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Die Welt · 1900-10-19 · 42 (19.10.1900) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
42 (19.10.1900)
Article
Die Schwestern
Date
1900-10-19
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 42 „Die # Welt* Seite 13 ängstlichen, gespannten Blicke an. Die trockenen Tannenscheite loderten empor wie Fackeln und liessen Zillahs Gesicht so klar wie bei Tageslicht erscheinen. Die selbstquälerischen Falten waren daraus verschwunden, um ihre Lippen spielte ein siegreiches Lächeln. „Sie hat ihren Entschluss gefasst," dachte Salka. „Es freut mich, dass es ihr besser geht," sagte sie als Antwort auf Zillahs Bericht über den Zustand einer Freundin, die gar nicht existierte und die an einer erfundenen Krankheit litt, „es freut mich wirklich ungemein. Rathe einmal, was wir zum Abendessen haben werden." Zillah zuckte die Achseln. „Sauerkrautsuppe und blaue Kartoffeln." Zillah machte erstaunte Augen. „Es ist Enochs Lieblingsspeise — er hat es mir soeben gesagt," erklärte Salka. „So?" fragte Zillah gleichgiltig. Salka aber schien es — wenigstens legte sie es sich in ihrer Weise zurecht — als verriethe die Frage angelegentliches Interesse. „Ach ja, sie hat das Recht, seine Lieblingsspeisen zu kennen," sagte sie bitter zu sich. „Meine selige Mutter hat diese allen anderen Speisen vorgezogen," sagte Enoch ruhig, „sie war eine gute Frau,' und ich glaube, dass man das Andenken einer guten Frau auch dadurch ehren kann, dass man Sauerkrautsuppe gerne isst." Zillah sah ihn befremdet an; seine Worte klangen so treu und wahr. Ihr Busen hob und senkte sich in plötzlichem namenlosen Schmerze; warum schleuderte ihr der Zufall gerade jetzt diesen bitteren Vorwurf ins Gesicht? Wie herrlich ist es, sich solcher Liebe zur Mutter rühmen zu können! Das ist wenigen gegeben — ihr war es versagt. „Sie muss eine edle Frau gewesen sein," sagte Salka, die ihrer Regung nicht widerstehen konnte, „das beweist ihr--" sie hielt plötzlich erröthend inne. „Ihr Sohn?" ergänzte Enoch mit bescheidenem Lächeln. „Ach nein, ich bin nichts weniger als vollkommen — ich bin voller Fehler und Mängel;" — Zillah erkannte die Worte wieder — „so dränge ich mich zum Beispiel Menschen auf, denen meine Gegenwart lästig ist. Das ist nur eine der humanen Lehren unserer Rabbiner, die ich verletze. Ferner-- Salka fuhr plötzlich in die Höhe. „Die Mutter klopft, das gilt mir," sagte sie und eilte hinaus. Es war sonderbar, dass niemand sonst das Zeichen gehört hatte. Die Beiden schwiegen; Enoch hatte den zweiten Punkt seiner Selbstanklage vergessen und starrte stumm ins Feuer. Zillah that den ersten Sehritt; ihre Lippen zitterten, aber die Stimme klang fest. „Ich habe Ihren Vorwurf verdient." begann sie, „ich habe ihn redlich verdient — kann ich mehr sagen? Und nun, da ich mein Unrecht eingestanden habe, wollen Sie gerecht sein gegen mich?" Er winkte ihr, fortzufahren. „Hören Sie also. Warum sind Sie hier? Ich habe nicht um Sie geschickt. Sie können mich keines Treubruches zeihen, denn ich habe nichts versprochen, was ich dann nicht gehalten habe. Können Sie mir irgendeine Schuld beimessen?" „Nein, nicht die geringste," antwortete er nach einer kleinen Pause gedrückt, „Sie können nichts dafür, dass Sie so sind und nicht anders, ich kann nichts dafür, dass ich so fühle und nicht anders. Aber warum sich deshalb beunruhigen? Es gibt ja ein Mittel: Ich werde abreisen." Zillah fuhr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. Nein, er durfte nicht fort, er musste bleiben, musste die Stütze sein in dem zerstörten, vernichteten Leben der Eltern, wenn der Schlag kam. — Welches Vergnügen es ihr bereitete, sich mit diesem Gedanken zu quälen! Er war so gut — er hatte „die humanen Lehren" studiert, er wird sie trösten und aus Barmherzigkeit ihr Sohn werden. „Abreisen?" wiederholte sie, „wer verlangt das von Ihnen? Warum nicht lieber sagen, dass Sie es noch nicht ernstlich versucht haben? Wenn Sie einmal abgereist sind, dann--" Er fuhr zusammen und sah sie gespannt an. „Dann?" drängte er sie. „Dann gehen wohl Ihre Hoffnungen mit Ihnen." „Hoffnungen? Es gibt also noch eine Hoffnung für mich?" „Sie dürfen mich nicht drängen; wer weiss?" Die Zweideutigkeit kam ihr nicht schwer an. Was lag an einer Lüge mehr oder weniger? Und dies war vielleicht die einzige, die ihr im Himmel hoch angerechnet werden würde. Die Tannenscheite prasselten und sprühten, wenn die Flammen mit glühenden Zungen an einer neuen Harzader leckten; die Beiden thaten, als wären sie ganz in den Anblick versunken, denn so konnten sie ungestörter dem Sturme ihrer eigenen Gedanken lauschen. „So vertieft, Kinder, dass ihr nicht einmal meinen leichten Schritt hört?" ertönte die fröhliche Stimme des alten Anschel von der Thür, „hoffentlich darf ich nun, nachdem ich mich gebürend angemeldet habe, eintreten?" Er beantwortete seine Einladung selbst, indem er in die Küche trat: sein rasches Auge bemerkte an beiden ötwas, was wie Verlegenheit aussah. Das machte ihm grosse Freude, das bedeutete endlich einen Fortschritt. „Auf dem halben Wege nach Turschk traf ich den Mann, zu dem ich wollte, er kam gerade in derselben Angelegenheit zu mir. Wir haben also unser Geschäft auf offener Strasse abgeschlossen, und ich bin zur rechten Zeit und mit ausgezeichnetem Appetite wieder da. Wo ist Salka?" „Bei der Mutter," sagte Zillah, sei aber unbesorgt — das Abendessen kocht schon; Enoch und ich, wir kochen es, nicht wahr, Enoch?" „Der Speisezettel ist jedenfalls nach meiner Anregung gemacht worden," antwortete der junge Mann, der bei ihrer Frage vor Vergnügen erröthet war, „das ist aber auch alles, dessen ich mich rühmen kann." „Gott sei Dank," murmelte Anschel, „der Topf hat das zuwege gebracht. Ich habe ihr oft genug über die Annehmkeiten der Haushaltung gepredigt. Eine Ehe, die in einem Topfe gebraut wurde, ist zum Lachen! Wenn ich nur sicher wüsste, dass sie meine Predigt gut auswendig gelernt hat!" Es war der angenehmste Abend, den sie seit Enochs Ankunft verlebt hatten. Der junge Mann fieng Feuer, und seine Parabeln, Sophismen und scharfsinnigen Auslegungen regneten hageldicht. Zillah hatte den ganzen Abend über auf der Kante des Lehnstuhles gesessen, in dem die Mutter lag, und die blassen Wangen und kraftlosen Hände gestreichelt. Selbst als die beiden Männer sich entfernt hatten und auch Salka in die Küche gegangen war, behielt sie ihren Platz bei. „Jetzt haben wir fünf Minuten für uns, Mütterchen," sagte sie, „es ist so lange her, seit wir ganz allein miteinander sprachen." „Ja, volle zwei Tage, ich habe ganz vergessen, wie Deine Stimme klingt, ich meine die Stimme, mit der Du zu mir sprichst." „Solltest Du Dich nicht langsam daran gewöhnen, sie zu entbehren?" fragte Zillah schwermüthig.

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