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Die Welt · 1900-11-23 · 47 (23.11.1900) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
47 (23.11.1900)
Article
Die politische Gleichberechtigung der Juden
Date
1900-11-23
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 ^Ditg s> Welt^ Nr. 47 die bis jetzt von den politischen Rechten und der Fähigkeit, Landbesitz zu erwerben, ausgeschlossen war. Wenn man für diese Aenderung nur der Vernunft Gehör schenken würde! Aber Sie wissen sehr wchl, wie schwierig es ist, bei einem jungen Volk ohne Ueberlieferungen mit Voraussicht zu handeln. Die wahren rumänischen Patrioten bemühen sich nach Kräften, eine Lösung zu erlangen, die zugleich den Landesinteressen entspreche und für eine fremde Rasse menschlich sei. Zum Zwecke der Erleichterung einer derartigen Lösung erbittet sich die „Noua Revista Romäna", die verbreitetste Zeitschrift Rumäniens, abgesehen von ihren eigenen Kräften, die wertvolle Mitwirkung aller hervorragenden Denker Europas. Mein Herr! In Anbetracht des Ansehens Ihres Geistes sind wir überzeugt dass Ihre Meinung, wenn sie erst in Rumänien bekannt ist, ein mächtiger Beitrag zur Erlangung der gewünschten Lösung sein wird. Ganz Europa ist immer gewohnt, Ihren grossen Geist sich mit allen bedeutenden Tagesfragen beschäftigen zu sehen: deshalb richten wir heute einen warmen Aufruf an Ihre aufrichtige Meinung. . Würden Sie den Rumänen rathen, den Juden eine vollständige Gleichheit der bürgerlichen und politischen Rechte zu gewähren? Genehmigen Sie gütigst, mein Herr, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Gefühle und meiner hohen Dankbarkeit. Der Leiter der Revue: Dr. C. R. Motru, Professor an der Bukarester Universität." Auf diese Zuschrift, deren stellenweise recht unbeholfene Fassung auf die mangelnde Gewohnheit des Verfassers, französisch zu schreiben, zurückzuführen ist, gab ich folgende, in der „Revueabgedruckte Antwort: (Ueberselzung aus dem Französischen.) „Herr Director! Sie haben die Güte, mich zu fragen, ob .„ich den Rumänen rathen würde, den Juden die vollständige Gleichheit der bürgerlichen und politischen Rechte zu gewähren Vuii Nun denn, ich antworte Ihnen ohne Zögern: Nein, ich würde es Ihnen nicht rathen, wenigstens für don Augenblick, und zwar in Ihrem Interesse, ebenso wie in dein der Juden, meiner Brüder. Man muss zwischen den bürgerlichen und politischen Rechten scharf unterscheiden. Es ist klar: die bürgerlichen Rechte Einwohnern zu verweigern, die im Lande geboren sind, dort alle ihre Interessen haben, alle üire Freuden und Heimsuchungen theilen, alle Steuern, die Blutsteuer inbegriffen, entrichten, mit allen ihren Kräften an seinein Gedeihen arbeiten, ihm glänzende Dichter und ausgezeichnete Gelehrte geben, die bürgerlichen Rechte einem solchen Bestarudt heile der Bevölkerung zu verweigern, ist ganz einfach — ich nehme kein Blatt vor den Mund - — eine Niederträchtigkeit; es ist eine Barbarei, die Ihrer Gesittung eine Schmach zufügt und in keinem anderen Lande Europas ihresgleichen hat: es ist ein Verbrechen an der Menschheit, das schon vor mehr als 2400 Jahren die Athener nicht begehen wollten, da sie das R.echt der Metöken. der;jiTo:/.o:, schufen, deren gesetzliche Stellung ungleich höher war, als die der unglücklichen Juden Rumäniens. Mit den politischen Rechten dagegen verhält es sich anders. Wenn Sie sie Ihren Juden heute zusprechen würden, so würden Sie ihnen ein verhängnisvolles Geschenk machen. Das Land ist für diese letzte Gerechtigkeit nicht vorbereitet. Damit sie wirklich heilsam sei, muss sie von der christlichen Bevölkerung als eine Nothwendigkeit begriffen und gefühlt werden, muss der angriffslüsterne Antisemitismus das ausschliessliche Sonderfach einer blossen Minderheit von Strolchen als Anführern und Dummköpfen als Angeführten geworden sein, darf der Rumäne seinen jüdischen Nachbar nicht mehr als Fremden und Eindringling betrachten, dessen Theilnahme an seinem eigenen Volksleben, an seiner Verwaltung, an seiner Rechtspflege, an seiner Truppenführung, an seiner Regierung ihm als eine unerträgliche Beleidigung erscheinen würde. So lange diese Vorbedingung nicht erfüllt ist. so lange ist die politische Gleichberechtigung der Juden ein Selbstbetrug und eine Gefahr. Denn wenn ihr nicht das Erlöschen oder mindestens Einschlummern des Erbhasses voraufgehl, so tritt unfehlbar dieses ein: Entweder bleibt die Gleichberechtigung eine Theorie, die von der Praxis Lügen gestraft wird, die in das Gesetzbuch eingeschrieben ist, von der aber das Leben nichts weiss, dann hat sie keinen Wert für die ernsten Juden und gewährt höchstens einigen wenig interessanten Wichtigthuern eine Eitelkeitsbefriedigung. Oder die Gleichberechtigung wird elirlich durchgeführt, die Juden können wirklich alle Staatsbürgerrechte ausüben, sich in die Politik stürzen, an der Wahlagitation theilnehmen, in die Landesvertretung eintreten, öffentliche Laufbahnen einschlagen, dann erhält der Antisemitismus eine so reiche Nahrung, dass v_er sich ungeheuerlich entwickelt. Man kann keine concrete Politik treiben, ohne sich einer Partei anzuschliessen. Nun denn: ein Candidat bei den Parlamentswahlen, der einen Juden zum Wettbewerber hätte oder dessen Wettbewerber mehr jüdische Wähler für sich hätte als er; ein Ministerium, das von jüdischen oder mit Judenstimmen gewählten Abgeordneten bekämpft werden würde; eine Opposition, die eine sich auf ein Judenvotum stützende Regierung anzugreifen hätte, würde sicher nicht unterlassen, sofort mit der Kriegsmaschine des Antisemitismus herauszurücken. Sie ist so bequem zu handhaben und von so sicherer Wirksamkeit! Bedenkenfreie Berufspolitiker würden dann mehr als je den Hass des Volkes gegen den Juden aufpeitschen, der Jude hätte ganz allein die Kosten von Lumpen- Volkstümlichkeiten und schmachvollen politischen Erfolgen zu bestreiten; er würde mehr als je beschimpft, verleumdet und gehetzt werden, denn es hätten ja mehr und cinflussreichere Leute ein Interesse, es zu thim: der xVntisemitismus würde der eine grosse Hebel der Politik werden und die Parteien und Regierungen jeder Notwendigkeit eines Programmen entheben, da er für sich allein genügen würde, um ihnen die Menge zuzuführen. Endergebnis : für Sie, Vergiftung' des politischen Lebens, Stillstand jeder ernsten Entwicklung, eine Prämie für die allerniedrigsten und verbrecherischsten Aufwiegler, intensive Erziehung der schlimmsten Triebe des Volkes, Bankbruch des Fortschrittes und der Ehrlichkeit im öffentlichen und unabwendbar auch im privaten Leben; für die Juden eine Lage, deren Gräuenhaftigkeit im einzelnen auszumalen unnöthig ist.

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