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Die Welt · 1900-10-12 · 41 (12.10.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
41 (12.10.1900)
Article
Der Zionismus im englischen Parlamente
Date
1900-10-12
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die j& Welt" .Nr..41 Von den Candidaten, die sich für den Zionismus ausgesprochen haben, werden viele als gewählte Vertreter ins Parlament einziehen. Werden sie sich dort des Versprechens erinnern, das sie in der Hitze und Gefahr des Wahlkampfes gegeben haben? Sollten sie daran vergessen wollen, dann werden wohl die englischen Zionisten wieder zur Stelle sein und die schlummernden Gewissen aufrütteln. Aber sie werden nicht vergessen. Denn es ist gar nicht einmal richtig, dass die Parlaments-Gandidaten nur ein Wahlgeschäft machten, als sie sich als Philozionisten bekannten. Es liegt mehr in dem einfachen „Yes", mit dem beispielsweise die beiden liberalen Candidaten von Portsmouth die Frage der „Portsmouth Zionist Association", ob sie im Falle der Wahl für den Zionismus eintreten wollten, kurz und bündig beantworteten. Das beweist uns der Inhalt der Zuschriften anderer Candidaten. Man erkennt daraus, dass die Schreiber den Zionismus wohl verstehen. Sie haben sich nicht allein von der alten Sympathie leiten lassen, die das bibelfeste England von jeher dem Geschicke Israels entgegenbrachte. Nicht darum allein sind sie Zionsfreunde, weil sie an die Verheissung der Schrift glauben, die von der Wiedergeburt des Judenstaates spricht. Sie erkennen im Zionismus, vor allem eine eminent sociale Bewegung, die geeignet ist, nicht nur der Massen-Einwanderung bettelarmer Juden ein Ziel zu setzen, sondern auch die Judenfrage in ihrem ganzen Umfange mit einem Schlage zu lösen. Ihr Blick ist durch die grossartige Golonial- Politik der vereinigten Königreiche geschärft Darum zweifeln sie keinen Augenblick an der Realisierbarkeit des zionistischen Gedankens. Darum auch verstellen sie die Bedeutung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina als Mittler zwischen Europa und Asien zu würdigen. Und nicht ohne geprüft zu haben, haben sie sich in ihren Zuschriften zum Zionismus bekannt. Es sind Männer unter diesen Parlaments-Candidaten, deren Name einen zu guten Klang hat, als dass sie es riskieren würden, sich schwarz auf weiss für eine Sache einzusetzen, die sie für undurchführbar oder für lächerlich hielten. Man darf also hoffen : Ueber kurz und lang wird der Zionismus auf der Tagesordnung des englischen, des „Parlamentes aller Parlamente41 stehen. Man muss wissen, was das bedeutet: Das bedeutet für uns, dass wir eine Tribüne haben werden, von der aus an die europäischen Regierungen, an das europäische Rechtsgefühl appelliert werden wird. Was im Londoner Parlament gesprochen wird, das verhallt nicht ungehört, es weckt vielmehr ein starkes Echo im .übrigen Europa. So können die Zionisten erwarten, dass sie in absehbarer Zeit das finden, was ihnen vielleicht noch mehr Noth thut als Geld: das Interesse, wir wollen hoffen, auch die Unterstützung Europas. Den Zionismus der parlamentarischen Behandlung zugeführt zu haben, ist das zweite grosse Verdienst der „English Zionist Föderation". Wir hören oft sagen; „Wenn Lord Beaconsfield heute lebte, der Judenstaat stünde schon da!" Wahr, aber vergessen wir nicht: Ein Beaconsfield, „der rechte Mann auf dem rechten Platze", kann morgen erstehen. Der grosse Staatsmann aber, oder die einsichtige Regierung, die den Zionismus realisieren helfen sollen, müssen die Zionisten gerüstet finden, Wie sie sich rüsten sollen, dafür ist die Wahlaction der „ Föderation * ein lehrreiches Beispiel. Ein Judentag. Von Eli Samgar (Berlin). Als der Deutsche Kaiser im Jahre 1890 seine socialpolitischen Erlässe in die Welt hinaussandte, die den Inhalt des immer machtvoller pochenden socialen Gewissens in legislatorische Kraft umsetzten, da murrte ein Theil der deutschen Intellectuellen. Nicht gerade jene breite Sippe von Ausbeutern, die das Einströmen jungen Lichtes in ihr düsteres Treiben zu fürchten hatten. Im Gegentheil: Jene Partei-Fanatiker des Marxismus, die den grossen Kladderadatsch der socialen Revolution erstreben, sie ironisierton und bekrittelten die Heilsthat des Kaisers umsomehr, als sie den Abfall der für Concessionen zugänglichen Genossen fürchteten. Der Kampf zwischen starrer Parteilehre und der Anpassung an den gegebenen Augenblick bleibt keinem erspart, der grosse nationale oder nur sociale Zukunt'ts-Ideale verficht. Es ist eine böse Lockung für den Gesinnungstüchtigen, dass ein Sperling in der Hand besser ist als zehn auf dem Dache! Als ich mit meinem Freunde G. einmal aus einer zionistischen Versammlung heimgieng, sagte er verdrossen: „Unsere Sitzungen sind jetzt fade. Früher! Was war das für ein munteres und kraftvolles Loshauen auf den Gegner. Jetzt, alles, was gegen uns auftritt, gibt zunächst zu, dass die Hälfte, ein Drittel des zionistischen Programms trefflich und gross sei. Diese Bruchtheil-Anerkennung des Zionismus ist unser Ruin." Es ist das eine Anschauung, die auf ganz gesunden Füssen steht. Aber sie ist doch recht parteichauvinistisch. Und die Entwicklung unseres zionistischen Programms, die Weitung unseres Gesichtskreises, die Vertiefung unserer Kenntnisse von der Lage der jüdischen Volksgemeinschaft spricht doch sehr eindringlich gegen jenen Fanatismus. Nicht nur für die Zukunft wollen und müssen wir arbeiten, sondern auch für die Gegenwart. Um unserer Zukunft willen! Die Erde, hat uns wieder. Diese Gegenwartsarbeit schlägt die Brücke zum Gelände, da unsere Gegner sitzen. Unsere Gegner? Wenn wir von jener trübseligen Clique absehen, die mit unserer heutigen Organisation nicht auskommt, weil sie darin nicht ihr — Auskommen findet, wenn wir jene w e s t europäischen Nochghettojuden beiseite lassen, welche die Natur — wie Anselm Feuerbach, der verkannte Malerheroe es einmal ausdrückt — auf das Wörtchen „aber* eingerichtet hat, die nur dazu dienen, Denk- und Thatkraft der anderen zu lähmen — wenn wir sie in Frieden lassen, wo sind denn unsere Gegner geblieben? Sie sind doch nur verkappte und zugeknöpfte Viertel, Halbe und xtel-Zionisten. Die Juden, die vom restlosen Aufgehen ins Deutschthum überflössen, wo sind sie geblieben? Wen nicht die Wässer der Vergessenheit aufnahmen, den haben die Wässer der Taufbecken verschlungen! Die anderen aber, das sind die Resignierten. Als der Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegründet wurde, was war das für ein fröhliches Hauen auf den Zionismus. Wir sind freilich auch nicht faul gewesen. Und heute? Die papierenen Staatsbürger sind sehr still geworden. Und wir — wir wissen ja, dass jede Vereinigung organisierter Juden, die ihre jüdische Ehrevertheidigen, die für jüdische Selbstachtung eintreten, e i n Stück Zionismus verkörpert Im Grunde ist der Staatsbürgerverein ein zionistischer Verein, der wie die Colonisationsverbände, wie die Arbeitsnachweise, wie die jüdischen Literaturgesellschaften ein bestimmtes Segment unseres Programmes übernommen hat. Arbeitstheilung! Fabula docet: Einst empörten sich die Glieder des menschlichen Körpers, Arm und Bein und Aug und Ohr gegen den Magen — und sie strikten. Der Magen knurrte in ohnmächtiger Wuth, aber die Glieder blieben bei ihrem Vorsatze. Bald aber kroch eine dumpfe Müdigkeit auch durch sie, und sie erkannten ihr thörichtes Beginnen. Mir scheint, dieses zehrende Gefühl der Ermattung hat den deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens eisern gepackt. Die Empörung der Einzelglieder gegen die Alma mater war ein Unglück. Wir wollen uns heute nicht mehr um die Bezeichnung „jüdischen Glaubens" streiten. Es war vielleicht eine überflüssige Principienreiterei, gar ein todter Streit um Worte, den Männern, die unter Ausschluss aller Partei politik und aller jüdisch-religiösen Ueberzeugungsvarietäten, für die rechtliche, sociale und Achtungs-Stellung der Juden eintraten, das Ehrenmal „jüdisch-national" aufzuzwingen, wenn sie ihre in der That nationale Thätigkeil — nun mal einen Glaub ensact nennen

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