereine zusammenthun und die jüdischen existenzlosen Mädchen und Frauen ihrer Gemeinde in gewerblichen Berufeu unentgeltlich unterweisen und dann unterbringen. So für den Anfang. Die erste jüdische Frau, die auf diesem Wege Erwerb gefunden, die erste jüdische Frau, der wir auf diesem Wege Existenz verschafft haben, wird mit der zwingenden Gewalt des Erfolges für diese Idee werben. Gönner und Spender werden sich melden : ja selbst die Cultusgemeinden werden beschämt mitthun. Der erste jüdische Frauenerwerb-Verein muss nicht wie mit der Wünschelruthe hervorgezaubert, ^die ideale Verwirklichung unserer Träume sein. Auch die Siebenhügelstadt soll, wie sich die Leute erzählen, nicht an einem Tage erbaut worden sein. Seien wir nur beherzt und machen wir den ersten Schritt. Denken wir nur an die Aermsten der Armen, die jüdische arme Frau, dieses Stiefkind des Glückes und der Gesellschaft und — der jüdische Frauenerwerb-Verein ist da. Wer kennt nicht das Sprüchlein: Vor jeder That wohl überleg, Nur vor der W o h 11 h a t nicht Durch die Gründung jüdischer Frauenerwerb-Vereine begehen wir eine Wohlthat in des Wortes edelster und schönster Bedeutung. Wohlan denn. Auf! Ans Werk! Denn wenn irgendwo» so heisst es hier: Rasch gegeben ist doppelt gegeben. Wien. Dr. Jakob Kommer. Spende. An das Congress - Bureau sind vom Zionistenvereine in Capetown als Spende Pf. St 26.4.9 Kr. 630.90 für die rumänischen Emigranten eingelaufen, welche Summe an den Obmann des Hilfs-Comites Doctor Martin Engländer abgeliefert wurde. Der Tabakbau in den jüdischen Colonien in Palästina. Ich möchte hier über einen Zweig der Landwirtschaft berichten, der erst seit kurzem in zwei palästinensischen Colonien, in Rosch Pinah und in M e t u 1 a h, gepflegt wird. Ich meine die Pflanzung von Tabak. Gegenwärtig wird diese noch in ganz kleinem Massstabe betrieben, weil die Regierungsverordnungen einem Grossbetrieb mannigfache Hindernisse in den Weg legen. Wenn aber diese Hindernisse wegfallen werden — wozu Aussicht vorhanden ist — dann wird die Tabakcultur eine der lohnendsten Erwerbsquellen der Colonisten werden. Deswegen dürfte es für die Leser der „Welt" von Interesse sein, etwas über die Art und Weise der Tabakproduction in Palästina zu erfahren. I. Präparierung des Bodens. Im October wird der Boden mit Dünger von Schafen und Ziegen präpariert. Die Schafe und Ziegen lässt man zu diesem Zwecke längere Zeit hindurch auf dein zu bebauenden Boden übernachten. Von der Menge des Düngers hängt oft die Qualität des Tabaks ab. II. Bestellung des Bodens. Es wird fünfmal im Jahre geackert: zuerst vor Beginn der Regenzeit (ungefähr Anfang November), zum