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Die Welt · 1900-10-12 · 41 (12.10.1900) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
41 (12.10.1900)
Article
Der Kieselstein
Date
1900-10-12
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 »Die j$ Welt" Ni. 41 nämlich — wie man erzählt — solche Marotten. So soll er, wie ich hörte, die Schrulle haben, dass auf seinem Schreibtische beständig ein in Silber gefasster, ganz gewöhnlicher, faustgrosser Kieselstein stehen muss und wehe, wenn man einmal den Stein an eine andere Stelle rückte . . . .! Wie gesagt, es ist nichts als eine Schrulle ... ." Die Schwestern. Erzählung von S. Gordon. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Warum sollte ich traurig aussehen?' fragte sie lustig, fast übermüthig, ich versichere Sie, es ist sehr ergötzlich. Der Mann — —" Sie brach plötzlich ab. Die ganze Bedeutung dessen, was sie zu thun im Begriff stand, stürmte auf sie ein und erschreckte sie, dass sie schwieg. Sie war im Begriffe, diesem Fremden, diesem Bekannten von gestern zu erzählen, was ihr tiefinnerstes Leben betraf, sie war im Begriffe, sich darüber lustig zu machen, oder, was vielleicht noch schlimmer war, seine Theilnahme zu fordern. Aber Gott sei Dank, — es war noch nicht zu spät, sie konnte es noch gut machen. Der Commissär beobachtete sie mit Luchsaugen. „Der Mann," wiederholte er ungeduldig. Sie trat einen Schritt zurück und blickte verzweifelt, wie ein verfolgtes Reh, um sich. „Es ist nichts, ich versichere Sie," hauchte sie, „und jetzt, bitte, müssen Sie mich entschuldigen, ich muss wirklich sofort gehen." Aber der Commissär nrusste sich zu helfen. .Möchten Sie so gut sein, mir Näheres über den Mann mitzutheilen?*, fragte er mit harter, gepresster Stimme. Zillah erinnerte sich, dass ihr Vater ihn streng genannt hatle; er war nicht nur streng, — er war grausam. Und doch, wie gut stand ihm seine Grausamkeit! ,lch wiederhole Ihnen", sagte sie etwas gefasster, „dass es nichts ist — nichts, was der Rede wert wäre." „Dann muss ich also einen grösseren Druck anwenden, um Sie zum Reden zu bringen. Was ist's mit dem Manne? Ich frage in meiner amtlichen Eigenschaft." „Damit hat er nicht das geringste zu thun", sagte sie eifrig, „wollen Sie mir das nicht aufs Wort glauben?" „Dann geht es mich nur persönlich an", bemerkte er in ruhigerem Tone. „Sie wollten sagen, dass der Mann zu Ihrem Gatten bestimmt ist, und dass dieser Plan Ihnen nicht gefällt. — Sie wollten mit Bitterkeit, mit Groll davon sprechen. Hab' ich recht?" Sie sah ihn stumm, wie versteinert an. „Glauben Sie mir", fuhr er sanft fort, „ich habe bei der jahrelangen Thätigkeit, das Verbrechen mit allen seinen Listen und Verschlagenheiten zu verfolgen, nicht die Fähigkeit eingebüsst, die Ausflüchte der Unschuld davon zu unterscheiden. „Sis haben kein Recht, mir Ausflüchte vorzuwerfen." Er zuckte mit den Achseln. „Tch bestehe ja nicht darauf, dass meine Behauptung richtig ist, — ich habe nur eine Vermuthung ausgesprochen, und Sie haben das Recht, sie zu widerlegen, zu leugnen." Einen Augenblick empörte sich der Stolz in ihrem Innern. Wie durfte er voraussetzen, dass sie ihm vertrauliche Mittheilungen schuldig war? Warum sollte sie wie eine Verbrecherin vor ihm stehen, die ihre Sünde bekennt? Dann aber fühlte sie wieder, dass die Macht, die er über sie ausübte, Balsam für ihre Seele war, dass ihr Herz sich unter seiner Herrschaft sehr wohl und gegen die Bitterkeiten des Lebens geschützt fühlte. Furchtlos erhob sie ihren Blick zu dem seinen und sagte: „Ich leugne es nicht, — ich kann es nicht leugnen." Mit einem raschen Schritte kam er ganz nahe an sie heran. „Ich wusste, dass ich in Ihrem Sinne gesprochen hatte", sagte er leise, „und wissen Sie, was ich jetzt thun muss? Ich muss für Sie denken, — da Sie nicht den Muth haben, für sich selbst zu denken, ich muss all die Fragen an Sie richten, die Sie selbst sich immerfort vorlegen, ohne sie je zu beantworten. Soll ich?" Mit einem Kopfnicken gab sie ihm die Erlaubnis. Warum haben sich unsere Pfade gekreuzt, Madonna? Warum haben sich unsere Hände berührt — unsere Blicke begegnet? Warum hab' ich die Stunden, die Minuten gezählt, bis ich wieder fühlen und sehen würde — warum haben Sie durch Ihre Botschaft meinem Zählen eine Grenze gesetzt? Hier stehen wir, allein mit uns, und doch haben wir das Gefühl, als wären wir die Welt. Was bedeutet das? Wir, die wir durch alle Verschiedenheiten, die zwei Menschen von einander nur fernhalten können, getrennt sind, wir haben uns in kurzer Zeit gefunden. Sagen Sie mir, was bedeutet das?" Sie lauschte mit gefalteten Händen und halbgeöffneten Lippen. Als er schwieg, wendete sie sich zu ihm nnd hauchte: „Denken Sie weiter für mich — fragen Sie weiter." Er neigte sich ganz nahe zu ihr, so dass seine Stirn fast die ihre berührte. „Nein, ich habe genug gefragt, jetzt heisst es antworten. Es bedeutet, dass wir uns fürs Leben die Hände reichen, dass wir in unseren Augen lesen sollen, bis der Tod sie uns schliesst. Sie und ich und unsere Zukunft, Madonna — ist die Antwort richtig?" „Jawohl, Sie haben für mich gedacht, für mich gefragt, für mich geantwortet", sagte Zillah bebend, „Sie haben es so gut gethan — nur zu gut, und deshalb muss das Ende sein--" „Muss was sein?" „Als ob es nie einen Anfang gegeben hätte." Er wankte; dann biss er die Zähne zusammen. „Ah", knirschte er, „das war also ein fein angelegter Plan, ein falscher, listiger Anschlag. Sie sagten sich: Ich werde das Herz dieses Christen in meinem Netze fangen, dann mag er sich in seinem Schmerze winden; so werde ich das Unrecht rächen, dass meine Schwestern von seinen Brüdern erlitten haben. Mädchen, wo haben Sie den Muth> dazu her?" Sie sah ihn fest an. „Muth?" fragte sie langsam, „ich habe keinen. Ich bin nicht wie Jael — mit dem Milchnapf und dem eisernen Nagel. Wenn ich meinem leidenden Volke irgendwie helfen könnte, so würde ich es mit Freuden thun — nie aber durch Verrath. Wohin würde eine solche Rache auch führen?" „Ich habe Ihnen Unrecht gethan — verzeihen Sie mir!" bat er demüthig; „die getäuschte Erwartung hat mich ungerecht gemacht, eigentlich nicht die getäuschte Erwartung, sondern meine falsche Auffassung. Sie haben mit Ihren Worten etwas anderes sagen wollen, sprechen Sie — ich werde sehr geduldig sein." Er wartete eine Minute, zwei Minuten — aber sie Hess keinen Laut vernehmen. Da ergriff er ihre Hand und streichelte sie zärtlich. „Madonna, Madonna," flüsterte er, „liebst Du mich denn nicht?" Wieder antwortete sie nicht, aber sie warf ihm einen Blick unaussprechlichen Schmerzes und leidenschaftlichen Flehens zu. Er hatte diesen Blick erwartet. „Nun können wir miteinander sprechen", sagte er, und seine Stimme bebte vor unterdrückter Freude; „erinnerst Du dich der Frau, von der ich Dir erzählte, — die so traurig war infolge ihres unendlichen Glückes? Weisst Du, wer

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