Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Article
- Dienstbotenzöglinge
- Date
- 1900-10-12
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 4 „Die & Welt" Nr. 41 Dienstbotenzöglinge. Von Betty Seligmann (Eberbach a. N., Baden). Es soll schon immer so gewesen sein — wenigstens ist es in der mannigfaltigsten Form geschrieben und gesagt worden — dass, wenn Frauen zum Austausche der Gedanken beisammen waren, unbedingt von Toiletten und Dienstboten gesprochen werde musste. Man lächelte, man spöttelte darüber, und nicht am wenigsten die Damen selber, die über derartige Alltäglichkeiten erhaben waren. In den letzten Jahren musste ich aber die eigenthümliche Beobachtung machen, dass nicht nur bei gedankenarmen und ungebildeten Hausfrauen und Müttern die Dienstboten das Thema zur Unterhaltung boten, sondern überall, bei Gebildeten und Ungebildeten, bei Bemittelten und Unbemittelten, wurde die Dienstbotenfrage erörtert, ja nicht selten geschah es, dass selbst Männer sich an dem Gespräche betheiligten und — mitklagten. Es ist eben eine Thatsache, dass die Dienstbotenfrage eine ernste und wichtige geworden ist. Doch würde es mich zu weit führen, wollte ich mich auf die Dienstbotenfrage im Allgemeinen hier einlassen. Sie ist zur Genüge jedem meist aus eigener Erfahrung bekannt. Hier handelt es sich lediglich um die jüdische Dienstbotenfrage. Da möchte ich allerdings einige Worte hinzufügen, die zur Besserung der Nothlage beitragen sollen. In dem Artikel „Jüdische Dienstboten" in Nr. 3S der „Welt" sagt mit Recht die Verfasserin, es sei Pflicht der jüdischen Frau, über eine möglichst befriedigende Lösung der Verhältnisse, in denen sich unsere unglücklichen Schwestern befinden, nachzudenken. Hunderte von jungen jüdischen Mädchen sind aus der Heimat vertrieben worden, mussten die Stätte ihrer Kindheit verlassen, weil sie dort keine Arbeit und somit kein Brot mehr fanden. Mittel- und schutzlos ziehen sie hinaus in eine unbekannte Ferne, in eine traurige, hoffnungsarme Zukunft. Sie sind im Elende aufgewachsen, alle, auch diejenigen, die jetzt noch in der Heimat, die leider keine Heimat ist, kümmerlich ihr Leben fristen, ohne Erziehung, fast ohne Unterricht, verhöhnt und Verstössen aus der Gesellschaft. Man muss sich unwillkürlich fragen: Was soll aus diesen unglücklichen Mädchen werd^, was kann aus ihnen werden? — Sie müssen ja verkommen! Welche jüdische Frau, welches jüdische Mädchen, welche warmfühlende Zionistin wird das lesen, hören, begreifen, und nicht von der grössten Theilnahme erfüllt werden, und nicht von dem Wunsche beseelt werden, helfend einzugreifen? Jede wird sich bemühen, alle Kräfte anstrengend, Mittel und Wege zu finden, um diesen armen Geschöpfen zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen. Hier in Deutschland hat gerade in den letzten Jahren der Wohlstand der Juden auf dem Lande nachgelassen, und mancher Vater sieht sich genöthigt, seine Töehter, sobald sie erwachsen sind, in die Stadt zu schicken, damit sie dort selbständig ihr Brot verdienen. Das geht nun nicht anders und ist nicht nur bei den Juden der Fall, sondern auch bei den anderen Nationen. Aber: Die anderen Bauern- und Handwerkertöchter, die in den Dienst gehen, werden Kinder-, Zimmer-, Küchenmädchen, zum Theile auch Köchinnen. Wie viele jüdische Kinder-, Zimmer- und Küchenmädchen haben wir? Fast keine — der Lohn ist nicht hoch genug, es schickt sich wohl auch nicht; Köchinnen, ja, das findet sich noch, die grössere Zahl aber wird Verkäuferin, Modistin, Schneiderin... Eine einfache, bescheidene, tüchtige, jüdische Dienstmagd, das gibt es in Deutschland nicht — ich wenigstens kenne keine. Ursache hiervon ist, wie die Verfasserin des Artikels in Nr. 38 sehr richtig bemerkt, „ein Vorurtheil, eine seltsame Begriffsverwirrung ethischer An¬ Anschauungen." Arbeit schändet nicht. Wie sagt doch Dorothea: „Dienen lerne das Weib bei Zeiten . . Dieses Vorurtheil in der jüdischen Gesellschaft Deutschlands, das keinen tüchtigen Dienstbotenstand aufkommen lässt, muss beseitigt werden, wenn einst ein jüdischer Staat richtig gedeihen soll. Und was wir hier schaffen, was ist es anderes, als Vorarbeit für das künftige Gemeinwesen? Wenn wir uns also entschliessen, die verlassenen, armen Mädchen des Ostens zu brauchbaren Gliedern der menschlichen und jüdischen Gesellschaft zu erziehen, so wollen wir vor allen Dingen darauf achten, sie zu einfachen und braven Dienstboten zu machen. Sie werden dadurch zu brauchbaren und dazu sehr geschätzten Gliedern der Gesellschaft. Selbstredend soll bei der Ausbildung unserer armen Schwestern, wie schon hervorgehoben worden ist, auf die individuellen Anlagen geachtet werden, insbesondere sichtbare Talente für andere Zweige der Arbeit nicht unberücksichtigt bleiben. Es handelt sich nun darum, wie die Erziehung und Unterbringung der arbeitsbedürf'tigen, jüdischen Mädchen praktisch eingeleitet werden könnte. Da möchte ich einige Vorschläge und Pläne, die mich in den letzten Wochen beschäftigten, meinen zionistischen Mitsehwestem unterbreiten. Vor allen Dingen stimme ich darin vollständig mit der Verfasserin des Artikels in Nr. 38 der „Welt" überein, dass halberwachsene, gesunde Mädchen bei guten, tüchtigeu Hausfrauen als Pfleg- und Lehrlinge unentgeltlich unterzubringen sind. Eine besondere, kleine Organisation müsste aber bestehen, eine Art Protectionssystem, damit z. B. Kinder, die — was ja passieren kann — in Hände gekommen sind, die sie unbarmherzig ausnützen, einen Haltpunkt haben, und andererseits Kinder, die sich anhaltend schlecht betragen oder an Heimweh kranken, zui ückgeschickt werden können. Ich denke mir das so : In grossen Städten, wie Frankfurt, Berlin, Wien wird ein Heim von den jüdischen Frauen errichtet, in denen Mädchen Aufnahme finden können. Dort werden sie auch genau nach Name, Alter, Heimat registriert. Im Heim verbleiben sie eine Zeitlang, lernen dabei Deutsch und werden beobachtet. Diejenigen, die als gutes Material befunden werden, können sogleich, andere nach 4—6 Wochen Probe- und Vorbereitungszeit untergebracht werden. Das ist das Erste. Zweitens: in einer jeden grösseren Stadt Oesterreichs und Deutschlands soll eine hilfsbereite jüdische Frau Häuser erkunden, die imstande und willens sind, ein rumänisches oder galizisches Judenmädchen als Dienstbotenzögling aufzunehmen. Sie wende sich stets, wenn sie Kinder unterbringen kann, an das Heim; sie hat die Liste über Namen und Alter der von ihr versorgten Kinder, ist also ihre Protectorin. Das Heim bleibt der Rückhalt. Auf diese Weise können immer neue Zöglinge aufgenommen werden, ohne dass die durch die Geldmittel zu bestimmende Zahl überschritten wird. Mit dem Heim verbunden sei ein Vermittlungsbureau für die ausgelernten Zöglinge, sowie für diejenigen erwachsenen Mädchen, die gleich als bezahlte Dienstboten in die jüdischen Familien eintreten können. Das jüdische Publicum könnte man dann durch geeignete Prospecte auf das Heim aufmerksam machen. Da es sich um jüngere Mädchen handelt, dazu um Mädchen aus den bescheidensten Verhältnissen und mit den bescheidensten Ansprüchen, so wären die Kosten zur Errichtung des Heimes gar nicht so grosse. Das Werk dieser Einrichtung aber wäre ein edles, der zionistischen Frauen würdiges. Ich glaube, dass mit ein bisschen Muth, bei der geringen Höhe der nöthigen Geldmittel, die Gründung eines derartigen Heimes und die sich daran anschliessende Aufnahme der Zöglinge in Familien, bald verwirklicht werden wird. Die Noth drängt ja auch dazu! Wünschenswert aber wäre, dass sämmtliche Frauen, die mit dem Plane einverstanden sind und eine Organisation