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Die Welt · 1900-10-19 · 42 (19.10.1900) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
42 (19.10.1900)
Article
Die Schwestern
Date
1900-10-19
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14 „Die & Welt" Ki. 42 „Du bist also mit Enoch einig, und alles ist in Ordnung? Ist es wahr?" „Sag' mir, Mutter," erwiderte Zillah, indem sie die Frage nicht beachtete und den freudeleuchtenden Blick, der sie begleitete, vermied, „sag' mir: ist diese Heirat zur Ehre unseres Hauses beschlossen worden?" „Wie kannst Du nur so seltsam fragen, Kind?1' lautete die Antwort „Zu unserer Ehre? Keineswegs — natürlich zu Deinem Glücke." „Wenn ich also glücklich wäre, wenn Ihr wüsstet, dass alles, was ich mir im tiefsten Herzen wünsche, erfüllt wird, würde Euch das befriedigen?" „Vollkommen; was könnten wir denn sonst noch erwarten? Zillah, was meinst Du? Warum erschreckst Du mich mit Räthseln?" „Verzeih' mir — ich hab' mich schlecht ausgedrückt," stammelte Zillah, „ich wollte Dir nur die Versicherung geben, dass Du, wenn ich nicht mehr bei Dir bin, oft von meinem Glücke hören wirst; ich werde Dir sehr, sehr oft schreiben--" „Ja, aber bedarf es denn dieser Versicherung? Versteht sich das nicht von selbst? Ich schreibe Dir nichts vor, Zillah, ich verlange kein Versprechen von Dir, ich will nur, dass Du meine treue Tochter bist, alles übrige überlasse ich Dir. Ich bin sehr müde, geh', bring' mich zu Bett." Schweigend that Zillah, wie ihr geheissen; sie hätte kein Wort hervorbringen können und wenn es ihr Leben gegolten hätte. Langsam gieng sie die Treppe zur Küche hinab; Salka war wohl nach dem langen Tagewerke recht müde. „Ich will ihr an die Hand gehen, so lang" ich noch kann," dachte Zillah, „nächste Woche wird sie sich vielleicht nicht so viel aus der Arbeit machen; sie wird ihr helfen, zu vergessen, dass sie je eine Schwester besass." Salka blickte kaum auf, als Zillah eintrat. „Du hast Dich also entschlossen," begann die jüngere Schwester nach kurzem Schweigen. „Ja wohl," erwiderte Zillah trotzig und fast rücksichtslos, „ich gehe fort von hier.* „Ich weiss, Enochs Vater wünscht, dass Ihr in seiner Nähe lebt," sagte Salka. „Enochs Vater? Ich gehe nicht mit Enoch — sondern mit dem Commissär," fuhr sie ruhig fort, während ihr Salkas bestürzter Blick nicht entgieng, „Du hast ihn neulich im Laden gesehen. Er hat mich heute nachmittags gebeten, seine Frau zu werden, und ich antwortete ihm, dass ich mir's überlegen wolle, er weiss aber sehr wohl, wie meine Antwort lauten wird. Und nun kannst Du hingehen und der Mutter mit der Neuigkeit den Todesstoss versetzen, wenn Du willst." Der schwere silberne Suppenschöpfer in Salkas Hand fiel klirrend zu Boden und blieb unbeachtet liegen, dann rang sich ein kurzer, unarticulierter Schrei aus ihrer Brust. Zillah beachtete es nicht, sie setzte sich nieder und ordnete sorgfältig, ohne die geringste Aufregung, eine ihrer Haarflechten, die aufgegangen war. Salka horchte gespannt: die Worte, die sie eben gehört hatte, zitterten mit einem seltsamen Klange nach. Zuerst war es nur eine undeutliche Eingebung, aber sie wurde immer deutlicher, bis es klar und laut in ihrem Innern ertönte: „Enoch ist frei — Enoch ist frei!" „Zillah, thue, was Dein Herz Dir befiehlt," sagte sie langsam. Mit einem Sprung war Zillah an ihrer Seite und blickte ihr tief in die Augen. „Salka," rief sie athemlos, „räthst Du mir das wirklich? Ist es Dein Ernst? Nein, nein, ich sehe, dass Du meiner nicht spottest. Ach, was für eine treue Schwester Du bist! Weisst Du, Salka," fuhr sie mit unterdrücktem Schluchzen fort, „ich erwartete, dass Du mich mit Vorwürfen überhäufen, dass Du in Weinen ausbrechen und mich in meinem Entschluss durch flehentliches, leidenschaftliches Bitten wankend machen würdest. Du hättest vielleicht nicht einmal so weit gehen müssen, ein einziges warnendes Wort hätte genügt, mich von meiner Absicht abzubringen, — und ich liebe ihn doch so sehr! Aber Du sagst, dass ich recht handle: das ist das himmlische Zeichen, auf das ich geharrt habe. Ach Salka! Salka!" Salka entzog sich ihrer Umarmung, sie verdiente sie nicht. „Was nützt es, wenn Du hier bleibst und Dich vor Gram verzehrst?" sagte sie rasch, „wäre es mir angenehmer, das mitanzusehen, als zu wissen, dass Du anderswo ein Leben voller Liebe geniessest? Ieh""Tnusste mich ja einen selbstsüchtigen, erbärmlichen Schwächling schelten, suchte ich Dich wegen des Trennungsschmerzes davon abzuhalten, Deinem innersten Triebe zu gehorchen." Sie hielt einen Augenblick inne, dann erglänzten ihre. Augen und ihre Stimme steigerte sich. „Aber nicht darum allein heisse ich Dich gehen, Zillah. Eine grosse Mission wartet Deiner und Du wirst sie erfüllen. Hier würdest Du nie den Spielraum dazu finden, — aber draussen, mitten unter unseren Feinden, die uns fluchen und uns verabscheuen — dort wirst Du im Verborgenen für unser hartbedrängtes Volk wirken können. Die öffentlichen Fürsprecher, die einen Heidenlärm erheben und sich auf dem Jahrmarkt des Lebens heiser schreien, werden unsere Erlösung nicht zustande bringen, das stille Beispiel, das lebendige Vorbild, die unmerkliche, unhörbare Stimme des täglichen Thuns soll unsere Feinde von ihren Vorurtheilen bekehren. Solcher Fürsprecher brauchten wir viele an allen Orten. Denke daran, Zillah, dass Du einer von ihnen und — das weiss ich — nicht der müssigste sein wirst. Riefe das Schicksal mich, ich würde nicht zögern, ihm Folge zu leisten, so mangelhaft ich auch dazu ausgerüstet bin." Salka seufzte aus tiefstem Herzen auf und schwieg. Dieser Seufzer war ein Dankgebet: Gott war barmherzig und er hatte ihr etwas gegeben, womit sie ihr Gewissen beschwichtigen konnte: es war nicht länger eine abscheuliche Falschheit, eine verächtliche List, die sie antrieb, ihre Schwester hinauszuschicken in eine ungewisso Zukunft, sondern ein hoher, edler Zweck, der die Selbstsucht in Selbstaufopferung verwandelt hatte. Zillah schien das Gleiche zu denken; Blässe und Rothe wechselten in ihrem Gesicht ab, und ihre Finger schlangen sich ineinander und lösten sich wieder, während sie zuhörte. „Wie kann ich Dir je danken, Salka?" rief sie endlich aus, „woher kam Dir diese Erleuchtung? Mir wäre sie nie gekommen, ich hätte unaufhörlich denken und sinnen können. Salka, bei Deiner Liebe beschwör' ich Dich, sprich heut Abend nicht mehr zu mir! Ich will mein ganzes Denken und Trachten auf das eine lenken, das Du mir gewiesen hast — unsere Feinde zu lehren, dass sie uns lieben! Welche Aufgabe haät Du mir gestellt! Sei versichert, dass ich ihr treu bleiben werde. Ich werde die Lieder des Herrn in der Fremde singen, wie niemand vor mir; ich werde, glaub' es mir, mein Leben nicht umsonst gelebt haben. Weiss ich's denn nicht? Ich muss manche Thräne auf dem unseligen Antlitze unseres Volkes trocknen, muss manche seiner Wunden heilen, bevor ich hoffen kann, die Schmerzen zu sühnen, die ich meinen Eltern zufüge!" Sie hielt inne und lauschte: auf der Strasse raste ein Reiter im Galopp vorüber. „Das ist er", murmelte sie und legte den Finger an

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