Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Article
- Die Bibel im Lichte eines ägyptischen Archivs aus dem XIV. Jahrhundert v. Chr.
- Date
- 1900-10-12
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 41 „Die s£ Welt" Seite 11 Forschung, die auch bisher manches wichtige Resultat gezeitigt hat.1) Die Tell-Amarna-Inschriften enthalten eine Sammlung von Briefen und diplomatischen Berichten aus der Zeit Amenöphis 1IL und Amenöphis IV., zweier ägyptischer Könige der XVIII. Dynastie, ungefähr um das Ende des XV. und den Beginn des XIV. Jahrhunderts v. Chr. Ein kleiner, aber sehr wertvoller Theil der Texte enthält Briefe, die zwischen diesen beiden Pharaonen und ihren königlichen Zeitgenossen am Euphrat und Tigris, den Königeu von Babylonien und Assyrien und einigen anderen vorderasiatischen Herrschern gewechselt wurden. Den weit grösseren Raum jedoch nehmen die Briefe, respective Berichte der palästinensischen Fürsten ein, welche zum ägyptischen Hofe theils im Vasallenverhältnisse stehen, theils als Beamte und Statthalter fungieren. Was zunächst an diesen Urkunden auffiel, waren Schrift und Sprache. Obwohl in Aegypten gefunden, waren sie nicht in der altägyptischen Hieroglyphen-Schrift, sondern in babylonischer Keilschrift und Sprache abgefasst, und wiesen somit eine bis dahin von niemandem geahnte Thatsache auf: Die babylonisch-assyrische Sprache bildete in der Mitte des II. Jahrtausends das officielle Verkehrsmittel im diplomatischen Austausche zwischen allen Staaten Vorderasiens und -ägyptens. Diese merkwürdige-Thatsache kann nur dann erklärt werden, wenn eine längere, mehrere Jahrhunderte dauernde culturelle Einwirkung von Babylonien aus auf das ganze Gebiet zwischen dem Euphrat und dem Mittelmeere stattfand, und eine solch mächtige Einwirkung wiederum ist nur dann verständlich, wenn es eine Zeit gab, wo ganz Vorderasien auch politisch von Babylonien abhängig war. Wie immer dem sei, genug, dass um die Mitte des IL Jahrtausends Babylon der Ursitz der liildung und des Völkerverkehres war, dass sich alle Staaten Vorderasiens seiner Cultur unterwarfen, und — was für uns hier am meisten in Betracht kommt — dass auch Palästina und Phönicien zu jener Zeit die Einwirkungen der babylonischen Cultur in reichem Masse erfahren hat. In welchem Verhältnisse stand damals — diese Frage drängt sich zunächst jedem auf — Palästina zu Aegypten? Noch vor der Entdeckung der Thontafeln von Tell- Amarna haben die ägyptischen Denkmäler von der Herrschaft Aegyptens über Palästina Kunde gebracht. Die Eroberungszüge der Pharaonen gegen Palästina begannen schon im XVI. Jahrhundert Thutmosis III. war es besonders (1503—1449), der mit starker Hand nach Asien hinübergriff, und durch mehrere Feldzüge sich die Herrschaft über ganz Syrien sicherte. *) Der Name Tell-el-Amarna wird heute auch in Laienkreisen, d. h. ausserhalb der Orientalistenschar nicht unbekannt sein. Die Wichtigkeit des dort entdeckten Fundes hat es mit sich gebracht, dass man bald auch in weiteren Kreisen für denselben Interesse gewonnen hat. Nachdem von fachmännischer Seite die weitreichende Bedeutung dieser Inschriften erkannt und im einzelnen festgestellt wurde, erörterten auch populäre Zeitschriften, ja sogar Tagesblätter deren Inhalt, und würdigten ihren Wert für die Erforschung des alten Orients. Hier sollen aber nur die wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten genannt werden, die diesen Gegenstand behandeln, und auf denen obige Abhandlung hauptsächlich basiert: 1. H. W i n c k 1 e r: Die Thontafeln von Tell-el-Amarna 1S96. ± Halevy: La correspondence d'Amenöphis IV. et la Bible (Rev. d. et. juives XX—XXI). 3. Zimmern: Palästina um d. J. 1400 v. Chr. nach neuen Quellen (Zschr. Pal. Ver. XIII 133—147). 4. Delattre: Le pays de Chenaan province de l'ancien empire Egyptien (Rev. d. quest. hist. 1896). 5. Mittheilung der vorderasiatischen Gesellschaft 1S97 (Peiser, Glaser). 6. Winckler: Geschichte Israels 1S96. 7. Winckler: Die Hebräer in den Tell-Amarna-Briefen (Semit. Stud. of Koh. 1S98). 8. Hommel: Die altisraelitische Ueberlieferung 1897. 9. Trampe: Syrien vor dem Eindringen der Israeliten 189S. Später hörte aber die Kriegslust am Hofe zu Theben auf, allmählich lockerte sich dessen Oberhoheit über Palästina, bis sie unter Amenöphis IV. — wie eben aus den Tell-Amarna-Briefen ersichtlich ist — zu einem Schatten herabsank. Die Briefe enthüllen uns nämlich ein ganz merkwürdiges Bild der politischen Lage in Palästina, ein Bild völliger Anarchie, der gegenüber der ägyptische Hof ganz machtlos ist Das ganze Land ist in kleine Staaten zerrissen, deren Machthaber, ägyptische Vasallen, unter einander beständig rivalisieren. Die ägyptische Herrschaft, obzwar officiell noch zu Recht bestehend, ist in Wirklichkeit nur noch ein Schatten, während fremde Völkerschaften immer weiter von Kleinasiea und Nordsyrien her vordringen, wobei sie sogar von einzelnen Fürsten unterstützt werden. Zwar ist der Nimbus des ägyptischen Namens noch so gross, dass keiner der palästinensischen Häuptlinge einen offenen Aufstandsversuch wagt, doch im Stillen conspirieren sie mit dem eindringenden Feinde, während sie gleichzeitig vor dem ägyptischen Hofe in Ehrfurcht ersterben und als seine untertänigsten Sclaven ihrer Vasallentreue in allen möglichen Loyalitäts-Phrasen versichern. Nebenher laufen gegenseitige Atiklagen und darauf bezügliche Rechtfertigungsschreiben. Häufig ergehen Hilferufe an den König um Truppen; aus allen Landestheilen, von der Nordgrenze Emurs bis zum südöstlichen Kanaan, wird dem Hofe über die trostlosen Zustände Bericht erstattet; überall ist die ägyptische Herrschaft schwer gefährdet. Doch alles Bitten ist vergeblich, die Bande der Ordnung lösen sich immer mehr, und fremde Völkerschaften brechen in Palästina ein. Wie ist aber dieser Thatbestand damit in Einklang zu bringen, dass Aegypten sonst in unseren Briefen als eine einflussreiche Figur im Concerte der vorderasiatischen Mächte erscheint, indem es einen lebhaften, geregelten Botschaftsverkehr mit benachbarten und entfernten Grossstat ten unterhält? Man führt allgemein diesen merkwürdigen Contrast auf die eigenthümlichen Verhältnisse innerhalb Aegyptens selbst unter Amenöphis IV. zurück. Eine radicale, religiöse Reform, die dieser König unternehmen wollte und die auf eine Art von Monotheismus abzielte, brachte ihn in schroffen Conüict zu den eigenen Unterthanen, namentlich zur mächtigen Priesterschaft, verursachte ihm langwierige Kämpfe innerhalb des Reiches selbst welche seine Kraft nach aussenhin lähmten und es ihm unmöglich machten, der Anarchie in Palästina gegenüber seine Oberherrschaft zu bethätigen. Das ist in kurzem der allgemeine Inhalt derTell- Amarna-Briefe, die — wie schon erwähnt wurde — den Geschichtsforschern neue Perspectiven in Bezug auf den Gang der geschichtlichen Entwicklung im alten Orient, insbesondere im Laufe des zweiten Jahrtausends eröffnet haben. Nach diesen einleitenden Bemerkungen wollen wir nun die Beziehungen aufweisen, welche zwischen diesen Briefen und der Bibel bestehen. II. Sprachliches, a) Hebräische und kananäische Sprache. Die aus palästinensischen Städten, insbesondere aus Jerusalem herrührenden Briete enthalten eine Anzahl Wörter, welche nicht babylonisch klingen und thatsächlich von den Absendern selbst durch einen schrägen Keil nach dem entsprechenden babylonischen Worte als Randerklärungen, Glossen, bezeichnet werden. Die meisten dieser Glossen, die der Absender offenbar als geläufigeren Ausdruck, oder um dem babylonischen Worte die richtige Deutung zu geben, verwendet, sind fast ganz hebräisch, und so ergibt sich denn aus diesen unscheinbaren Glossen