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Die Welt · 1900-10-12 · 41 (12.10.1900) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
41 (12.10.1900)
Article
Die Bibel im Lichte eines ägyptischen Archivs aus dem XIV. Jahrhundert v. Chr.
Date
1900-10-12
Page
12 (sequence 3)
Language
German
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Seite 12 „Die Weif Nr. 41 die merkwürdige Thatsaehe, dass in Palästina um das Jahr 14-00 v. Chr. — noch vor der Einwanderung der Hebräer — eine Sprache gesprochen wurde, die fast ganz mit der hebräischen identisch ist. Die babylonische Sprache war also bloss als diplomatisches Verkehrsmittel zwischen den palästinensischen Vasallen und dem ägyptischen Hofe im Gebrauche, die innere Landessprache aber war die kananäische, die mit dem Hebräischen im Wesentlichen übereinstimmte. Diese Kananismen sind auch für die Erkenntnis der Entwicklung der hebräischen Sprache von grosser Bedeutung. Da die Keilschrift auch Vocale wiedergibt, so erfahren wir den Grad der Verwandtschaft des Kacanäischen mit dem Hebräischen nicht blos^ aus dem Wortschatze, sondern auch aus der Vocaleigenthümlichkeit in den einzelnen Wörtern. b) Stilistische Aehnlichkeiten. Von grossem Interesse sind die Parallelen, welche die Tell-Amarna-Briefe mit dem biblischen Stile aufweisen. Briefe sind kein literarisches Product. Sie sind vor allem spontane Aeusserungen und Mittheilungen der Schreibenden, bei denen die Kunstform vor dem sachlichen lohalte in den Hintergrund tritt. Und dennoch haben die Tell-Amarna-Briefe grossentheils ein gewisses literarisches Gepräge, eine bestimmte Form, man möchte sie eine Schablone nennen, die sich besonders in den stilistischen Redewendungen kundgibt. Man darf eben nicht vergessen, dass diese Urkunden nicht Briefe privater Natur sind, sondern diplomatische Mittheilungen hoher Beamten in Palästina an den königlichen Hof in Teil-Am am a. Die Schreiber dieser Briefe mussten sich in ihrer Correspondenz an den „Abglanz der Sonne" (so nannte sich Amenöphis IV.. anspielend auf den Gott R?a=Sonne, dessen Cult er ausschliesslich einführen wollte), eines besonderen, mit mannigfachen Floskeln gezierten Stiles bedienen, der in Bezug auf die Reverenz das Hundertfache zumindest ausdrücken sollte von dem. was sie in Wirklichkeit aussagen wollten. Manche Briefe sind fast vollständig mit derartigen ceremoniellen Phrasen ausgefüllt, während der sachliche Inhalt kaum durch einige Worte ausgedrückt wird. Wir wollen nur zwei derartige Briefe zur Illustration hier wörtlich anführen: Brief 144 (bei Winckler): An den König, meinen Herrn. Namjawaza, Dein Diener, der Staub Deiner Füsse. der Boden, worauf Du trittst der Thron, darauf Du sitzst, der Schemel Deiner Füsse. Zu Füssen des Königs, meines Herrn, der strahlenden Sonne siebenmal zu siebenmal falle ich. Mein Herr ist die Sonne Jim Himmel, und wie auf das Aufgehen der Sonne vom Himmel, so warten die Diener auf das Hervorkommen der Worte aus dem Munde ihres Herrn. Siehe, ich sammt meinen Leuten und meinen Streitwägen, sammt meinen Brüdern und meinen Habiri und sammt meinen Suti stehe zur Verfügung der Truppen, wohin auch befiehlt der König, mein Herr. Brief 149. An den König, meinen Herrn, meine Götter, meine Sonne: Abi-milki, Dein Diener, sieben und siebenmal zu Füssen des Königs, meines Herrn, falle ich. Ich bin der Staub unter der Sandale des Königs, meines Herrn. Mein Herr ist die Sonne, welche aufgeht über die Länder alltäglich nach der Bestimmung des Sonnengottes, seines Vaters, des gnädigen, der belebt durch sein freundliches Wort, und welcher . . . bei seinem Untergange, welcher hinlegt alle Länder in Ruhe in festem Bande, welcher ertönen lässt seine Stimme am Himmel wie Addu, so dass erzittert das ganze Land vor seiner Stimme. Siehe, es schreibt der Diener an seinen Herrn, wenn er hört eine Botschaft günstig für den König, welche gelangt zu dem Diener. Aber ein gutes Wort, das ausgeht aus dem Munde des Königs, meines Herrn, an seinen Diener: es vergeht sein Klang, bevor anlangt der Bote des Königs, meines Herrn . . . Auch das ganze Land fürchtet sich vor meinem Herrn, bis ich vernehme das freundliche Wort und den frohen Boten, der an mich gelangt. Wenn sagt zu mir mein Herr: Sei zur Verfügung meines Grossen, dann sagt der Diener zu seinem Herrn : ich werde es sein. Auf Brust und Rücken trage ich das Wort des Königs, meines Herrn . . . Siehe, ein Diener, welcher hört auf seinen Herrn, heil ist seine Stadt, heil sein Haus, sein Name wird auf ewig bestehen. Du bist die Sonne, die aufgeht über ihn, und die Mauer aus Erz, welche schützt ihn, und weil die Hand meines Herrn die starke — so sagt dieser zur Sonne Abi-milki's (= meiner Sonne), meinem Herrn : Stets will ich sehen das Gesicht des Königs, meines Herrn (ihm gehorchen). Und siehe, ich bewache die Stadt Tyrus, die grosse Stadt für den König, meinen Herrn, bis auszieht die Hand (Streitmacht) des Königs, die starke, zu mir, um zu geben Wasser zum Trinken für mich und Holz zum Wärmen für mich. Ferner Zimrida, der Sidonier, es schickt Tag für Tag (an ihn) der Rebell Aziri, der Sohn Abd-Asrafs, über alle Dinge, die er vernimmt aus Aegypten. Darum schreibe ich an meinen Herrn, und es ist gut, dass er es weiss. Eine Vergleichung dieser Briefe mit der Bibel in stilistischer Hinsicht ist von hohem culturellen Interesse. Es ergibt sich daraus die Abhängigkeit der palästinensischen Cultur von der babylonischen in nicht minder charakteristischer Weise, wie aus einer anderweitigen Vergleichung, etwa der biblischen Gesetzgebung und der juristischen Denkmäler Babyloniens. Manche Briefe erinnern uns ganz an biblische Psalmen oder an poetische Wendungen in den prophetischen Schriften. Solche gemeinsame Wendungen können nicht auf Zufall beruhen, ebenso wie andererseits auch von einer bewussten Beeinflussung nicht die Rede sein kann. Die Wendungen müssen schon Jahrhunderte früher in der hebräischen Sprache — in socialem Verkehre unbewusst herübergenommen — gelebt haben, nur dass uns leider aus dieser frühen Periode keine hebräischen (literarischen) Denkmäler überliefert sind. Es gilt von dieser Aehnlichkeit dasselbe, was D. H. M ü 11 e r in seinen „Ezechiel- Studien" bezüglich des babylonischen Einflusses in den Reden Ezechiels behauptet: „Es ist eine irrige Vorstellung, zu glauben, dass in jenen alten Zeiten die Literaturen der verschiedenen Völker voneinander abgeschlossen waren und ohne Einfluss aufeinander geblieben sind. Sie hingen vielmehr enger zusammen, als man gemeiniglich glaubt, und man darf mit gleichem Rechte von einer vorderasiatischen Literatur jener Zeit redeD, wie heute von einer europäischen." Schon um das Jahr 1400 v. Chr. kann man — wie wir sahen — von einer vorderasiatischen Literatur sprechen, man muss hinzufügen: Eo ipso von einer vorderasiatischen Cultur, in deren Mittelpunkte die babylonische Cultur steht. III. Geographisches. Die Tell-Amarna-Briefe enthalten eine Reihe örtlicher Bezeichnungen, sei es von Städten oder grösseren Gebieten, von denen sich die meisten mit den biblischen Namen identificieren lassen. Die in den Büchern Josua und Richter enthaltene Topographie Palästinas findet daher in den Tell- Amarna-Urkunden eine wertvolle Ergänzung und Beleuchtung. (Schluss folgt.)

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