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Die Welt · 1900-10-12 · 41 (12.10.1900) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
41 (12.10.1900)
Article
Der Kieselstein
Date
1900-10-12
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 41 „Die x£ Welt« Seite 13 m* F e u i 11 Der Kieselstein. Von Wilhelm Eckfeld. „He, Juden! Juden!" Die Rufe klangen so drohend, so voll Ingrimm, es war, als hörte man aus ihnen den seit Jahrhunderten genährten, von Geschlecht auf Geschlecht vererbten Hass hervorkreischen. Eine Schar halbwüchsiger Jungen war es, die hinter zwei kleinen Knaben, welche ihre Schulrequisiten unter den Armen trugen, einherjagend, diese Rufe ausstiessen.Die Verfolgten, offenbar Brüder, schmächtige, bleiche Knaben von ungefähr sechs und acht Jahren, liefen so schnell, als ihre dünnen Beinchen sie zu tragen vermochten. „Der Juden-Greislerin ihre Buben sind's," sagten lachend einige vor den Häusern stehende Männer, und um die beiden zu erschrecken, thaten sie so, als wollten sie dieselben aufhalten .... Der Greislerin Friedner gehörten sie: der acht Jahre alte Daniel und der um zwei Jahre jüngere Josef. Der weite Weg von der Judenschule nachhause, da ganz draussen fast ausserhalb des Ortes, woselbst die Mutter der beiden einen kleinen Greislerladen besass, war für sie ein wahres Spiessruthenlaufen: denn die christlichen Buben, die ihnen auf den Strassen begegneten, beschimpften und verfolgten sie und wenn sie sie erreichten, da gab es derbe Püffe und Hiebe in Menge. Was nützte es, wenn sie den Buben vorhielten, dass sie ihnen ja nie was zuleide gethan hätten, und dass sie sie fragten, warum sie sie denn eigentlich schlügen? „Weil Ihr unseren Heiland gekreuzigt habt!* brüllten diese und hieben erst recht auf sie ein. Mit rothen. verweinten Augen und mit Koth beworfen, kamen sie gewöhnlich, heftig schluchzend, nachhause. Die Mutter nahm sie dann stets auf ihren Schoos, wischte ihnen die Thränen von den Wangen und, indem sie ihnen das Haar streichelte, suchte sie sie zu beschwichtigen. Sie erzählte ihnen vom Vater, der sie so lieb gehabt und der sie nun immer von der Schule abgeholt und vor den Gassenbuben beschützt hätte, wenn er nicht so frühzeitig gestorben wäre. Sie selbst könne ja vom Geschäfte nicht abkommen, sie sei ja so ganz allein .... Warum die Christenbuben sie eigentlich immer schlugen? Die Mutter hatte ihnen auch das einmal gesagt. „Wir Juden haben früher unser eigenes Land gehabt, da kam ein böser Fürst mit einem grossen Heere und vertrieb uns von dort. Seither leben wir zerstreut in fremden Ländern, in denen wir überall gehasst und verfolgt werden.* Mit ihren grossen, ernsten Kinderaugen nachdenklich blickend, hatten sie aufmerksam gelauscht, als ihnen ihre Mutter dies erzählte, und dann meinte Josef: „Nicht wahr, Mütterchen, wenn wir einmal gross sein werden, so werden wir Soldaten werden, damit wir uns unser Land zurückerobern?a Die Mutter küsste ihn auf die Stirne und sagte: „Ja, meine Kinder, wenn Ihr erwachsen sein werdet, so werdet Krieger und kämpfet für unser armes Volk!11 . . . „Juden!". klang es wieder hinter ihnen. Noch besassen sie einen ziemlichen Vorsprung vor ihren Verfolgern, aber der Abstand wurde immer kleiner. Und sie wussten allzugut, was sie zu gewärtigen hätten, wenn sie erreicht werden sollten. Sie besassen ja Beide noch blaue Spuren am Leibe, die von den Hieben herstammten, die sie erst letzthin von den Buben bekommen hatten. Mit vor Angst verzerrten Zügen rannten sie keuchend heimwärts. .,JudenI . . Ein .Stein sauste durch die Luft. . . ein Schrei, und Josef lag auf dem Boden. „Josef! Josef!" rief Daniel verzweifelt, aber Josef regte sich nicht. Er versuchte ihn zu rütteln, da sah er jedoch, dass über das leichenfahle Gesichtchen seines Bruders Blut herabrieselte. Auf dem Boden neben ihm lag ein faustgrosser, grauer Kieselstein mit Blut befleckt. Ganz ausser eton. -m* sich, hob er den Stein auf und rannte athemlos heimwärts — Seine Wangen waren noch viel bleicher als gewöhnlich, seine Augen vor Schreck weitaufgerissen, als er keuchend in die Wohnung stürzte. „Um Gotteswillen, was ist geschehen? Wo ist Josef?" rief die erschrockene Mutter, als sie ihn in diesem Zustande allein kommen sah. Er konnte wicht sprechen, die Stimme versagte ihm, den blutbefleckten Kieselstein vorweisend, konnte er das Vorgefallene nur mühsam unter krampfhaftem Schluchzen hervorstammeln Wenige Minuten später trugen auch schon einige Männer das Kind in die Wohnung. Ein starker Blutstrom quoll aus einer grossen, klaffenden Kopfwunde über das blonde Haar herab. Es wurde sogleich ein Arzt geholt, der die Wunde verband und die verzweifelte Mutter zu beruhigen suchte. Die Verletzung sei nicht gar so gefährlich, meinte er, und das Kind werde in kurzer Zeit wieder vollständig hergestellt sein. Doch schon nach wenigen Tagen musste er constatieren, dass eine Hirnhautentzündung eingetreten sei. Zwei volle Wochen lag der Knabe in ununterbrochenem Fieber-Delirium. Er glaubte sich beständig von den Buben verfolgt. „Sie kommen! Sie kommen!" rief er oft angsterfüllt und streckte dabei, wie Hilfe suchend, die mageren Händchen aus. Die Mutter wich während der ganzen Zeit nicht einen Augenblick vom Krankenbette ihres Kindes. Endlich wurde es von seiner Qual durch den Tod erlöst. Der Schmerz der armen Witwe kannte keine Grenzen, als man die kleine Leiche hinaus auf den „Guten Ort'' führte. Die ganze jüdische Gemeinde hatte sich bei dem Begräbnisse des Kindes, das dem Hasse zum Opfer gefallen war, eingefunden. Auch der Rabbi war anwesend. Und als dieser die Grabrede mit den Worten begann, die der Patriarch ausgerufen hatte, als er die blutbefleckten Kleider seines Sohnes Josef erblickte: „Torauf tauraf Jaosef!". da blieb kein Auge thränenleer. Und als er seine Rede schloss, gieng ein krampfhaftes Schluchzen durch die Versammelten, das gar kein Ende nehmen wollte. — Aber am meisten jammerte der kleine Daniel. Er war gar nicht zu beruhigen. Das Jammern des Kindes um sein todtes Brüderchen schnitt den Versammelten förmlich ins Herz. Als man nun vom Friedhof zurückkehrte in das Haus, das jetzt so still, und armseliger als je geworden war. und Daniel noch immer nicht beschwichtigt werden konnte, da nahm ihn die tiefgebeugte Mutter, auf dem Trauersacke sitzend, an ihre Seite, und während grosse Thränen über ihre bleichen, abgehärmten Wangen rollten, sprach sie zu ihm: „Jammere nicht, mein Kind, denn Gott hat es so bestimmt." Und dann nahm sie den blutbefleckten Kieselstein aus ihrer Tasche und reichte ihn ihrem Söhnchen mit den Worten: „Daniel, hier hast Du den Stein: bewahre ihn auf Dein Lebenlang! Erinnern soll er Dich stets daran, dass Du Jude bist!...'* Bei Frau Commerzienrath Goldner gab's heute „Jour". Es waren zahlreiche Damen der Gesellschaft anwesend. Zufällig kam man auf den berühmten Arzt, den Professor Daniel Friedner zu sprechen. E-i sei eigentlich recht merkwürdig, meinte man, dass dieser, ein angesehene!-, berühmter Mann, sich mit dem Judenthum gar so eifrig beschäftige, an all dessen Bewegungen lebhaftesten Antheil nehme und auch sonst bei jeder Gelegenheit seine Zugehörigkeit zum Judentnum geradezu demonstrativ zur Schau trage, und sich förmlich mit jedem polnischen Kaftan-Juden solidarisch fühle, er, der doch eigentlich sowohl durch seinen Beruf, als auch durch seine sociale Stellung, völlig ausserhalb der Judenheit stehe. Es sei dies wohl pure Popularitätshascherei, meinte eine der Damen; die Sucht eine politische Rolle zu spielen, äusserte eine andere. „Nein", entgegnete die Hausfrau, „es ist dies bei ihm nichts als eine Schrulle, er hat

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