Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 47 (23.11.1900)
- Article
- Die Geschworenen
- Date
- 1900-11-23
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 47 JMe # Welt' Seite U Volksseele wissen, dass sie für unverständliche Vorgänge, die sich jahraus jahrein vor aller leiblichen Augen oft recht auffällig vollziehen, eine geheimnisvolle Erklärung sucht. Und dass sie dabei auf das Allergrausigste verfällt, liegt gleichfalls im Wesen dieser Phantasie. Die kleine Stadt aber ist just der günstigste Boden für derlei Aberglauben. Man wird nicht weit fehlgehen, wenn man annimmt, dass dem kleinstädtischen Christen der Jude vielleicht in dem gleichen Grade als etwas innerlich fremdes erscheint, wie dem westeuropäischen Grossstädter ein Türke oder Japaner oder Chinese, der unsere Sprache erlernt hat. Der Grossstädter aber hat sich das Staunen abgewöhnt und geht achtlos an allem Fremden vorüber. Der beschränkte Raum der kleinen Stadt aber, ihr Handel und Wandel bringt Juden und Christen in beständige äusserliche Berührung. Der Christ sieht Tag für Tag in ein Getriebe, deren bewegende Kräfte ihm ein Geheimnis bleiben- Das reizt ihn zum Suchen. Und je weniger er sieht, desto mehr wird er rathen; wenn er Wahres nicht weiss, beginnt er Falsches zu glauben. So ist der Boden vorbereitet. Die jüdische Religion ist ein Ergebnis des nationalen Lebens, aber das nationale Leben ist wieder ein Product der Religion. Und da nun zur Erklärung der „socialen Erscheinung", die wohl nicht der Ritualmord, aber wohl der Ritualmordglaube ist, das Leben der Juden herbeigezogen wurde, soll nicht ungesagt bleiben, dass zur Entstehung dieses Glaubens auch der christliche Cultus unbeabsichtigt beiträgt. Die Volksseele denkt, ohne dass man ihr die Gedankengänge vorschreiben könnte. Aber es ist natürlich, dass sie die bequemsten Wege benützt. Und man weiss, dass in seinem Bedürfnis nach Causalität der Mensch die schlechteste Erklärung acceptiert, wenn er sonst vielleicht gar keine fände. Die Geschichte der Wissenschaften hnt Dutzende von Beispielen dafür. Wie hat man doch für unsere Erde kämpfen müssen, ehe sie — rund sein durfte. Der nächstliegenden Erklärung, die am wenigsten Kopfzerbrechen macht, schliesst sich die Mehrheit immer an. Je mehr bekannte Elemente sie enthält, desto plausibler ist sie. Ist es dr. nicht der bequemste Weg, wenn der Christ in den Gedankenschatz der eigenen Religion greift, um eine fremde zu erklären? Die Communion. die Ceremonie. die an den „Leib des Erlösers", an das „Blut des Herrn" anknüpft, enthält Gedankenelemente, die in Köpfen mit viel Phantasie und wenig controllierender Logik den Glauben an die Verwendung von Blut zu rituellen Zwecken hervorzurufen oder doch ihre Entstehung zu 'fördern vermag. Diese Ideenassociation ist in ihrer Entstehung fast so einfach, wie sie in ihren Folgen verderblich ist. Wenn man jetzt noch von der eigenthümlichen Stellung der Juden im Wirtschaftsleben dieser kleineren Genieindewesen sprechen wollte, würde man zu sehr auf die Gründe des Antisemitismus im allgemeinen kommen. Und hier sollte doch nur ein Ausschnitt aus dem grossen Kreise beleuchtet werden. Immerhin mag man, wenn man noch eüie weitere Reihe von Erscheinungen als Grund des Antagonismus gegen das jüdische Element in der Provinz anführen will, der Thatsache Erwähnung thun, dass die Mehrzahl der Juden dort draussen ihren Erwerb im Zwischenhandel sucht und findet. Der Jude verkauft Dinge, die der andere consumiert oder er kauft solche, die jener jtroduciert. Käufer und Verkäufer aber sind bei jedem Geschäfte Partei und so wird es nicht schwer, die Landbevölkerung zu überzeugen, dass sie, ob Geber oder Nehmer. in jedem Falle im Nachtheile sei. Dies ist, knapp angedeutet, das wirtschaftliche Verhältnis zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung in den kleinen Städten-der Provinz, und diesem Verhältnisse entsprechen die Beziehungen der Gemüther. Es ist nöthig, alles das zu bedenken, wenn man die Abnormität des Wahrspruches der Geschworenen begreifen will. Es ist schon oft vorgekommen, dass die Geschworenen jemand freisprachen, den nach dem Wortlaute des Gesetzes gelehrte Richter vielleicht verurtheilt hätten. Und diese Tendenz liegt ja eigentlich in dem Institute der Geschworenengerichte. Männer „aus dem Volke", aus dem gleichen Lebenskreise und mit ähnlichen Interessen sollen beurtheilen, ob jemand und wie weit er von dem geraden Wege abgewichen sei. Die That soll verstanden sein, damit sie verziehen werden könne. Nicht Juristen mit ihrem feineren Gefühle für jede Abirrung vom vorgeschriebenen Pfade sollen strafen, vonseinesgleichen soll jedermann gerichtet werden. Das ist ein Gedanke, der sich schon im ältesten Rechte findet und im modernsten wiederkehrt. Dass bei den alten Deutschen wie bei den Römern die „Territorialität des Rechtes" galt und jeder nach dem Rechte seines Landes verurtheilt wurde, ist zum Theile ein Ausdruck dieses Gedankens. Noch klarer tritt er in der Bestimmung hervor, dass in Deutschland jedermann bloss von den Genossen seines Standes verurtheilt werden durfte. Noch heute stellen sich die Soldaten in Strafsachen bloss den Militärgerichten : dass sie es thun, weil man ausserhalb ihres Kreises ihren Begriff der Ehre nicht kenne, scheint uns freilich ein Ueberbleibsel aus einer vergangenen Zeit. Denn an die Stelle der „Ehre" und des „Standes" tritt heute zur Begründung solcher Sondergerichte der realistischere Begriff des Interesses. Die Gemeinsamkeit der Interessen schafft den Stand und die Classe. Und von diesem Standpunkte aus sind gerade die modernsten Einrichtungen im Gerichtswesen und im Rechtsverkehre der entwickeltesten Organisationen und der feinfühligsten wirtschaftlichen Institutionen zu verstehen. Die Börse hat ihr eigenes Schiedsgericht, das Handelsgericht hat seine Laienrichter und im Gewerbegerichte sitzen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Kenntnis der Lebensbedingungen, aus denen ein Rechtsverhältnis herausgewachsen ist, wird überall als eine nothwendige Eigenschaft des Richters angesehen. Es soll dem Richter wirklich möglich sein, „Herzen und Nieren zu prüfen," ehe er seinen Spruch thut. Er soll gleichsam von allen Seiten die Leute und die Dinge sehen können, über die er richtet. Dies gilt heute schon, wo es sich um Geld und Geldeswert handelt, um wie viel mehr muss es gelten, wo es um Ehre und Leben geht. Dies ist der normale Sinn der Eüirichtung des Geschworenengerichtes. Und es erfüllt seinen Zweck vortrefflich, das Gefühl des Mitleids mit dem Angeklagten oder das der Erbitterung gegen ihn wird sich bei den zwölf Männern wohl meistens zur rechten Zeit einstellen und ihr Urtheil mitbestimmen. Doch wie wars im Falle Hülsner? Die Geschworenen gehörten nicht dem Kreise des Beschuldigten an, der ihn verstehen soll, sondern dem anderen, dessen Kennzeichen es gerade ist. dass ihm das jüdische Leben ein Räthsel ist. Und da man ihm eine Lösung für dies Räthsel zeigte, das dessen Geheimnis zu erhellen schien, da griff er's mit Begierde auf. Für einen Mord sucht man sonst beim Thäter ein Motiv. Hier hatte man einen Mord. Man hatte, was man sonst erst suchte, ein Motiv. Fehlte noch der Thäter. Der Thäter musste zum Motive passen: also inusste er ein Jude seiu. Und so stand bei ihnen von vornherein nicht die Frage nach Ja oder Nein, sondern es wurden bloss Beweise für das Ja gesucht. Es war. wie wenn ein Theolog die Frage nach dem Dasein Gottes unbefangen untersuchen sollte. Er weiss, dass er den Ast abschneidet, auf dem er sitzt, wenn sein Ergebnis ein Nein sein sollte. Deshalb weiss er das Ergebnis voraus. Und er sucht Beweise für das Dasein Gottes. Und jetzt ist noch die Frage: Lag etwa iu Hülsners Person etwas, was speuifisch jüdisch war und dadurch d