Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Article
- Die Consequenz
- Date
- 1900-11-09
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 45 sehr wohl klar darüber, dass, was wir Judenthum, nennen, in allen Theilen thatsächlich eine innige Verbindung von nationalen Erinnerungen und jüdischem Volksthum mit einer bestimmt gearteten religiösen Ueberzeugung sei. Nachdem aber in jahrzehntelanger Arbeit sich das nationale Element aus dem Judenthum verflüchtigt hat, nachdem die Babbiner alles rein Jüdisch-Nationale aus dem Judenthum herausreformiert haben und, was schlimmer, aus dein Bewusstsein der deutschen Judenheit, — kann und darf da die jüdische Confession ein Hindernis sein, an den grossen Geisteskämpfen des deutschen Volkes voll und ganz als Deutscher mitzuwirken? Sie darf es nicht, sagt Levita! Und sie braucht es nicht! Aber wäre die Taufe ein Gewissensbruch? Heut' nicnt mehr. Das Christenthum hat sich in den letzten Decennien enorm entwickelt. Der Dogmatismus der alten Orthodoxie, die an den Verstand gar zu starke Zumuthungen stellte, hat durch die. erfolgreiche Arbeit von R i t s c h 1 und dessen Schülern, zumal von Harnack, eine ganz neue Auffassung des Christenthums vorbereitet. Wie sie es gereinigt haben, stellt es sich heute fast als ein Wiedererwachen des Urchristenthums dar. Christus ist nicht mehr der Gottessohn. Er ist es nicht mehr, als es jeder Mensch ist. Aber er ist ein heiliger, ehrlicher, liebebeseelter Reformer, dessen Ethik vertieft und ausgebaut hat, was tief im Judenthum lag. In diesem Punkte geht Levita zu weit. Indessen ist die recht unglücklich motivirte Superiorität der christlichen Moral, durch sehr zweideutige Beweise gestützt, ihm nicht das Wesentliche. Das sind doch im besten Falle nur Unterschiedsnuancen. Und weil es diese sind, so sollte uns das Judenthum festhalten? Levita ist religiös nicht indifferent. Im Gegentheil: „Wir haben entschieden religiöse Bedürfnisse: das Bedürfnis, über diese Erdenwelt hinauszudenken; das Bedürfnis, einem sittlichen Ideal nachzustreben; das Bedürfnis, religiöse Erinnerungen ehrfürchtig zu pflegen." Es kann keinem Zweifel unterliegen : Wer sich nur religiös ausleben will, der kann es in allen Confessionsformen thun, als Fetischist so gut, wie als Buddhist, wie als Christ und Jude. Der Schwerpunkt im Glauben liegt nun einmal nicht im „W as". sondern im „W i e", wenn die Religiosität nicht eine rationalistisch verbrämte und gestützte Concession an den Verstand, sondern jenes undefinirbare, selbstverlorene Versinken in eine reiche göttliche, traumhafte Stimmungswelt ist. Das Herumstreiten um den Wert der einzelnen Religionen ist ein müssiges Treiben. Jeder Mensch legt in seine Religion eben alles das hinein, was ihm an ethischen Werten, an Hoffnungen, die über das Grab hinaus ziehen, an Ergebenheit in den Willen des Weltenleiters oder in das gesetzmässige Schalten der Naturkräfte wert und gross erscheint, Verstand und Gemüth auszufüllen. Nun aber, meint Levita, sehen wir, wie tief im deutschen Volke trotz allen Leugnens die religiösen Empfindungen wurzeln. Der Weihe und dem duftigen Zauber christlicher Bräuche kann sich keiner entziehen, zumal wem jüdische Sitte, allen specifisch-nationalen Charakters entkleidet, fremd geblieben oder nur in kalten oder entstellt-hässlichen Formen bekannt ist. Wenn auch die heutige Generation sich noch an gewissen Ueberzeugungsdogmen die Zähne zerbeissen wird, „unsere Kinder werden aber Christen sein", um theilzunehmen an der gewaltigen Geistesschlacht, die jetzt im deutschen Volke ausgefochten wird. * Es war der Simchas-Thora-Abend, als ich diese Levita- Abhandlung zuerst las. Ich hatte zuerst die Neue Synagoge besucht (ich drücke mich mit Willen so ceremoniell aus) und sah, wie man im Trauermarsch, mit einexercierten Schritten die Thora einmal kalt, todt, regungslos-feierlich um ein Schiff trug. Dann gieng ich ins Chassidimstübel. War.da ein Leben! Alles sang und tanzte und jubelte um die Rolle herum, zwanzig, dreissig, vierzig Mann fassten «inander an, und nun giengs im Tanze, begleitet vom rhytmischen Händegeklatsch der übrigen, mit Spreche^ Singen und Juber und Verzücken um den' Almemor herum. Es war eine wilde, ungezäumte Freude, die an mir vorüberjauchzte. Mir standen die Thränen in den Augen — ich bin nun mal so sentimental — war es auch Freude? War es Schmerz? Ich glaube: das Letzte. Ich dachte an die Neue Synagoge. Ich sah die Enkel dieser nach Berlin verschlagenen galizianischen und polnischen Brüder erkaltet in dem grossen Eiskeller, der sich moderne jüdische Kirche nennt. Seit hundert Jahren arbeiten die Leiter des Judenthums in Deutschland an seiner Vereisung. Die Knabenschule der Berliner jüdischen Gemeinde ist eigens zu dem Zwecke gegründet worden. Man wollte rationell zu Wege gehen: die Jugend sollte entjudet werden. Noch heute gibt es in dieser Schule kein jüdisches Buch in den Schüler- Bibliotheken, kein jüdisches Buch als Prämie. Ich habe die Schule selbst durchgemacht und weiss, dass ich zehn" Jahre gebraucht habe, um mein Judenthum, das Judenthum der Sehnsucht, des Feuers und der Volkshoffnung wiederzufinden. Oftmals fragte ich selbst die 13jährigen Schüler: „Weisst Du was von Palästina", und ich hörte die Antwort: „Ja, das ist so eine Stadt". Und als der jüdische Turn-Verein „Bar-Kochba" um die Turnhalle bat, die der Magistrat gern zur Verfügung stellte, da hiess es: „Bar- Kochba" — das erinnert an das flammende Schwert, wir aber sind für die Liebe. Man denke, wie David Friedlaender einst vorschlug, in seinem Rundschreiben an den Probst Teller : Die Christen sollen etwas ablassen von ihren Dogmen. Die Juden würden sich dann auch reformieren und dann sei die Verschiedenheit aufzuheben. Das Christenthum hat sich wenig gewandelt; es hat heute wie ehedem alle Schattierungen des Glaubens umschlossen; die Nachkommen aber der grossen Männer in Israel, von Mendelssohn angefangen, sind längst im Christenthum untergetaucht. Aber auch heute will die Reformerei nicht ruhen. Wenn uns auch von den Kanzeln heruntergelogen wird, dass wir nur Bekenner des einzigen Gottes sind, in Wahrheit wissen jene Verdreher sehr gut, dass die Entnationalisierung unseres Volkes noch nicht vollendet und geglückt ist. Neuerdings ist ein Lehrbuch der jüdischen „Theologie" erschienen. Zwei Theile sind bereits losgelassen. In der „Homiletik" wird gelehrt, wie der Rabbiner von der Kanzel herab ethisieren soll. Selbst an Chanukar soll nur gesprochen werden über die allgemeinsten Themen: Die Begeisterung verleiht Stärke und Sieg; Für den Ewigen gibts kein Hindernis. Was steht höher: Wahrheits- oder Schönheitssinn. Und so weiter ohne Grazie. Alles angethan, den Beter mit allgemeinen Phrasen zu erfüllen, die wie Wind an uns vorüberrauschen und ebenso in einer Moschee, einer Kirche oder Versammlung der Heilsarmee ihren „Zweck" erfüllen. Und in der „Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes", da wird gewettert gegen die hebräische Sprache und gefordert, dass alles Nationale, alle Grossthaten unserer Ahnen in der Geschichte übergangen werden müssen, und nur die Momente den Kindern verrathen werden dürfen, die die Entwicklung der religiösen Idee im Judenthum gefördert haben. Man muss derartige Werke lesen. Der dritte Theil der die Liturgie geben wird, stehtnochaus. Der vierte Theil aber ist bereits erschienen — das ist der Aufsatz des Herrn Be nedictus Levita, der dieConsequenzen ziehtl Aus dem Problem Moses Mendelssohns: Wie kann das altüberlieferte Judenthum mit der Cultur der Neuzeit imprägniert