Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Article
- Ein Allgemeiner Deutscher Judentag
- Date
- 1900-10-26
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 43 „Die & Welt" Seite 3 Religion geborgen für die Ewigkeit; mit der Neubelebung des nationalen Gedankens hat auch der religiöse Gedanke neuen Schwung und frische Kraft gewonnen .. . Unsere Gegner, ganz besonders die Gegner in unserer eigenen Mitte, sagen gewöhnlich: Ihr möchtet gerne eine besondere, allen anderen Nationen gleich geachtete Nation sein — wo habt Ihr denn Euer Land? Nalionalität ohne territorialen Rückhalt ist nicht gut denkbar. Ob das richtig ist, das soll noch dahingestellt bleiben. Jedoch auch damit können wir dienen. Wir haben ein Land, wir haben das Land unserer Väter, und unser eifrigstes Bestreben geht dahin, in diesem Lande für das jüdische Volk, vorzugsweise für alle diejenigen, welche keine gesicherte Heimat haben, eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte zu schaffen. An diesem Gedanken und an diesem Lande haben wir einen so mächtigen Rückhalt für unser Nationalitätsbewusstsein wie kein Volk der Welt. Wie steht es nun thatsüchlich mit dem Vorschlage des Herrn Prof. Philipp söhn? Ist derselbe hervorgegangen aus dem belebenden Odem des jüdischen Volksbewusstseins? Wir sind geneigt, die Frage zu bej ahen. Spricht er doch selbst zu Anfang seiner Kundgebung von der „alterprobten Thatkral'c und Elasticität des eigenen Volksstammes". Der Unterschied der beiden Worte Volksstamm und Nationalität ist wohl kein grosser. Spricht er doch im selben Sinne und Geiste uns zu, „dass wir Selbstgefühl und Festigkeit wieder gewinnen, dass wir, anstatt bettelnd und klagend hinter anderen herzulaufen, uns wieder auf unsere eigenen Füsse stellen". Zudem ist ja Philippson ein echter Geschichtsforscher, ein rückwärts schauender Prophet —, und so gut wie alle die anderen Völker, kennt .er auch sein eigenes Volk — was es war, was es ist und sein wird. Einem solchen Manne dürfen wir wohl zutrauen, rdass er bei Veröffentlichung eines solchen Vorschlages vom lebendigen und fortbestehenden Volksgeist und Nationalitätsgedanken beseelt war. Zum Schlüsse wollen wir noch geltend machen: Ist der Vorschlag des Herrn Professor Philippson vom jüdischen Nationalgeiste, das will sagen und bedeuten vom Geiste des Zionismus eingegeben — gelangt der Vorschlag, einen Allgemeinen deutschen Judentag ins Leben zu rufen, in diesem Sinne und Geiste als zionistische Veranstaltung zur Ausführung — dann wird er bestehen und sein Ziel erreichen; geschieht das nicht, so wird er im Sande verlaufen, wie alle die anderen dergleichen Vorschläge und Veranstaltungen. „Zion wird durch Recht befreit und wiederhergestellt durch Gerechtigkeit", und Zion ist darum das Panier und die Losung, um Recht und Gerechtigkeit zu erlangen. Epilog zum Pariser Socialisten-Congresse. Wir erhalten von Herrn Nathan Gross in Wien nachstehende Zuschrift: Sehr geehrte Redaction! In der letzten Nummer der „Welt" wurde das Verhalten des Pariser Socialisten-Congresses in der Judenfrage gebürend gebrandmarkt. Zur theilweisen Entschuldigung der nichtjüdischen Socialisten gestatte ich mir jedoch, darauf hinzuweisen, dass als seinerzeit auf dem Brüsseler internationalen Socialisten-Congresse von christlicher Seite eine gegen den Antisemitismus gerichtete Protest-Resolution eingebracht wurde, die Juden Dr. Victor Adler aus Wien und Paul Singer aus Berlin es waren, welche gegen die Annahme jener Resolution mit der Begründung auftraten, dass der Antisemitismus eine Sache der Bourgeoisie sei. Diese jüdischen Socialistenführer, die aus der Gross-Bourgeoisie hervorgegangen sind, kennen, da ihnen das jüdische Gefühl abgeht, die Judennoth eben nur von den Unannehmlichkeiten, die durch antisemitische Schimpfereien und Schmähungen hervorgerufen werden. Der furchtbare Kampf des jüdischen Arbeiters und Kleinbürgers, in neuerer Zeit sogar der jüdischen Intelligenz, gegen denBoycott ist diesen Fanatikern gänzlich unbekannt. Erklärte doch der getaufte Dr. Adler, auf dem IV. österreichischen Parteitage einem jüdischen Socialdemokraten gegenüber wörtlich: „ . .. Aber das soll uns Genosse B r o d nicht einreden wollen, dass die Judenfrage eine Frage des jüdischen Proletariats sei." Zwar konnten die Herren durch die rumänischen Judenverfolgungen eines Besseren belehrt werden, aber wie sollte der Congress gegen jene Verfolgungen protestieren, an denen die rumänischen christlichen Arbeiter redlich Antheil nahmen. Da wäre doch das Märchen von der Immunität des Arbeiters gegen den Antisemitismus gründlich jserstört worden. Ist es doch bekannt, dass die rumänischen Arbeiter die Judenviertel ausplünderten und die jüdischen Arbeiter mit Knütteln von den Arbeitsplätzen verjagten. Vor längerer Zeit fand ich in einer Nummer des seither selig entschlafenen socialdemokratischen Jargon-Blattes aus dem Jahre 1896 einen Artikel, in welchem sich ein jüdischer Socialdemokrat ausBucarest namens Schülern Edelstein — derselbe wurde inzwischen aus Rumänien ausgewiesen—über die rumänischen Socialistenführer wie folgt beklagt : Die christlichen Arbeiterführer in Rumänien verlangten von den jüdischen Arbeitern, dass sie die christlichen Arbeiter im Kampfe um das allgemeine Wahlrecht unterstützen mögen, worauf die jüdischen Arbeiter sich unter der Bedingung hiezu bereit erklärten, dass auch für das Wahlrecht der rumänischen Juden gekämpft werde. Die christlichen Socialistenführer erklärten jedoch, darauf nicht eingehen zu können, weil — sonst auch die jüdischen Bürger in den Besitz des Wahlrechtes gelangen würden und Socialisten doch nicht für das Recht von Bourgeois kämpfen dürfen!! Man sieht, dieselbe Argumentation, wie wir sie am Beginn der DreyfussAffaire so oft in der Wiener „Arbeiter-Zeitung" und in anderen von jüdischen Socialdemokraten geleiteten Blättern vorgefunden haben. Der Socialisten-Congress wollte sich also offenbar nicht dem Widerspruch der rumänischen und anderer „Genossen" aussetzen, die wahrscheinlich eingewendet hätten, dass ja ein Protest gegen die Judenverfolgungen auch den verfolgten jüdischen Bürgern zugute käme . . . Ich bin jedoch trotz allem überzeugt: wären auf dem Congresse wirkliche jüdische Arbeiter und nicht gewöhnliche Amateur-Soctalisten zugegen gewesen, die Haltung des Congresses wäre eine andere gewesen. Ein Brief Max Nordaus. Wir erhalten folgende Zuschrift : Sehr geehrter Herr Redacteur! Auf einer dringend nötliig gewordenen Erholungsreise in Italien erreicht mich der unbestimmte Widerhall von Rufen des Unmutiis, ja Zornes, die ein Aufsatz von mir in der „Noua Rivista Romana" in Bukarest bei unseren Brüdern in Rumänien, auch bei unseren zionistischen Gesinnungsgenossen, hervorgerufen haben soll. — Ich werde nicht verfehlen, auf diese Rufe die angemessenen Antworten zu ertheilen. Es handelt sich um eine grundsätzliche Frage allerersten Ranges für die gesammtjüdische Volkspolitik, die ich in der rumänischen Revue besprochen habe und die ich gerne zur allgemeinen Erörterung gestellt sehe. Sowie ich wieder nach Paris zurückgekehrt und im Besitze des erforderlichen Urkundenstoffes bin, werde ich mit Ihrer gütigen Erlaubnis zunächst meinen Aufsatz, der unseren rumänischen Brüdern Aergernis bereitet haben soll, den Lesern der „Welt" vorlegen und daran die weitere Begründung des Standpunktes knüpfen, den ich eingenommen habe. Schon jetzt möchte ich aber feststellen, dass nuMti Aufsatz für die „Noua Rivista1eine streng persönlich*? Arbeit war, die ich ohne Berathung oder Rücksprache mit irgend jemand geschrieben habe, die nur meine eigenen Anschauungen ausdrückt und für die ich allein verantwortlich bin. Wenn also einzelne Zionisten in Rumänien sich in ihrer Verstimmung g^gen den Zionismus wenden, wenn sie meinen Aufsatz, der ihnen missfällt, dem Zionismus aufhalsen und sich so weit vergessen, dass sie erklären, mein Aufsatz habe «dem Zionismus in Rumänien einen schweren Schlag versetzt", so zeigen sie nur, entweder dass augenblickliche Aufregung ihr Urtheil verdunkelt, ihr Gerechtigkeitsgefühl abgestumpft hat, oder dass sie niemals wirkliche Zionisten gewesen sind. Denn für einen wirklichen Zionisten ist der Zionismus ein Ideal, das zwar von Personen getragen und verkündet wird, aber selbstverständlich unabhängig von diesen Personen aus eigener Kraft und Würde besteht und nicht das kleinste