Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 42 (19.10.1900)
- Article
- Die Bibel im Lichte eines ägyptischen Archivs aus dem XIV. Jahrhundert v. Chr.
- Date
- 1900-10-19
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 42 ,Die & Welt" Seite 11 Theii Kanaans gefährden und im Begriffe sind, ihn den Pharaonen zu entreissen. Nun wird in vielen anderen Briefen aus dem Süden und Norden Palästinas eine in gleicher Weise wie die Habiri vorgehende feindliche Macht als SA. GAS bezeichnet, das : Plünderer, Räuber bedeutet. Diese Analogie im Auftretten der SA. GAS und Habiri veranlasst Winkler und einige andere Forscher diese beiden Bezeichnungen zu identifizieren, s o dass wir es in allen Briefen mit Einem Nomadenstamm: den Habiri zu thun hätten, die nur einmal mit ihren Eigennamen, einmal appellativisch: als Räuber — ein jeder Nomadenstamm erscheint der ansässigen Bevölkerung als Räuber — bezeichnet werden. Nachdem nun festgestellt wurde, dass in allen Briefen es die Habiri sind, welche durch ihre Einfälle in Kanaan den ägyptischen Vasallen so viel zu schaffen geben, drängte sieh ümsomehr die Frage auf: Wer sind diese Habiri? Es lag für die Forscher, die sich mit den Tell-Amarna- Urkunden befassten, sehr nahe, in „Ha-bi-ri" die babylonische Schreibung für „Cp-DS?" zu vermuthen und somit in den Habiri die Hebräer zu erblicken. Die Richtigkeit dieser Identifizierung vorausgesetzt — und hohe Wahrscheinlichkeit spricht für sie — war folgende geschichtliche Frage von ausserordentlicher Tragweite zu lösen: In welchem Zusammenhange stehen die Berichte über die Einfälle der H a b i r i i 11 Kanaan in den Tell-Amarna-Tafeln mit den diesbezüglichen Mittheilungen in der Bibel? Sind die Ersteren als eine Bestätigung der Letzteren anzusehen oder als eine Widerlegung, oder berichten sie gar über chronologisch ganz verschiedene Ereignisse, und lassen sich somit in keine — wenigstens nicht synchronistische — Beziehung zu den Erzählungen der Bibel über die Eroberung Palästinas durch die aus Aegypten ziehenden Israeliten-Hebräer bringen? Das ist der Angelpunkt, um den sich das Hauptproblem in der Tell-Amarna-Forschung dreht. Die Geschichtsforscher gehen da in ihren Ansichten auseinander. Die in ihren Schlussfolgerungen weitgehendste Hypothese vertritt H. W i n c kl e r in seiner „Geschichte Israels." Von der Identität Habiri — SA. GAS ausgehend, baut er durch Hinzuziehung einer andern ganz wunderlichen Hypothese eine eigenartige Geschichtsconstruction auf, in der das Bild der ältesten Geschichte Israels in einem ganz anderen Lichte erscheint, als es bis jetzt auf Grund der Bibel — selbst seitens der schärfsten Bibelkritiker — gezeichnet wurde. Während diese in den biblischen Berichten über den Aufenthalt Israels in Aegypten und den Exodus zumindest einen historischen Kern erblickten, insoferne nämlich der Aufenthalt einiger hebräischer Stämme in Aegypten als geschichtlich angenommen ward, der dann in historischer Zeit durch die Sage auf das ganze Volk übertragen und dementsprechend auch der Auszug ausgeschmückt wurde, leugnet Win ekler die ganze Aegypten- Episode überhaupt, in der er eine politische Legende erblickt. Die Tell-Amarna-Briefe bieten nach ihm den wahren geschichtlichen Hergang der Besitznahme Palästinas durch die Hebräer, die eben nicht — wie die Bibel es schildert — eine einheitliche vom „Volke" Israel ausgeganene Eroberung war, sondern eine durch einen Zeitraum von drei bis vier Jahrhunderten sich fortsetzende allmähliche Einwanderung hebräischer Stämme, die letzte Schiebung der semitischen Völkergruppe vom Osten her, von der ein Theil als Kananäer—ethnologisch unterschieden sie sich in Nichts von den Hebräern — schon früher sich im Lande ansässig machte *)" Die Habiri-Hebräer sind also nicht blos die „Kinder Israels", sondern alle einwandernden Stämme (auch die Moabiter, Ammoniter), welche vom Süden Palästinas bis nach Nordphönicien sich festzusetzen suchten. Die Israliten als Stammverband gab es im XIV. Jahrhundert noch nicht, die damals Einwandernden waren nur einzelne Stämme, die sich erst nach Jahrhunderten theilweise unter dem Zwange der Culturverhältnisse, theil weise zur Wehr gegen andere nachdrängende Stämme zu grösseren Verbänden einigten. Diese Einigung hat nach Winckler — gleichzeitig mit der politischen Centralisierung aller Siämme kein Anderer als David vollbracht, und zwar hat er sie auf eine doppelte *) Für diese letztere Vermuthung spricht allerdings die früher erörterte Verwandtschaft der kananäischen und hebräischen Sprache. Weise vollzogen. David war nämlich ursprünglich Fürst Eines Stammes oder Gaues: Kaleb (I. Sam. 25. 3, n. Sam. 3.S ros Kaleb), unterwarf sich dann dem Stamm Juda, der sofort zwischen seinem Herrschaftsgebiete und dem Sauls dastand, nach dem Tode Sauls aber dehnte er seine Macht über alle nordisraelitischen Stämme aus, und hat so das grosse Reich Israel-Juda geschaffen. Doch mit der äussern Unterwerfung sah David noch seine Aufgabe nicht erfüllt, er musste das grosse Reich, in dem culturell verschiedene Stämme mit einander zusammengekittet wurden, auch auf eine solide moralische Basis stellen, er musste auf eine culturelle Verschmelzung der beiden Gebiete bedacht sein, und diese erreichte er einerseits durch die Einführung des gemeinsamen Jahve-Cultus, andererseits durch die Sagenschöpfung vom gemeins amen Aufenhaltin Aegypten. Diese beiden Ideen sollten die Erinnerung an den ehemaligen Gegensatz zwischen Juda und Israel auslöschen, und dem Volke den Gedanken beibringen, dass beide von Anfang an eins gewesen waren. Und so gelangen wir zum springenden Punkte in der ganzen Geschichtstheorie Win ekler s. Bisher wagte doch nicht die Bibelkritik die Geschichtlichkeit des Exodus ganz und gar zu verwerfen, man sagte sich unter Anderem, dass es psychologisch unfassbar wäre, dass ein Volk sich selbst in seiner eigenen, geschichtsbildenden Sage zu Sclaven herabdrücken sollte (Ebers). Nun will Winckler den Schlüssel zur ganzen Legende gefunden haben. Die Idee des Jahve-Cultus — meint er — und die ägyptische Sagenschöpfung stehen in einem engen Zusammenhange miteinander. Der ursprüngliche Sitz dieses Cultus, der Sinai, kann nach den ältesten biblischen Nachrichten (Deuteronomium 33. % Richter 5. 4), nur im Gebiete von Kaleb-Juda gewesen sein, unweit von der Südgrenze des Landes, im Gebirge Edoms. Nun wird aber dieses Gebiet von Assyrern und Arabern mit dem Namen „Mucri" bezeichnet. Hier setzt die wunderliche, vage Vermuthung Wincklers ein: Mucri- Micraim! Lässt sich nicht aus dem ähnlichen Klang dieser zwei Worte für eine Geschichtsconstruction Capital schlagen? O doch, und diesen „geistreichen" Einfall hatte ein pfiffiger Hofchronist Davids, der dem um die Befestigung und Einigung der unterworfenen Stämme verlegenen König rasch zu Hilfe kam : „Dem Volke", mag ein weiser Achitofel combiniert haben!,sind doch die beiden Worte geläufig. Durch einen kleinen Hocus-pocus vertauschen wir sie miteinander. Jahve kam nicht aus Mucri, sondern aus Micraim. von wo er „sein Volk", alle Kinder Israels mit starker Hand aus Jahrhunderte langer Knechtschaft herausgeführt hat." Gesagt, gethan. Rasch wurde die Legende „gedichtet", geschickt in Umlauf gesetzt, und solange .,den Bauernschädeln" eingedrillt, bis sie ernstlich an sie geglaubt haben. Und so war die Zusammengehörigkeit aller Stämme eine dem Bewusstsein des Volkes tief eingeprägte, geschichtliche Thatsache geworden. „Die Sage vom Aufenthalt Israels'in Aegypten" raisonniert Winckler, „ist nichts Anderes, als eine sagenhafte Einkleidung der Ansässigkeit Israels, oder derjenigen Stämme, welche später Palästina eroberten, in ihrer den Volkscharakter bestimmenden Mehrheit, in dem Mucri genannten Lande, wo der Wohnsitz Jahves gelegen war . . . Die ganze Legende ist kein Bestandtheil der alten israelitischen Sage, sondern erst in geschichtlicher Zeit mit bewusster Tendenz durch Vertauschung der Namen Micraim und Mucri geschaffen worden." Die Schöpfer der Sage waren die Hofchronisten Davids und der Zweck derselben war. die Zusammengehörigkeit der israelitischen Stämme und Judas zu beweisen," und damit die politische Einheit des Reiches zu befestigen.' Auf dem Wege literarischer Ueberlieferung und Ausbildung ist dann die Legende in ihre jetzige Gastalt gebracht werden. Das ist in grossen Zügen die Auffassung Wincklers bezüglich der ältesten Geschichte Israels. Die früher erwähnten Grundgedanken sucht er durch psychologische Momente zu stützen, um besonders die Möglichkeit zu erhärten, dass die Legende trotz der bald erfolgten Theilung des Reiches und der Losreissung der Nordstämme vom Reiche Juda sich dennoch im Volksbewusstsein fortgepflanzt hat und Gemeingut des ganzen Volkes geblieben ist. Dieser Stütze bedarf Winckler umsomehr, als thatsächlich Jerobeam, der erste König „Israels", von politischen Erwägungen ausgehend, der Jahveidee, welche die