Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Article
- Ein Allgemeiner Deutscher Judentag
- Date
- 1900-10-26
- Page
- 2 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 43 Ein Allgemeiner Deutscher Judentag.*) Von Dr. J. Rülf (Bonn). In Nr. 39 der „ Allgem. Ztg. d. Judenth." hat Herr Prof. Dr. Martin Philippsohn den „Vorschlag* gemacht und begründet, einen Allgemeinen Deutschen Judentag zur Wahrung und Wiederherstellung unserer geschmähten und geschmälerten Rechte zu berufen. Der Herr Professor hat seinem Vorschlage eine wirksame, anschauliche und umfassende Begründung vorausgeschickt, wie sie nur ein so bedeutender Geschichtsprofessor wie Philippsohn zu geben vermochte. Er zeigte darin, wie die antisemitische Bewegung den deutschen Juden von ihren verfassungsmässig zugesicherten Rechten fast gar nichts übrig gelassen; wie die antisemitische Gesinnung sich allen Classen der Bevölkerung, auch den herrschenden und massgebenden Personen, mitgetheilt, in alle Häuser und Herzen sich eingeschlichen habe und immer noch im Zunehmen begriffen sei. Er beklagte sich auf das Tiefste, dass die fortwährenden „Angriffe und Beschuldigungen der Pietisten, Clericalen, Junker und Antisemiten" auch in unseren eigenen Reihen Entmuthigung und Abfall hervorgerufen, besonders einen grossen Theil unserer intelligenten Jugend zum Abschwenken in das Lager der herrschenden Mehrheit veranlasst haben. „Es muss alles versucht werden", sagt er. „um diesem Niedergange der deutschen Judenheit entgegen zu treten. Dazu gehört vor allem, dass wir Selbstgefühl und Festigkeit wieder gewinnen, dass wir, anstatt bettelnd und klagend hinter anderen herzulaufen, uns wieder auf eigene Füsse stellen" — und schlägt zu diesem Behufe vor, einen „Allgemeinen Deutschen Judentag" als bleibende Institution ins Leben zu rufen. Wie wir die geschickte Begründung dieses Vorschlages rühmend hervorgehoben haben, so können wir uns mit dem Vorschlage selbst einverstanden erklären, und dennoch wollen sich einige unbedeutende „Warum?", welche sich an diesen Vorschlag anknüpfen, nicht verdrängen lassen. Es sind das keine von den verhängnisvollen, grundstürzenden „Warum", welche die ganze Sachlage zu ändern und in Frage zu stellen geeignet wären; sie sind im Gegentbeil sehr unbedeutender Art, haben aber trotzdem, wie man spätei-'sehen wird, einen scharfen Haken, mit welchem sie sich gar leicht an den Vorschlag anklammern und ihn zum Wanken bringen können. Warum, wenn, wie Professor Philippsohn richtig bemerkt, diese verderbliche Bewegung des Antisemitismus nun schon 25 Jahre anhält, warum tritt er erst heute mit seinem Vorschlage hervor? Und wenn er dazu bis dahin nicht in der Lage war, warum that's nicht ein anderer, hundert andere, und wenn nicht gerade vor -25 Jahren, warum nicht schon vor i*ü, vor 10 Jahren, als die schweren, unheilvollen Beeinflussungen des Antisemitismus schon kenntlich wurden? Warum hat der „rühmlichst bekannte" „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der doch dasselbe Ziel „seit Jahren sich gesetzt und mit Ausdauer verfolgt hat", in der Hauptsache: „Verteidigung der staatsrechtlichen Stellung der Juden", so geringe Erfolge erzielt? Warum sollte dieser Verein bei weitester Verbreitung und eifrigster, umsichtigster Wirksamkeit nicht auch schon genügen, um uns den „Allgemeinen deutschen J u d e n t a g" zu ersetzen? Gab es doch eine Zeit, da ein einziger Mann, nach dieser Richtung, Verteidigung oder noch besser Erlangung der staatsbürgerlichen Stellung und Gleichberechtigung, thätig, grosse Erfolge erzielte. Und dieser Mann war kein anderer, als der Magdeburger Rabbiner Dr. Ludwig Philippsohn, der Vater unseres Professors! Warum, so fragen wir weiter, ein „Allgemein er deutscher Judentag"? HaDen wir nicht den „Deutsch - Israelitischen Gemeindebund", , dessen Oberhaupt ja Herr Professor Philippsohn ist? Sollten die Delegierten dieser vom Staate anerkannten Gemeinden nicht ebensoviel, ja noch mehr Macht undEinfluss besitzen, als der Judentag, welcher eine solche staatliche Vergünstigung nicht besitzt? Warum — Geduld, nur noch das eine Warum — warum macht Herr Professor Philippsohn nicht den Vorschlag: Alle jüdischen Männer von Ansehen, Bildung und Bedeutung — denen sich dann recht viele dergleichen Männer der christlich-germanischen Welt anschliessen würden — sollen sich vereinigen, um den Juden zu ihrem Rechte zu verhelfen? Das gäbe eine Phalanx, die mit ihrer *) Vergl. hierzu Nr. 41. Spitze alleitfauern und Wälle durchbrechen und alle Gegnerschaft niederwerfen würde. Wie gesagt, all diese „Warum" sind als Ausstellungen nicht mächtig genug, um den Vorschlag des Herrn Professor Philippsohn zu entkräften und dessen Zweckmässigkeit in Frage zu stellen. Allein die Fragen bleiben trotzdem bestehen und verlangen nach einer Beantwortung; die richtige Beantwortung aber ist eine derartige, dass auch der Vorschlag des Herrn Professor Philippsohn davon berührt und schwer getroffen wird. Die in den vorher gestellten Fragen bezeichneten Veranstaltungen mussten als Vertheidigungsmittel wirkungslos bleiben, weil sie nicht aus der richtigen Gesinnungsweise heraus geboren wurden, und wir fürchten nur allzu sehr, dass auch der Vorschlag des Herrn Professors an demselben Fehler krankt und darum auch, selbst wenn er Verwirklichung finden sollte, sein Ziel nicht erreichen und hinter den beabsichtigten Erfolgen weit zurückbleiben werde. Herr Professor Philippsohn steht — so scheint's wenigstens — auf dem Standpunkte des „deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens". Doch dieser Standpunkt ist nicht der rechte und genügt nicht, um uns unsere staatsbürgerlichen Rechte zu behaupten und zu erstreiten. Die Gegner sagen: „Jüdischen Glaubens? Was geht uns Dein Glaube an? Du bist Jude! Und als Jude ein Fremdling in unserer Mitte. Dein persönliches, allgemein menschliches Recht soll Dir werden. Vor dem Gesetze und gemeinen Rechte sind alle gleich: allein Staatsstellung und Anstellung gebürt nur dem christlich-germanischen Vollbürger." So zeigt Dir der Gegner selbst den richtigen Weg, den Du zu gehen, und die richtige Stellung, welche Du einzunehmen hast. Ja, wir sind Juden, Semiten, und nicht Staatsbürger jüdischen Glaubens, sondern Staatsbürger jüdischer Nationalität; nur in diesem Zeichen können wir kämpfen und siegen. Ein Staat besteht aus gar vielen Nationalitäten mit völliger staatsbürgerlicher Gleichberechtigung und ist bestrebt, durch Eroberung und Annectierung von Ländern mit Völkerschaften aller Art seinen Besitzstand immer mehr zu erweitern und zu vermehren. Und auch der Bürger des einen Staates verlangt im anderen Staate, wohin er seinen Wohnsitz verlegt hat, eine unbeschränkte staatsrechtliche Stellung einnehmen zu können, welche ihm auch bereitwilligst zugestanden wird» Und der Jude, der Zugehörige der ältesten und verdienstvollsten Culturnation, der schon seit undenklichen Zeiten auf dieser Scholle heimisch ist, sollte nicht die gleiche Berechtigung beanspruchen können? Wir mit unserer jüdisch-nationalen Gesinnung und unseren jüdisch-nationalen Ansprüchen gegenüber den übrigen Nationen der Welt dürfen getrost behaupten und sagen: Ja, was Ihr seid, das sind wir schon tausende von Jahren vor Euch gewesen. Ja, Ihr wisst gar nicht einmal so recht, was Ihr seid, und wer Ihr seid, wir aber wissen's. Ein jeder von uns kann zurückblicken aut einen in der Vergangenheit von Jahrtausenden wurzelnden Stammbaum, und an diesem Baume sind gewachsen Helden und Wohlthäter der Menschheit ohne Gleichen. Und uns wollt Ihr unsere staatsbürgerlichen Rechte streitig machen?; Nach aussen hin haben wir in der Behauptung dieser unserer jüdisch-nationalen Gesinnungs- und Denkweise das allerge waltigste und unwiderstehlichste Kampf esmittel z u r Er w e r b ung u n d B e w a h r u n g unserer staatsbürgerlichen Rechte. Ganz besonders aber erhältdieserKampfeine solcheSiegesgewissheit durch die innere Stimmung, welche der jüdisch-nationale Gedanke im Herzen seiner Bekenner erwecket. Jenes kraftvolle Selbstgefühl, jene Leidenschaft des Enthusiasmus, jener Stolz und Trotz, ohne welche ein solcher Kampf ums Recht weder begonnen noch siegreich durchgeführt werden kann, nehmen ihren Ursprung aus einemHerzen, welches von dem erhebenden Bewusstsein, solch einer Nation anzugehören, belebt und beseelt ist. Damit ist aber Segen und Vermögen eines starken Nationalitätsbewusstseins noch lange nicht erschöpft. Der Herr Professor Philippson klagt über „die Entmuthigung und den AbfalL die im täglich wachsenden Umfange in unseren eigenen Reihen platzgreifen". Ist denn das ein Wunder? Sie, die Abfallenden, haben ihre Nationalität vergessen, haben anderen Nationen sich anzugliedern getrachtet, da haben sie denn auch ihre Religion von sich geworfen. Nur im Schosse der jüdischen Nation ruht auch die jüdische